Monophona: Eine Studie in zärtlichem Grau

Ein Blick über die belgische Landesgrenze gen Luxemburg wurde beim Start von Plan My Escape versprochen. Und was man versprochen hat, muss man auch halten! Deshalb sollte man jetzt die Lichter abdimmen, vielleicht die eine oder andere Kerze anzünden und sich für eine zerbrechliche Nachtmusik bereit machen mit Monophona. Das Duo aus dem Großherzogtum bewegt sich behutsam in musikalischen Grauzonen zwischen Triphop, verhuschten Elekronica und  Weirdpop. Das sind definitiv Töne für Elfenwesen und Waldgeister! Und für Hörer, die eine Andeutung von Nachtmahr-Gedankengut vertragen können. Für das Projekt haben sich der DJ und Producer Philippe „Chook“ Schirre und die Sängerin Claudine Muno zusammengefunden. Live wird man vom Percussionisten Jorsch Kass begleitet. Claudine und Chook kommen aus unterschiedlichen musikalischen Welten – er als Drum´n`Bass-Producer, sie als Sängerin in einer Folkrockband. Gemeinsam hat man sich auf Erkundungsfahrt in empfindsame Gefühlslandschaften begeben. Nur scheinbar sind die Tracks von Monophona reduziert und minimalistisch. In Wirklichkeit sind es komplizierte kleine Konstrukte. Denn bei genaurem Zuhören zelebieren die beiden Musiker einen magischen Melusinenpop von verhuschter Schönheit. Wie es übrigens auch die verwandte Seele Sóley im fernen Island tut. Und führen uns ganz unbemerkt in Richtung Unterholz, wo die Dinge durchaus anders sein können, als sie scheinen. Die feine Stimme von Claudine ist nicht nur mädchenhaft: Sie könnte auch die Sirene sein, die uns auf Abwege lockt. Im wunderbaren Video „Shades Of Grey“ geht es auf ebenso unruhige wie anmutige Art darum, im Wald verlorenzugehen. Vom lichtdurchfluteten Feld bis in die Dunkelheit unter Bäumen sind es nur ein paar Schritte. Sollte uns das beunruhigen? Oh nein! Eher wachsamer machen für die Dinge, die uns völlig grundlos ängstigen. Der Wald ist dein Freund, auch wenn es dunkel ist. Scheinen Monophona hier zu sagen.

Marble Sounds: Achje, schau nach oben!

Wer unter dem informellen Schlachtruf „dear me, look above“ antritt, dem ist meine Sympathie schon weitgehend sicher. Die Marble Sounds haben ihr letzes Album mit diesem netten Titel versehen. Recht haben sie, man sollte öfters mal nach oben schauen. Kommen nicht nur Regen und Hagel herunter! Das Quintett um den sanftstimmigen Sänger Peter Van Dessel lokalisiert sich entlang des magischen Dreiecks, das Brüssel, Antwerpen und Gent verbindet und pflegt den katzenpfötigen Indiepop auf hohem Niveau. Kann zwischenzeitlich in verhalten euphorische Harmoniegesänge ausbrechen, aber ist sehr darauf bedacht, bloß nie zu dick aufzutragen. Bescheidenheit ist eine kleine Kunstform!

Marble Sounds setzen auf funkelnde Zwischentöne und halten die Werte des gehobenen Träumertums hoch. Nicht verkehrt, das! Reduziert geht es hier zu, grenzwertmelancholisch sowieo. Natürlich zählt man sich zur Klasse der hochempfindsamen Verlierer. Regentropfen perlen über Fensterscheiben. Natürlich tauchen die Referenzgrößen The National und Sparklehorse auf, aber Marble Sounds kommen in wunderbar zurückgenommeben Tracks wie „Leave A Light On“ so reinen Herzens daher, dass sie sich auf ihrem kleinen Grundstück mit Himmelblick vor keinen ausländischen Konkurrenz fürchten müssen. Und während der deutsche Oktober mit Regen und kühlen Temperaturen endlich jahrezeitlich angemessen daherkommt, kann man sich an diesen wunderbar tröstlichen Tönen bestens wärmen!

