UMM lieben das Frühlingserwachen im Garten

UMM leben von den zerbrechlichen Vocals von Sängerin Lise Daelemans.

Ein Garten, ein ganz normaler, der aus der winterlichen Starre erwacht. Ist das ein aufregendes Sujet für einen Popsong? Unbedingt, wenn es nach UMM geht, der jungen Elektropopband aus Gent. Die aus Frühlingsgefühlen im feinen Track „One“ eine vertrackte und verträumte Angelegenheit macht. Fast wähnen wir uns in Island, dem Mutterland des Feenpop, wenn wir der zarten, eigenwilligen Stimme von Sängerin Lise Daelemans lauschen. Die es schafft, aus diesen durchaus experimentellen Tönen eine ebenso federleichte wie nachdenkliche Angelegenheit zu machen. Wer weiß, welche Geheimnisse dieser zart sprossende Garten bietet? UMM machen jedenfalls neugierig darauf, in grünen Frühlingswelten auf poetische Weise verloren zu gehen. Diese Synthies klingen ganz schön vorwitzig! Die gesampelten Harfen- und Klarinettenklänge fügen eine filigrane Dosis Geheimnis hinzu. Mit UMM hört sich Frühling so frisch an wie eine Maiglöckchenwiese mitten im Wald!

UMM, die fünfköpfige Band mit angenehm hohen Frauenanteil (drei Musikerinnen, zwei Musiker) werkeln aktuell an ihrer ersten EP, die im weiteren Jahresverlauf herauskommen soll und in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jeff Claeys entsteht. „One“ ist der erste Vorbote und lässt mitten im Mai die feinen Nebelschwaden wallen.

Photography & editing: Jade Madoe, Visuals: Emily Lefèbvre & KRU

 

Interessante Zeiten mit One Horse Land

One Horse Land können kein Wässerchen trüben. Meint man fast. Federleicht, ein bisschen naiv und angenehm zurückhaltend kommen die Songs der Band aus Brüssel daher. Dass Schüchternheit in überlauten Zeiten ein wertvolles Gut ist, haben die beiden Masterminds Jérémie Fraboni und Audrey Coeckelberghs letztens bei dem wunderfeinen Konzert im heimeligen Darmstädter Hoffart-Theater überzeugend bewiesen. Und all die skurrilen Instrumente, die hier zum Einsatz kommen: Denn eine Bassklarinette sieht man auch nicht alle Tage. Von der sympathischen Mann-Frau-Dynamik ganz zu schweigen! „Interesting Times“ lautet der Titel ihres jetzt erschienenen zweiten Albums, das verspielt, verschmitzt und lebensklug daherkommt. Die Darmstädter waren sowieso begeistert, weil die Belgier einen Tag vorher in Darmstadts französischer Partnerstadt Troyes aufgetreten sind. Ob sie den guten Schaumwein mitgebracht haben,  blieb aber offfen.

Einen Sinn für Situationskomik und die absurden Seiten des Alltags haben One Horse sowieso, wie sie im beschwingten „Traffic Jam“ beweisen. Da nehmen die belgischen Hauptstädter richtig Fahrt auf! Und wer jetzt neugierig geworden ist,  dem wird dringend ans Herz gelegt, sich ausführlicher mit dem dann doch nicht so braven Oeuvre von One Horse Land zu beschäftigen. Wer hat denn schon die Chuzpe, einen Song mit dem schönen Titel „Bored With Music“ zu schreiben?

 

 

 

 

Tristan, das geht nur mit Isolde

Sich neu erfinden. Als Musikerin geht das ganz einfach! Isolde Van den Bulcke hat beschlossen, dass sie nicht mehr Siam sein will. Die ehemalige künstlerische Identität abstreifen wie eine Schlangenhaut und sich einen neuen Namen geben: Tristan. Vielleicht die perfekte Ergänzung zur eigenen Isolde finden? Die Sängerin aus der Studentenstadt Gent hat in ihrer Heimat in den vergangenen zwei Jahren bei renommierten Nachwuchswettbewerben auf sich aufmerksam gemacht. War im Winter Artist in Residence beim Musikclub N9 inn Eeklo. Bewegt sich weiter nahe am Lounge-Jazz, aber legt sich nun warme elektronische Töne um den Hals wie eine Pelzstola. Und schwelgt dazu in urbanen Ambient-Sounds. Poppige Empfindsamkeit blitzt auf. Gleichwohl irrlichtert eine unruhige Improvisationslust durch diese Grenzgänger-Klangwelten. Glatt und angepasst klingt jedenfalls anders! Tristan gibt sich geheimnisvoll und vielschichtig. Kann schon sein, dass hier ein wenig klassischer Hollywood-Glamour mitschwingt! Kann schon sein, dass Tristan in edlen Pastellfarben träumt! Isolde Van den Bulcke bringt im Frühjahr ihr erstes Album als Tristan heraus. Das Video zu „Frank“ feiert jedenfalls überkandidelte Konsumwelten! Und Herzen, die in lasziver Schönheit brechen!

