Postpubertäre Zukunftsangst: Kennedy´s Bridge

Britisch inspiriert klingt es schon, was Kennedy´s Bridge aus Liège spielen: nervös-souveränen Indiepop mit einem Hauch Dicke-Lippe-Attitüde und jede Menge postpubertärer Zukunftsangst.  Mag ja daran liegen, dass die wallonische Metropole mit ihren immer noch aktiven Stahlwerken und den heruntergekommenen Arbeitervierteln in Teilen so aussieht, als sei Billy Elliott dort gedreht worden. Liège ist sicherlich keine Stadt, in der man mit feinsinniger Schwärmerei durchkommt: Hier sind eine gesunde Rotzigkeit und eine gepflegte Nöligkeit im Alltagsleben sicherlich von Vorteil. Warum sich die fünf Anfangszwanziger von Herrn Kennedy als Namensgeber inspirieren ließen, bleibt unerklärt, was aber nicht wirklich stört. Denn das Quintett verströmt eine präzise Energie, gepaart mit allerlei gekonntem Elektronica-Schnickschnack, ohne dabei an straßenköteriger street credibility einzubüßen. Unbekümmertheit zählt!

Im März haben die Jungspunde ihre EP „Basics“ vorgelegt, in der sie zeigen, dass unter der coolen Attitüde durchaus ein Hang zur ausufernden Seufzerei vorhanden ist. Gut so! Dem Album kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen. Besonders gefallen tut der flotte Track „Finland“, der nicht nur auf Britpop-Partys gut ankommen dürfte. Und man überlegt sich, mal irgendwann mal wieder einen Abstecher nach Liège zu machen, falls Kennedy´s Bridge dort spielen sollten. Und um die tollsten innerstädtischen Treppenstufen der Welt zu besuchen, die escaliers de la montagne de Bueren mit ihren 374 Stufen!

 

Schimmern und glänzen mit Douglas Firs

Einen Song über den Verzehr von Brokkoli zu schreiben – auf diese Idee muss man erstmal kommen! Natürlich geht es in dem wunderschön reduzierten Piano-Stückchen „Shimmer And Glow“ auch um die Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen und um die dringliche Bitte, doch vor dem Fall ins Chaos bewahrt zu werden. Douglas Firs ist ein schöner Name für einen sensiblen bebrillten Grübler, aber mit bürgerlichem Namen heißt der junge Mann aus Gent Gertjan Van Hellemont. Und auch wenn es zunächst kaum so klingen mag, Douglas Firs sind eine Band: Mit dabei sind Gertjans Bruder Sem, Simon Casier von den den belgischen Indierockern Balthazar und der Szene-VeteranFrederik Van Den Berghe.

„Shimmer And Glow“ heißt auch der Titel des Debütalbums der jungen Band aus dem flämischen Landesteil Belgiens. Die einen Stil pflegt, der zwischen songwriterhafter Zurückhaltung und indierockiger Hingabe oszilliert. Douglas Firs stellen sich sicherlich Paradies so vor, dass dort Bob Dylan, Ryan Adams und Bill Callahan um ein Lagerfeuer sitzen und genießerisch seufzen.Das Quartett bringt es auf  fabelhaft leichtfüßige Art fertig, melancholisch und euphorisch zur gleichen Zeit zu klingen. Und schafft es, nach all der inneren Irrlichterei doch noch ein kleines Feuerwerk am Abendhimmel abbrennen zu lassen. Douglas Firs spielen übrigens auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg Mitte September. Man kann erwarten, die Autorin dieser Zeilen in Bühnennähe anzutreffen. Ach, und Douglas Firs, das klingt doch irgendwie vertraut? Jawohl, bei dem Bandnamen handelt es sich um Nadelbäume. Genauer gesagt um Douglasien, die man Weihnachten zuhauf ins Wohnzimmer zum Verwelken stellt. Passt irgendwie.

