Zwischen Reykjavík und Brüssel: Maris

Es maunzt und knistert und knuspert und knispelt, dass es eine wahre Freude ist. Katzen, Elfen und Sumpfhexen dürften bei Konzerten von Maris wohl in der ersten Reihe sitzen. Hinter Maris verbirgt sich eine eigenwillige junge Frau, die über Gott und andere Dinge nachdenkt und sich zwischen Reykjavík, Brüssel und New York bewegt. Mariske marisBroeckmeyer aus der Universitätsstadt Leuven tritt als Musikerin unter dem Namen Maris an. Ihre Welt ist in ein zärtliches Grau getaucht. Auf ihrer Debüt-EP „On God And Other Things“ erschafft Maris wunderliche Gegenwelten, in der Geister und andere Grenzgänger ganz selbstverständlich umgehen. Weirdpop nennt man das wohl, was sie hier mit tastender Neugier erschafft. Maris gefallen die irrlichternden kleinen Alltagsgeschichten die sich zwischen Tag, Traum und Nachtmahren ereignen. Sie spielt in Songs wie dem zart irritierenden „How´s Things“ mit elektronischen Störgeräuschen und legt ihre helle Stimme darüber. Entstanden sind die Aufnahmen in Island, wo sie sechs Monate lang Sound Design studiert hat. Vielleicht hat die Isländerin Sóley ein wenig Patin gestanden, die aber ungleich garstigee Geschichten erzählt als ihre belgische Cousine im Geiste. Maris experimentiert mit leise beunruhigenden Tönen, mischt tribale Klänge mit imaginierten Windharfen und macht sich mit offenen Augen und Ohren auf in das Land hinter den Spiegeln, wo die Dinge auf wundersame Weise sacht aus den Fugen geraten. Passt bestens zum nebeligen, grauen November, in dem die Grenzen zwischen realer und übernatürlicher Welt ohnehin gerne verschwimmen!

Händchenhalten mit Seed To Tree

Wenn du bloß meine Hand nehmen würdest! Dann könnte ich dich einfach fortbringen, irgendwohin, aber auf auf jeden Fall an einen Ort, wo es besser ist als hier! Seed To Tree haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass das Leben  noch schöner werden kann. Beim Start von Plan My Escape wurde versprochen, ab und zu einen Blick über die Landesgrenzen gen Luxemburg zu werfen. Wird hiermit eingelöst! Denn das Großherzogtum hat mit dem Rockhal im Örtchen Esch-Sur-Alzette nicht nur einen der besten Live-Clubs in Dreiländereck, sondern auch eine sehr lebendige Musikszene, über die man in Resteuropa nur wenig weiß. Seed To Tree, das Quintett um Sänger Georges Goerens, sieht sich unbedingt auf der Seite der emotionalen Verlierer. Aber begehrt trotzdem gegen die Tristesse auf und zieht mit großen Gefühlen in die Schlacht. Folkpoppig ist man gestartet, aber inzwischen sind rockige Gitarren hinzugekommen. Mit „The Wandering“ haben Seed To Tree im vergangenen Jahr ein feines, grundehrliches Album aufgenommen, das wunderbarerweise nicht groß auftrumpfen muss, um bei jedem Hören zu wachsen. Weniger ist manchmal mehr! Die luxemburgischen Fleet Foxes wollen wir nicht mehr sein!, scheinen Seed To Tree zu rufen. Wir schauen lieber mit offenen, klaren Augen auf den Alltag um uns herum und nehmen seismographisch auf, was sich an kleinen Dingen ändern könnte. Die Songs sind mit feinem Händchen arrangiert. Ein bisschen grenzwertmelancholisch, ein bisschen naiv und ein bisschen großäugig. Und wer schon immer wissen wollte, wie bescheidenes Pathos klingt, sollte den piano- und geigenverliebten Titeltrack hören. Ach ja, und das luxemburgische Englisch klingt allerliebst!