 

Einfach mal an nichts denken mit Ébbène

Einfach mal an nichts denken. Wie befreiend! Ébbène, ein junger Musiker aus Brüssel, ist ein stiller Traumtänzer zwischen Francopop, Folk, und viel Zärtlichkeit. Was die eigene Person angeht, so übt sich der Musiker in Zurückhaltung. Vielleicht will er sich ja bewusst zurückhalten, um den Fokus auf seine fein zurückgenommenen Töne legen. Eines kann er jedenfalls: Intelligente kleine Geschichten erzählen, die durchaus  schwärmerisch ausfallen können. Ohne jemals zu dick auftragen. Ein melancholischer Grundton schwingt mit, wenn er uns mit sanfter Macht in Richtung dunkelblaue Traumwelten entführt. Dezent eingesetzt Electronica geben Impulse. Groß ist das Werk der Nachwuchskraft natugemäß noch nicht. Und ein paar wenige Angaben zum Hintergrund täten auch nicht schaden. Gleichwohl: Ébbène malt die Welt in zarten Pastellfarben. Und wenn er von Barcelona schwärmt, dann ist es ein kühles, ruhiges Barcelona. Vielleicht um die frühen Morgenstunden, wenn auch die letzten Nachschwärmer heimgezogen sind und erste Möwen und unverbesserliche Träumer ganz unter sich sind. Bitte bald mehr! Ende April spielt Ébbène bei der ganz wunderbaren Konzertreihe Les Nuits Botanique, deren Macher immer ein besonders feines Händchen für die auf- und anregendsten neuen Entdeckungen haben. Es wird unbedingt mal wieder Zeit, nach Brüssel zu fahren!

Erhabene und ernste Töne mit Echo Collective

Erhabene, ernste und emotionale Töne: Wie gut, dass das vielköpfige belgische Neoklassik-Ensemble Echo Collective beim Eurosonic Festival 2018 im niederländischen Groningen in der großem Kirche am Fischmarkt aufspielt! Dass draußen der Regen pladdert und die Dunkelheit die friesische Metropole fast zu verschlingen scheint, passt bestens ins Bild. Nur gut, dass die Kirchenleute den irdischen Genüssen gegenüber aufgeschlossen sind und man sich im dräuenden, spärlich beleuchteten Innenschiff an einem gepflegten Glas Rotwein festhalten kann. Echo Collective sind mehr als ein halbes Dutzend klassisch ausgebildeter Musiker aus dem Großraum Brüssel, die in der Vergangenheit bereits mit Neoklassik- und Filmmusikgrößen wie A Winged Victory For The Sullen und Jóhann Jóhannsson zusammengearbeitet haben. Die beiden Gründungsmitglieder Neil Leiter and Margaret Hermant sind offenkundig keine Puristen der reinen Klassik, sondern nach allen Seiten hin offen. Als neueste Projekt haben sie kürzlich den Radiohead-Klassiker „Amnesiac“ komplett neu eingespielt und dem Meisterwerk neue Facetten abgerungen. Glückliches Belgien: Echo Collective haben beim Entstehungsprozess von einer „Künstler-Residenz“ im traditionsreichen Brüsseler Club Ancienne Belgique profitiert, der immer wieder junge Musiker fördert. Und die Künstler zu diesem ambitionierten Unterfangen ermuntert hat! An diesem Abend in Groningen aber schwelgen Echo Collective intensiv in ihren dunkel schimmernden Klangwelten. Ernsthaftigkeit ist das neue Cool!