 

 

Golden Leaves Festival mit Girls In Hawaii und Intergalactic Lovers

Am Ende des Abends gibt es eine dicke Umarmung von mir für Dominik Schmidt von den Bedroomdiscos: „Danke, dass ihr Girls In Hawaii nach Pfungstadt gebracht habt!“ Denn am zweiten Abend des Golden Leaves Festivals  sind die Sechs aus Brüssel die letzte Band, die bei diesem Festival im zwangsstillgelegten Schwimmbad auf der Bühne steht. Und nach all den ruhigen Singer-Songwriter-Tönen und den verträumten Electronica wird es nun endlich laut, leidenschaftlich und rockig. Wer diese Band wie ich vor einem Jahr bei einem ihrer ersten Auftritte nach der langen Trauerphase erlebt hat, die auf den Unfalltod ihres Drummers Denis Wielemans folgten, der reibt sich erstaunt die Augen: Abgelegt sind Schüchternheit und Zurückgenommenheit, vorbei sind die scheuen Blicke ins Publikum. Hier steht eine selbstbewusste, kraftvolle Band, die weiß, was sie will und kann. Und das bedeutet: auch wenn man vor mehr als zehn Jahren als empfindsame Indiepopster gestartet ist, heißt das noch lange nicht, dass man seine Wurzeln verleugnet, wenn man plötzlich die Lust an der Heftigkeit entdeckt. Wie Sänger Antoine Wielemans, der zu Frühzeiten der Band noch ungelenk auf der Bühne herumstand und nun den Alpinisten in sich entdeckt und halsbrecherische Klettertouren ober- und unterhalb der Bühne unternimmt. Und warum nicht? Wer einen Eindruck vom Wandlungsprozess der Girls erleben möchte, kann sich die schöne Live-Aufnahme vom diesjährigen Paléo-Festival auf Arte anschauen. Und dass die Band aus Brüssel das grenzwertmelancholische Tagträumen nicht verlernt hat, beweist sie mit ihren neuen Track „Connction“, der in zwei Wochen offiziell herauskommt. Das provisorische Video ist vor einem Dreivierteljahr beim Aufenthalt von Girls beim Iceland Airwaves Festival gedreht worden, das Gig im Konzerthaus Idno übrigens einer meiner absoluten Höhepunkte der Tage in Reykjavík!

Aber Girls sind nicht die einzige belgische Band, die in der südhessischen Provinz auftritt. Interglactic Lovers, die Band um Sängerin Lara Chedraou, überzeugen schon am Vortag mit wehleidigkeitsfreiem Befindlichkeitspop. In den Alltagsdinge mit einem ironischen Lächeln verzaubert werden und eine wunderbare Luftigkeit erreichen. Dabei ihre Rauhheit nicht verlieren. Diese Band aus Aalst (wo ist das denn?), sympathisch und lachbereit, ist ebenfalls auf angenehme Weise nachdenklich. Und sorgsam mit sich und ihren Instrumenten, jawohl! Wie sie sich an diesem Abend beim letzten Song nach und nach von der Bühne verabschieden, bis zuletzt nur noch der Mann am Bass übrig ist, großartig! Intergalactic Lovers sind im Herbst übrigens auf Mini-Tour in Deutschland, unter anderem auch beim Reeperbahn Festival.

Elegante Frickeleien sind das, Herr Oaktree!

Schlaumeier sind nicht zwingend schlampige, ungelenke Nerds. Nein, nichts da, es gibt durchaus elegante Zeitgenossen unter den Grüblern und Tüftlern. Zu diesen gehört unbedingt Adriaan de Roover alias Oaktree aus Antwerpern, der kürzlich seine EP „Chapters“ vorgelegt hat und sich dort an den experimentellen Seitenrändern der elektronischen Musik auslebt. Dort also, wo die Dinge leicht unheimlich werden und sich schwarz-weiße Gewissheiten in viele Grautöne auflösen. Stimmungen kann man auch ohne den Einsatz von Sprache erzeugen – ein Faktum, das allzu leicht in Vergessenheit gerät. Drum-Loops halten mit verschwörerischen Synthies Händchen, ferne Kunstfeen säuseln – aber von heiler Welt ist hier nichts zu spüren. Eher dominiert in Tracks wie im feinen „La Fin“ eine müßigggehende Nachdenklichkeit, die zwischendurch kleine Euphorien auslöst. Mittels verfremdeter Harfe und verirrtem Piano schielt der junge Herr merklich zurück Richtung Romantik, in der die Suche nach nicht zu benennenden Dingen die Kraft war, welche diese Seelenschwärmer antrieb. Und wie es sein soll, lauert eine leise Bedrohung hinter all diesen künstlichen Sphärenklängen.