 

 

Marta Rosa schläft bis zum Frühling

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Von Abbiategrasso nach Gent mit Marta Rosa

Marta Rosa will so lange schlafen, bis die Blütenblätter wieder sanft auf ihre Haut regnen: Kann man angesichts des trüben Novemberwetters sehr gut verstehen, diesen Wunsch! Vielleicht sehnt sie sich im nebeligen Gent bisweilen auch nach ihrem italienischen Heimatstädtchen Abbiategrasso in der Nähe von Mailand, wer weiß? Dabei hat die junge Italienerin, die seit 2012 am Königlichen Konservatorium in Gent ihren Master im Fach Jazz Vocals macht, sehr viel Anlass, sich in der superlebendige Musikszene der flämischen Metropole wohlzufühlen: Denn hat sie viele unterschiedliche Musiker kennengelernt, darunter auch den Bassisten Nils Vermeulen, den Gitarristen Artan Buleshkaj and den Drummer Simon Raman. Gemeinsam bilden sie die Band Marta Rosa, die im Frühjahr ihr feines Debütalbum „Invertebrates“ vorgelegt haben. Die vier erkunden mit leichter Hand und sanfter Bittersüße die ewig aktuelle Frage, was die äußere Welt und die innere Welt verbindet. Wer nun klassischen Jazz erwartet, wird sich enttäuscht sehen: Marta Rosa zelebrieren feinen Nachdenklichkeitspop und streifen empfindsame Singer-Songwriter-Sounds. Liebäugeln mit dem Chanson, brechen überraschend in rockige Intermezzi aus und sind gerne auch mal übermütig und großäugig- naiv wie im kleinen Albumhöhepunkt „Shoes, Rocks And Boxes“. Wo sie sich einen Spaß daraus machen ihre Schuhe auf dem Kinderkarussel stehenzulassen, damit sich diese lustig weiterdrehen können. Marta Rosa liebt die präzise Improvisation und pflegt dabei eine zärtliche Lebensfreude. Das klingt mitunter wie klassische Joni-Mitchell-Schule, aber eben nur für Momente! Die junge Musikerin hat mit ihren drei Mitstreitern in Belgien in diesem Jahr erfolgreich an verschiedenen Nachwuchswettbewerben teilgenommen und ist unermüdlich in der Welt herumgstromert. Hat in Kathmandu Jazzvocals unterrichtet, in China zeitgenössischen Jazz studiert und in Brooklynn mit dem ekuadorianischen Gitarristen Luis Castro gearbeitet. Aber während all dieser Reisen ist sie die neugierige junge Frau geblieben, die sich mit weit offenen Augen durch die Welt bewegt und in Gent ihr künstlerisches Zuhause gefunden hat. Wer ausführlicher in ihre intelligenten und stillvergnügten Songs hineinhören will, kann dies bestens über die sehr empfehlenswerte flämische Site vi.be tun. Und den grauen November draußen vergessen!

 

(Foto Rachel Gruijters)

FÄR bringen die Dunkelheit zum Glühen

Dort, wo kein Licht ist und die eigenen Gedanken an die Wände prallen, dort wird man FÄR finden. Sagt das Duo aus dem Örtchen Brakel  zu den eigenen, elegant verdüsterten Elektropop-Klängen. Ach, An-Sofie De Meyer und Tim De Gieter, ihr vergesst vielleicht etwas: Von eurer Schwärze geht eine pulsierende Wärme aus, die das Dunkel zum Glühen bringt! faerFÄR schwelgen in großen Mitternachts-Gefühlen, edel und dandyhaft. Das ist wohl Gothic Pop, was das Duo hier zelebriert. Passt doch zum herannahenden Totenmonat November. Die beiden flirten mitunter mit dem Bombast. Verlangsamen die Dinge auf elegante Weise, wenn sie sich auf die Suche nach den Sündern der Nacht machen. Die sollen sie durch unbekannte Gefilde leiten! FÄR lebt von der geheimnisvollen und lasziven Stimme von An-Sofie De Meyer, von der man sich gerne auf Abwege leiten lässt. Das Duo hat in diesen Tagen sein Debütalbum vorgelegt, das von Schwarz-Weiß-Ästhetik lebt. Und dreht die Synthies weit auf in fein überkandidelten Tracks wie“Shot“ weit auf, zu dem sie ein sehr ästhetisches Video gedreht haben. Fast besser gefällt der ruhigere, herzschmerzige Song „Hands“. Wer in die bereits erschienene EP hereinhören will, kann dies über Bandcamp tun. Und sich auf die sanfteste Weise in den Edgar-Allen-Poe´schen Maelström hinabziehen lassen!