 

Glass Museum schreiben den Soundtrack für sturmzerzauste Himmel

Elegante Grenzgänger: Glass Museum

Starten wir doch mit chilligem, angejazzten Elektronikpop ins neue Jahr und lauschen dem feinen Piano-Track „Opening“ von Glass Museum! Dazu kann man die Gedanken zum sturmzerzausten Himmel doch bestens schweifen lassen! Hinter Glass Museum verbergen sich die beiden berufsneugierigen Youngster Antoine Flipo und Martin Grégoire aus dem schönen westbelgischen Tournai, hart an der Grenze zu Frankreich und den Schti´s. Die Debüt-EP „Deux“ kommt im Mai  heraus und erfreut mit der feinnervigen Experimentierfreude der beiden Nachwuchskräfte, die hier den filmmusikaffinen Klaviersoundtracks fröhnen und es sehr gut verstehen, smoothe Electronika in klassische Klavierromantik einfließen zu lassen und elegante Spannungsbögen aufzubauen. Anklänge an Ambient-Sounds sind ebenso zu finden wie filigrane Techno-Anspielungen. Und dennoch ist es ein Track, der bei aller aufflackernden Nervosität eine große Ruhe ausstrahlt. Kann sein, dass GoGo Penguin hier nicht weit sind! Dass Glass Museum auch anders können und das Spiel mit den Rythmen bestens beherrschen, kann man bei diesem Live-Video bestens verfolgen, in dem die Jazz-Affinität des Duos noch besser zum Ausdruck kommt. Ganz schön vertrackt, aber elegant und leichtfüßig klingt das! Wird auch Zeit, dass die neueste Neo-Jazz-Renaissance kommt!

Foto: Gilles Dewalque

Wir können kein Wässerchen trüben: The Sunday Charmers

Mit ihren hübschen Blümchenhemden müssen The Sunday Charmers unbedingt Schwiegermitterlieblinge sein! Und dann schwelgen sie auch noch so schön in klassischen 60ies-Popharmonien und singen von goldenden Sommern! Hach, diese Erinnerungen an laue, lichte Sommernächte können wir in den dunkelsten Tagen des Jahres bestens gebrauchen! Die Brüder Etienne und Florian Donnet und ihr musikalischer Mitstreiter Morgan Le Grelle tragen die Haare nicht nur schick gekämmt,  sondern pflegen altmodische Tugenden wie den treuherzigen Hundeblick in der Popmusik. Das Kompliment ist ernst gemeint! Denn die nur scheinbar süßen Sounds, mit denen die Blondine Sue im dazugehörigen Song angeschwärmt wird, haben es beim dritten Hören in sich. Von wegen wir können kein Wässerchen trüben!  Das Trio hat aus den 60ies auch den psychedelischen Drang zum Ausufern und überraschenden Gefühlsausbrüchen mitgebracht. Man muss ein bisschen Geduld mitbringen, dann werden aus diesen sanften Träumern plötzlich Lederjackenkerle mit krachenden, übersteuernden Rockgitarren. Auf dem ruhigeren Track „This Way“ sehnsüchtigen sie aber gekonnt vor sich hin und zelebrieren den gepfegten Herzschmerz. Nach der EP „This Golden Summer“ arbeiten die stylishen Drei aus der Region Brüssel gerade an ihrem ersten Longplayer. Na denn, Jungs, let the sun shine in!

Foto: Thomas Prudhomme

 

Ich bin älter, als du denkst: Josefien Deloof

Junge Frau in Schwarz: Josefien Deloof

Eine junge Frau mit Gitarre. Josefien Deloof aus Brügge. Das könnte langweilig sein, wenn die gerade mal 19jährige bloß schüchtern vor sich hinklampfen- und piepsen würde. Das tut sie aber nicht! Denn Josefien Deloof hat eine Stimme zum Aufhorchen. Spröde, heiser, leicht kieksend und sehr anders! Wer ganz weit zurückdenkt, fühlt sich an bisweilen die unvergessene Melanie erinnert! Eine Stimme, die sehr erwachsen klingt und reichlich lebenserfahren. Ich bin älter, alis du denkst, singt sie im feinen Track „Please“. Mitunter geht es hier ins Soulige hinein, und Darkpoppige sowieso. Aufmerksam geworden auf die Sängerin bin ich über die immer geschmackssicheren Indies Keeping Secrets Brussels, die Josefien Deloof jüngst zu einem ihrer Geheimkonzerte geladen haben. In der belgischen Musikszene hat die Nachwuchsmusikerin zumindest schon aufgefallen: Beim Newcomer-Wettbewerb „Westtalent“ hat sie in diesem Jahr den zweiten Preis geholt und beim noch renommierteren Wettstreit De Nieuwe Lichting mischt sie auch noch mit. Ein großes Werk hat Josefien Deloof naturgemäß noch nicht vorzuweisen. Auf den Seiten der Talentsucher von vi.be kann man aber ausführlich in ihre dunklen, desillusionierten Klänge hineinhören. Das Live-Video zu „Please“ gefällt ausnehmend gut!