Die Damen im Kleinen Schwarzen: Blondy Brownie

Das klassische französische Chanson mit Beats aufpeppen, bis man sanft in Richtung Popsong driftet, ohne sich dabei von feinnerviger Innerlichkeit zu verabschieden: Neu ist dieser Ansatz nicht, aber was Blondy Brownie aus Brüssel mit allen möglichen elektronischen und analogen Helferlein erschaffen, das kann sich hören lassen. Aurélie Muller und Catherine De Biasio spielen in verschiedenen belgischen Bands (das sind ja fast schon isländische Verhältnisse!) und überzeugen mit eigenwilligem Charme und unbestreitbarer Eleganz. Alles wirkt ganz leicht dahingehaucht, aber das dürfte mitnichten so sein. Hinter Mühelosigkeit steckt immer harte Arbeit!

So weit ich die recht sparsamen Informationen auf der Website der beiden Damen im Kleinen Schwarzen richtig verstehe, arbeiten sie gerade an einem Konzeptalbum: Zwölf Songs, und auf jedem dieser Tracks darf immer nur ein boy mitspielen. Bei der Auswahl der männlichen musikalischen Begleiter ist das Duo sehr, sehr wählerisch. Bisher traten als Gäste auf: John McEntire von Tortoise und Shane Aspegren von The Berg Sans Nipple.

Was bei den Tracks von Blondy Brownie vielleicht am meisten gefällt, ist die Tatsasche, dass die Musikerinnen nicht nur mit ironischen Engelszungen singen, sondern als Multiinstrumentalistinnen spielerisch zwischen Steel Drum, Bass, Virbrafon, Klarinette oder Omnichord hin- und herwechseln. Und dass sie Songs über bedrohliche Tiger singen sowieso!

 

Oh Mary, seufzt Ostyn

Heute beginnt in der Nähe von Hasselt das Pukkelpop-Festival und damit einer der Höhepunkte im belgischen Festivalkalender. Und dort tritt auch ein Herr auf, der sich mit seiner Band Absynthe Minded auch außerhalb des kleinen Heimatlandes mit einer rauhen, direkten Mélange aus Rock, Vaudeville, und schnoddrig Angefolktem viele Meriten erworben hat. Bert Ostyn, Sänger und Gitarrist der Haudegen aus Gent, legt mit dem Hauptprojekt nach elf Jahren eine wohlverdiente Ruhepause in und wandel aktuell  auf Solopfaden. Und zeigt, wenn wundert´s, eine völlig neue Seite. Schnuppert souverän in Richtung schwärmerisch-nachdenklichen Synthpop. Und erkundet die düstere Seite des Liebeslebens, unter Mithilfe treibender, süchtig machender Beats. Tracks wie das heftig aufblühende, düsterballadige „Mary“ suhlen sich in kühlem Herzsschmerz, der erst spät in Leidenschaft umschlägt.  Üben sich in Nachdenklichkeit und Seelenerkundung. Sind trotzig traurig. Es sind Songs für die sehr späten Nachtstunden, wenn die üblichen Ausreden nicht mehr ziehen. Das Solo-Debüt von Ostyn ist für Anfang kommenden Jahres angekündigt und lässt jetzt schon aufhorchen.

Schöner nachdenken mit Miaux

An diesem Wochenende hat das Flow Festival in Helsinki stattgefunden und ich konnte nicht dabei sein, schade! Schade auch deswegen, weil eines der Highlights dort das vom eigenwilligen Fonal-Label-Betreiber Sami Sanpäkilla handverlesene Programm „The Other Sound“ ist, wo sich die überraschendsten Entdeckungen machen lassen. Was hat das jetzt mit Belgien zu tun? Ganz einfach: Verpasst habe ich den Auftritt von Miaux, alias Mia Prce aus Antwerpen mit Geburtsort Sarajevo. Die mit ihren minimalistisch-elektronischen Sounds ganz neue Sehnsuchtsorte schafft. In der Welt von Miaux (ausgeprochen wie Mio) wird die Sonne niemals gutgelaunt gleißen. Lieber erkundet die Musikerin verschattete und und komplizierte Gefühlswelten, aus denen einfache Antworten per Dekret verbannt wurden. Wunderbar nachdenken lässt es sich zu diesen krausen, leise zärtlichen Kompositionen. Besonders gefallen tut der Piano- Track „Aeronaut“, das von Ferne an Michael Nymans Piano erinnert – oder auch an Olafur Arnalds kammermusikalische Kabinettstückchen. Diese Miniatur-Meditation überzeugt durch konsquente Reduziertheit. Aber Frau Miaux kann auch anders, sanft experimentell und elektronisch auf Schönheitssuche. Mit kleinen Seitenblicken in Richtung klassischen Krautrock. Die Soundcloud-Seite von Miaux ist übrigens ein kleines Schatzkästlein, unbedingt zu empfehlen.