 

(Foto: Gert-Jan De Baets)

Weil ich ein Mädchen bin: Angèle

Eine junge Frau von gerade mal 20 Jahren. Mädchenhaft noch, mit runden Augen. Sie spielt sehr hübsch Klavier. Vor allem aber hat sie eine warme, zärtliche Stimme, die sie erfreulich zurückhaltend einsetzt. Laute Töne müssen in der Welt von Angèle aus Brüssel nicht sein. Lieber gibt sich die Nachwuchskraft aus musikalischer Familie verspielt und fröhlich. Leichte und luftige Töne liegen ihr. Kundig über Gefühle singen kann man auch in jungen Jahren. angeleVielleicht sogar besser als später, wenn die Desillusionierung eingesetzt hat. Mit sanften Kammerjazz steht sie auf Du und Du. Man kann sie sich bestens in einem kleinen Club hinter dem Klavier vorstellen. An warmen Sommerabenden, wenn der Tag müde geworden ist und die Schatten länger werden.

Und wie gut sie es versteht, eine kleine Melancholie in die Dinge zu bringen, die nie wirklich schmerzt. Viel vorzuweisen hat die Nachwuchskraft aus der belgischen Hauptstadt nicht. Ein kleine, aber feine Auswahl von Covern. Balladen von überflüssigem Ballast befreien, das kann sie gut. Etwa Johnny Cash zeigen, wie wunderbar es ist, ein Mädchen zu sein! Ihre Interpretation des Klassikers „Guess Things Happens This Way“ ist wunderbar leichtfüßig! So weit ich das überblicke, ist auch noch ein Cover eines Last Shadow Puppets-Songs dabei plus neue Interpretation von Tracks der dänischen Chanteuse Oh Land und der US-Indierocksters Awolnation. Ganz schön elaborierte Auswahl für eine 20jährige. Und wage einer zu sagen, Songs zu covern sei unkreativ! Ich kann diese wunderbare kleine Kompilation nur empfehlen. Bei mir laufen diese kleinen, feinen Töne auf Dauerschleife!

 

Stillvergnügt mit den Dada Waves

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Die Dada Waves auf der Suche nach Monsieur Magritte.

Einen Song über eine weise alte Eule schreiben? Dada Waves schaffen das, und zwar peinlichkeitsfrei! Die Band um Singer-Songwriter Jasper Stockmans lässt den sanften Psychedelik-Pop hochleben und hat dabei ein ironisches Glitzern im Auge. Hier kullern die Murmeln fröhlich durchs Kinderzimmer! Ganz unschuldig schleichen sich feine Elektronik-Sounds in dieses Universum scheinbar naiver Unschuld ein. Als prägenden Einfluss nennen diese Neo-Blumenkinder aus dem Örtchen Hoegaarden in Flämisch-Brabant übrigens die Überflüssigkeit der  Menschheit. Das ist gelebte Schrulligkeit! Die Fünf geben sich auf ihrem federleichten, selbst betitelten Debüt-Album wunderbar entspannt und stillvergnügt. Dass Stockmans seine musikalischen Anfänge in einer Punkband hatte, mag man kaum glauben. Der Track über die weise alte Eule war als erster da. Danach hat der Meister fünf Jahre lang im stillen Kämmerlein gewerkelt und bei seinem gelegentlichen Ausflügen in die Welt musikalische Mitstreiter wie Beatrijs De Klerck an Violine und Backing Vocals und Tom Poppe am Flügelhorn gefunden. Jawohl, das Flügelhorn, ein in der Popmusik zutiefst unterschätztes Instrument! Sehr fein ist übrigens auch die kleine Vocoder-Hymne „Dans Votre Absurdité“, die den guten alten Francopop und die 8oer Drumbeats hochleben lässt. Melancholische Euphorie ist es was diese eigenwilligen Fünf betreiben. Davon brauchen wir unbedingt mehr in der Welt!