 

A star is born? Tamino

Wenn ein absoluter Newcomer wie Tamino das Publikum außerhalb seines Heimatlandes in einem vollbesetzten Konzertsaaal zu Standing Ovations hinreißt, dann ist das etwas Besonderes. Aber genau so ist es geschehen, am Samstag in der Lutherse Kerk in Leeuwarden beim wunderbaren Explore The North Festival in der friesischen Provinz. „Melancholische Lieder vom belgischen Supertalent“ heißt es in der Konzertankündigung. Vom Singer-Songwriter aus Antwerpen ist dort auch die Rede, aber mit harmlosen Klampfenjünglingen hat der 20jährige mit dem dunklen Lockenkopf nichts gemein. Sehr erwachsen, sehr tiefgründig und bewusst zurückgenommen klingen Taminos Songs an diesem kalten, verregneten Abend. Mit lauten und marktschreierischen Tönen hat der schlacksige Jüngling mit belgisch-ägyptischen Wurzeln nichts zu tun. Eher mit der fatalistisch-zärtlichen Flachen-Flanderland-Ästhetik seines berühmten Landsmannes Jacques Brel. Oder der dunklen Poesie eines Leonard Cohen. Die große Geste eines Jeff Buckley ist ihm nicht fremd. Alles ehrfurchgebietene Namen, aber an diesem Abend ist es spürbar: Dieser junge Grenzgänger zwischen Chanson, orientalischen Sounds und anspruchsvollem Melodram verfügt über eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz und ein sehr feines Händchen für Zwischentöne. Und einen beachtlichen Stimmunfang.  Und ganz gegen die Tradition bei Festivals fordert das Publikum in der Lutherkirche so energisch und einmütig eine Zugabe, dass diese auch gewährt wird. Beim ach so intim startenden „Habibi“ hält der gesamte Saal den Atem an.

In Belgien sind Taminis Konzerte ausverkauft

Die Mama hat Tamino Moharam Fouad in weiser Voraussicht nach dem Helden aus Mozarts „Zauberflöte“ benannt und im in frühester Jugend die Platten von Serge Gainsbourgh,  Tom Waits, des malischen Sängers Oumou Sangaré und natürlich der ägyptischen Diva Umm Kulthum vorgespielt. Sehr gut gemacht, Mama! Tamino hat bislang eine EP vorgelegt. Der dunkelblau schwebende Song „Cigar“ kündet ebenfalls von hoher Empfindsamkeit! In Belgien hat die Nachwuckskraft bei Nachwuchswettbewerben vorne mitgemischt und ziemlichen Eindruck hinterlassen. Bei den holländischen Nachbarn an diesem magischen Abend aber auch!

(Foto: Ramy Moharam Fouad)

 

Sonntagabendmusik mit Outer

Was machen wir am Sonntagabend? Wir trödeln, tun dies und das, liegen auf dem Sofa oder telefonieren lange. Holen Atem für die neue Woche. Das ist genau die Stimmung, die Outer vermitteln wollen. Outer sind ein neues Bandprojekt aus Gent um Tom Soetaert. Der Pianist liebt karge, menschenleere Landschaften. Und die Einsamkeit. Kein Wunder, dass Island sein Sehnsuchtsland ist! Im Nebel verloren gehen: Das geht bestens mit diesen dreampoppigen, elektronischen und postromantischen Klängen. Outer, der scheinbar schlau erdachte Bandname, hat einen sehr realen Hintergrund: Denn so heißt der Heimatort von Tom Sotaert westlich von Brüssel. Eines dieser Städtchen, aus denen man möglichst schnell weg will, die einem aber niemals wirklich loslassen. Man träumt sich hinweg. Man träumt von Harfenklängen, man träumt von all den hehren Idealen des romantischen 19. Jahrhunderts, als die Welt aber auch schon ganz schön kompliziert war. Die Debütsingle „Eyja“ ist im Traumland von Outer entstanden, im menschenleeren Norden Islands, weit entfernt von allen urbanen Zentren. „Eyja“ heißt Insel auf Isländisch und prunkt mit sehnsüchtigen Harfenklängen und einer zarten Sehnsucht nach dem idealen Ort. Das dazugehörende Video hat Sotaert selbst gedreht, rund um die Schaffarm, auf der die Aufnahmen entstanden. Die Schafwirtschaft als Inspiration für vergeistigte Sounds, das gefällt! Es sind schwärmerische Klangwelten, die Outer hier präsentieren, voller Leichtigkeit und Tiefe. Sich Zeit lassen, um den Dingen auf den Grund zu gehen: Schön, diese Lektion wieder zu lernen!

Foto: Sara Maroye