Charmanter Lo-Fi-Pop mit Italian Boyfriend

Weird and wonderful heißt die in den USA gebräuchliche Bezeichnung, wenn es um Dinge geht, die dezidiert nicht durchdesignt sind. Ähnliches gilt für Italian Boyfriend, die weder Italiener noch in festen Händen sind, sondern drei Jungs und ein Mädel aus Brüssel, die sich dem charmant-verträumten Lo-Fi- Indiepop verschrieben haben. Versteht sich für diese absoluten Anfänger von selbst, dass sie ihre Songs zuhause im Wohnzimmer aufgenommmen haben. Das belgische Qualitätslabel 62TV Records ist bereits auf die hoffnungsvollen Nachwuchskräfte aufmerksam geworden und hat kürzlich die selbst betitlelte Debüt-EP des Quartetts herausgebracht. Gut so!

Denn die Vier pflegen eine verschmitzte Hemdsärmeligkeit, die von schön selbstironischen Boy-Girl-Wechselgesängen geprägt sind. Lauscht man Tracks wie dem souverän entspannten „Me On A Train“, dann stellt sich allsbald eine unbekümmerte kleine Euphorie ein. Denn großspurige Töne sind diesen Hauptstädtern ein Graus. Lieber untertreibt man und pfeift sich eins. Und lässt die Gitarren zwischenzeitlich auch mal lärmen, aber nicht zu sehr. Alltagsbeobachtung ist es, was Italian Boyfriend betreiben. Und dort die interessantesten Zwischentöne entdecken. Allein die leise aufmüpfigen Synthies sind eine Freude!

Teufelszeug mit Girls In Hawaii

Belgische Musik? Gibt´s bei denen noch etwas anderes außer Fritten, Kirschbier und Tim/Struppi? Als bedeutende Vertreter belgischer Töne fallen den  meisten ohnehin nur Jacques Brel oder Plastic Bertrand ein und dann lange nichts. Falsch gedacht! Meist unbemerkt in Resteuropa ist unserem westlichen Nachbarland eine quirlige, kreative Musikszene entstanden, die immer wieder mit kleinen und großen Überraschungen überwältigt. Aber der erste Beitrag eines belgischen Musikblogs, das sich nach einem (leicht abgewandelten) Song- und Albumtitel einer persönlichen Lieblingsscheibe benannt hat, muss sich natürlich dem Schaffen ebendieser Band widmen: Girls In Hawaii. Bald zehn Jahre ist es her, dass ich eher zufällig im Heidelberger Karlstorbahnhof über diese Belgier stolperte und der taubenblauen Zärtlichkeit dieser anngenehm uneitlen Band verfiel, die aus ihren Songs kleine Gesamtkunstwerke schafft. Das Debüt- und Folgealbum stehen bei mir stets in Griffweite und gehören somit in die Liste der unverzichtbaren Ingredienzen der musikalischen Hausapotheke. Lange war zu befürchten, dass die Sechs aus Brüssel nach dem Unfalltod ihres Schlagzeugers Dennis Wielemans im Jahr 2010 für immer verstummt sein würden – und um so größer die Freude, als sie Ende 2013 mit dem dritten Album „Everest“ wieder aus den Tiefen der Trauer auftauchten. Mit komplizierteren, elektronischeren, erwachseneren und mitunter heftig euphorisierenden Songs!

Aber hier geht es um einen Track neueren Datums, um das schön schlunzige „Build A Devil“, in dem Sänger Antoine Wielemans gegen jede Menge Alltagsdämonen kämpft und dabei trotzdem eine schön schmuddelige Form der Verspieltheit kultiviert. Nein, brave Jungs sind das keine, diese Girls! Das stimmige Video wurde übrigens kürzlich von den Fans im Rahmen eines Wettbewerbs zum Sieger unter fünf Kandidaten gekürt. Das wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem Regisseur nicht um den 13jährigen Maurice Luijten handeln würde. Der die gesamte Konzeption und Umsetzung verantwortet und einen Schulfreund als Hauptdarsteller verpflichtete. Vielleicht sollte man leicht beunruhigt sein, dass dieser Jungspund einen deutlichen Hang zum Morbiden hat. Oder vielleicht sollte man doch viel eher dem Regisseur Guillermo Del Toro („Pans Labyrinth“) Bescheid sagen, dass in der belgischen Provinz ernst zu nehmender Nachwuchs heranwächst.