(Foto: Koen Bouters)

Schwüler Nachmittag auf der Reeperbahn mit Warhaus

Soll man es fassen? Um fünf Uhr nachmittags, wenn das Nachtleben auf der Amüsiermeile in St. Pauli noch nicht mal ansatzweise gestartet ist, wartet eine mindestens zweihundert Meter lange Schlange geduldig darauf, Warhaus im Molotow zu sehen. Leicht verwirrt checkt man den Zeitplan. Spielt wirklich niemand anderes außer den von grünen Absinth-Wolken umnebelten belgischen Düsterpopsters um diese Uhrzeit? Tatsächlich nicht! Vielleicht wollen die Menschen in der Schlange heute noch die Antwort auf die Frage erhalten, was Liebe ohne Unordnung taugen soll. Denn das ist nur eines der Themen, das Warhaus alias Maarten Devoldere auf seinem Debütalbum „We Fucked A Flame Into Being“ streift. Devoldere, einer der beiden Frontmänner der belgischen Indiepopster Balthazar, zelebriert bei seinen ersten Schritten als Solokünstler einen Stil der Romantik Noir. Hat sich mit der Chanteuse Silvie Kreusch, ansonsten Sängerin bei den Dreampopstern Soldier´s Heart, eine veritable Femme Fatale mit an Bord geholt. In Hamburg treten Warhaus zu viert auf: Mit einem jungen Schlagzeuger und mit Jasper Maekelberg an der Gitarre, der als Mann hinter dem Projekt Faces On TV wohl auch zur erweiterten Familie gehört. Und das Album übrigens auch produziert hat. Das Quartett schafft es bei heller Nachmittagssonne und einem wunderbar satten, dunkelblauen Spätseptemberhimmel gleichwohl, eine Bar-Atmosphäre zu erzeugen. Durch dunkelschwarze Intensität und durch eine Hingabe an die dunkle Seite des Bänkel-Gesangs. Und durch feine jazzige Einsprengsel, vor allem dann, wenn der Meister zur Trompete greift. Man fühlt sich in das Berlin der 20er, an das Paris der 60er und das Brüssel von heute erinnert. Eine Mischung aus Melancholie, Großstadt-Verlorenheit, eigensinnigem Außenseitertum und stylisher Dekadenz. Die blasse, sehr silberblonde Silvie Kreusch stiehlt Devoldere an diesem Nachmittag fast die Show mit ihrer Lolita-Stimme und dem lasziven Tanzstil, der in jedem gehobenen Nachtclub gut ankommen würde. Die Frau ist von einer irritierenden, eckigen, katzenhaft unkonventionellen Schönheit. Und die Prise Verruchtheit passt bestens in die Reeperbahn-Umgebung! Mit der Liebe kommen wir der Verdammnis ziemlich nahe, wenn die Dinge schief laufen. Aber oh, wie aufregend!

Warhaus sind im Oktober übrigens auf kurzer Deutschland-Tour. Gut möglich, dass ich mich zum Frankfurter Konzert aufmache!

 

 

Leise flehen meine Lieder: Felix Pallas

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Felix Pallas

Wenn Männer schöner flehen, dann freuen wir uns doch: Da denken wir doch sofort an die wunderbare Szene aus dem 80er-Teenie-Klassiker „Pretty In Pink“ zurück, in der Anti-Held Duckie sich zu „Please Please Please Let Me Get What I Want“ von den Smiths  so sehnlichst wünscht, dass seine angebetete Andie seine Liebe endlich erwidert. Sie tut es natürlich nicht, sondern wählt idiotischerweise den wankelmütigen reichen Schnösel mit dem schwachen Mund. So geht das halt. Drehbuchautor John Hughes gönnt Duckie ein halbgares Happy End, das sich fürchterlich falsch anfühlt. Schön flehen tun auch Felix Pallas aus dem flämischen Örtchen Brasschaat: Sie tun das allerdings in Cinemascope, mit überkandidelten Falsett-Vocals und mit himmelhohen Synthies. Mitunter fühlt man sich fast an die jungen A-ha erinnert. Aus heutiger Sicht erscheinen die 80er im Übrigen fast wie die Zeit der Unschuld.

Schmachten de luxe: So geht das! Der Geist der luxusverliebten 80er Jahre wabert durch wunderbar künstliche Tracks wie „Curse“: Man könnte fast glauben, dass diese vier Herren (darunter übrigens ein Bruderpaar) weiße Bundfaltenhosen tragen! Felix Pallas ist selbstredend keine reale Person, sondern ein Konstrukt. Der Klang dieses Namens gefiel den Bandmitgliedern, weil er Latein und Griechisch verbindet. Da muss man erstmal drauf kommen! Hat hier etwa der klassisch-altsprachliche Schulunterricht bleibende Spuren hinterlassen?

Sänger Simon Nuytten und seine Mitstreiter sind in den vergangenen drei Jahren in Belgien bei verschiedenen renommierten  Nachwuchswettbewerben in die Endrunde gekommen. Sie haben bereits den Sprung über den Kanal geschafft und sind mehrfach in London aufgetreten. Aktuell werkelt das Quartett an seiner  zweiten EP. Über die empfehlenswerte belgische Musik-Entdecker-Site vi.be kann man ausführlich in die Songs aus der Anfangszeit des Quartetts hineinhören, die nicht ganz so überlebensgroß ausgefallen sind und fast zugänglicher wirken. Der neue Track“Curse“ mit seinen Vocoder-Effekten ist allerdings ein feines Stückchen Synthiepop mit einer kleinen schwarzen Rose im Knopfloch. Schwelgen wir weiter in elegantem Dunkelblau!

Mélanie De Biasio: Kein Requiem für Charleroi

Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar agiert in seiner Öffentlichkeitsarbeit genauso wie die Bagger, die er produziert: Grobschlächtig, aber effektiv. So haben sich die Manager des Unternehmens vor drei Tagen genau die Woche der Festlichkeiten zur 350-Jahrfeier von Charleroi ausgesucht, um schlechte Nachrichten zu verkünden: Das Caterpillar-Werk in der Stadt wird geschlossen. Über 2.000 Arbeitsplätze sind direkt betroffen. Mit Zulieferern sind es in der gesamten Region über 6.000. Anderswo wird billiger produziert, so die simple Begründung. blackenedNun ist Charleroi durch den Niedergang der traditionsreichen Stahl- und Kohleindustrie  wirtschaftlich stark gebeutelt. Der Schock bei den Menschen sitzt tief. Gefeiert haben sie an diesem Wochenende  trotzdem.

Ich war bislang ein Mal in Charleroi, an einem grauen, verregneten Sonntag. Die Stadt schien leer und verwundet. Klaffende Baulücken, Reste früherer Pracht. Latent aufsässig an den Ecken herumlungernde Menschen. Im Vergleich mit Charleroi scheint selbst das Rhein-Main-Schmuddelkind Offenbach wie ein florierende Frohnatur. Nun ist es so mit scheinbar hoffnungslosen Fällen, dass wir sie um so mehr ins Herz schließen. Ich zumindest. Denn was wollen wir mit der einfachen, saturierten Schönheit?

Charleroi ist die Heimat von Mélanie De Biasio. Die Sängerin und Flötistin scheint ihre Stadt in leidenschaftlichem Trotz verbunden. Vor kurzem hat sie „Blackened Cities“ veröffentlicht. Eine 25-minütige Improvisation über Heimat und Vergänglichkeit.

Mélanie De Biasio

Mélanie De Biasio

Wer Mélanie De Biasio kurzerhand in die reine Jazz-Ecke stecken will, liegt ziemlich falsch. Es ist minimalistischer Pop, den sie hier mit wunderbarer Zurückhaltung präsentiert. Es ist aufs Äußerste reduzierter, ausufernder psychedelischer Pop.  Ein Soundtrack für eine Roadmovie ohne Worte, in der die Kamera durch verlassene Industrielandschaften vagabundiert. Natürlich auch Kammerjazz, aber ohne jeglichen Schnickschnack. Es ist aber auch eine kluge Meditatiom über Vergänglichkeit. Kann schon sein, dass Billie Holiday von ihrer grauen Wolke zustimmende gen Charleroi nickt. Und noch etwas: Man braucht Geduld. Mélanie De Biasio und ihre wunderbare Band lassen sich Zeit, um sich ihrem Thema anzunähern. Das sind dunkelblaue, aber keineswegs resignative Töne. „Blackened cities are humble . Strangers stroll and lovers stumble“, singt Mademoiselle. Via Bandcamp kann man ausführlich in „Blackened Cities“ hereinhören.

 

Die Farbe von Schnee: Pieter Vermeyen

Im regnerischen Flandern mit seinen grauen Himmeln, denen Jacques Brel mit seinem Klassiker „Le Plat Pays“ ein Denkmal gesetzt hat, über den Schnee nachdenken. Genauer gesagt: Über die verschiedenen Formen und Farben von Schnee. Das tut der junge Antwerpener Sound-Tüftler Pieter Vermeyen auf seiner EP „Inuit“. Die Inuit, also die Bewohner von Grönland, besitzen mehr als 20 verschiedene Ausdrücke für Schnee. inuitVermeyen hat sich vier davon ausgesucht. Bewegt sich mit diesen ausufernden, fein nachdenklichen Tracks zwischen Neo-Klassik, Filmmusik, Ambient und Postrock. Um nur einige Einflüsse zu nennen. Es knuspert und knispelt hier, und ein romantisches Piano wagt mit vielen elektronischen Helferlein den Sprung ins 21. Jahrhundert. Klar, dass Vorbilder wie Ólafur Arnalds, Nils Frahm und Ludovico Einaudi hier nicht fern sind. Die Dinge entschleunigen sich in diesen vier verträumten, meist instrumental eingespielten Tracks auf wunderbar entspannte Weise. Diese sorgsam dahingetupften Töne sind traumtänzerisch und meditativ zugleich. Bringen Ruhe in eine hochnervöse Welt. Im Interview mit Middle Tennessee Music gibt der junge Musiker ausführlich Auskunft über den Entstehungsprozess des Albums. „The genre of Inuit  is like my biography: a summary of all my past and current musical fascinations“, sagt Pieter Vermeyen darin. Schön! Ich schreibe übrigens auch deshalb über Vermeyen,  weil er mich so höflich, freundlich und bescheiden kontaktierte. Jawohl, Bescheidenheit, eine heutzutage fast vergessene Tugend. In einer angeberischen, marktschreierischen, grellbunten Welt ist sie eine kleine Kostbarkeit. Besonders gefallen tut auf „Inuit“ übrigens der Track „Skriniya“: Das ist übrigens der Schnee, der den Boden niemals erreicht.