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Aus der Gnade fallen mit Ozark Henry

Was hat die Schlacht an der Yser mit belgischer Popmusik zu tun? Eine ganze Menge! Denn in diesem Oktober jährt sich zum hundertsten Mal der Tag, an dem die belgischen Verteidiger die Seeschleusen von Nieuwpoort öffneten, den umkämpften Landstrich damit unter Wasser setzten und somit den Vormarsch der deutschen Truppen zur Kanalküste in Westflandern erfolgreich stoppten. Besonders stark unter den Kämpfen litt eben das Städtchen Nieuwpoort. Und damit endet der Ausflug in die Militärgeschichte schon fast. Morgen findet in Nieuwpoort ein ganz besonderes Konzert zur Erinnerung an diese Ereignisse statt, wo unter anderem die wundervoll schüchternen Amatorski aus Gent spielen, die eigens zu diesem Anlass einen neuen Track komponierten und zur Inspiration das Flanders Fields Museum besuchten.

Aber außer Amatorski treten an diesem Abend eben noch andere Musiker in Nieuwpoort auf. Und beim Hereinhören bin ich bei Ozark Henry hängengeblieben, länger sogar. Denn bei Ozark Henry handelt es sich nicht, wie es der Name vermuten lassen würde, um einen waldschratigen Hillbilly mit Klampfe. Ozark Henry ist der Künstlername des Musikers Piet Goddaer, der sich in den Gefilden des elaborierten, schwärmerischen Pop tummelt und in Belgien ein etablierter Künstler ist. Sein Markenzeichen ist die fast schon eigentümlich zu nennende, mitunter leicht windschiefe Stimme. Ozark Henry singt über unheilbare Romantiker mit ebenso großer Überzeugung wie über den Zustand des Aus-der-Gnade-Fallens. Und kommt im Soundgarden-Cover „Black Hole Sun“ auf die unerwartete Idee, diesen Grunge-Klassiker als klassisches Crooner-Material umzudeuten. Rocken kann der Querkopf mit dem sympathisch unordentlichen Schopf übrigens auch! Am meisten gefallen aber tut beim ausgedehnten Besuch auf der Soundcloud-Seite des Meisters das zurückgenommene Pianostück „Grace“. Durchaus denkbar, das er dieses morgen auf der Bühne in Nieuwpoort spielt!

 

Simpel ist das nicht, Brns!

Zunächst mal ein lebenspraktischer Rat: Niemals, niemals mit drei Mülltüten in den Händen die Treppe herunterflitzen und eine Stufe verpassen. Dann droht nämlich Folgendes: Man verliert den Halt, rudert wild mit den Händen und klatscht mit dem Kopf voraus auf den Steinfußboden, nett dekoriert vom Papiermüll. Man holt sich eine leichte Gehirnerschütterung und sieht mit zwei sehr verschwollenen blauen Augen so aus wie der Verlierer eines rüden Boxkampfes. Mitleidige Blicke in der Straßenbahn folgen: die arme Frau, bedauernswertes Opfer häuslicher Gewalt! Und  in der Konsequenz führte der Treppensturz dazu, dass ich das Konzert von BRNS aus Brüssel in Frankfurt auslassen musste. Schade! Denn das Quartett aus der belgischen Hauptstadt spielt anspruchsvollen, angedüsterten Indierock für komplizierte Menschen. Die sich gerne dorthin führen lassen, wo die Dinge nicht eindeutig sind und bequem schon garnicht. Das ist nervös und hibbelig, was BRNS spielen, eingetrübt irgendwie. Und sehr, sehr lebendig. Und unvorhersehbar und irgendwie dann doch hypnotisch. Aus der Verunsicherung eine Tugend machen. Anfangszwanziger-Lebensangst in etwas umformen, was schlau ist und mitunter wehtut. Nein, simpel ist das nicht, was BRNS spielen. Aber immer leidenschaftlich. Vertrackt. Laut. Aufbegehrend. Und aufrüttelnd. Wir finden hier eine wilde Schönheit in Ecken, in denen wir sie nie vermutet hätten. BRNS haben dieser Tage ihr Debütalbum „Patine“ herausgebracht. Es ist nervös. Es irrlichtert. Und es ist großartig.

Schlaflose Nächte mit Clare Louise

Diese fragilen Songgebilde schnöde als bloßen Folk zu bezeichnen, das würde viel zu kurz greifen. Denn da ist schon mal diese eigenwillige, hohe, mitunter fast schon maunzige Stimme der jungen Brüsseler Sängerin Clare Louise. Und die Songs auf ihrem sehr luftigen und somit sehr adäquat betitelten Album „Balloons“ sind alles andere als simple Konstrukte. Sind bei aller scheinbaren Einfachheit durchaus komplex aufgebaut. Clare Louise beherrscht ihre Zwischentöne. Erzählt kleine Geschichten. Entwirft Momentaufnahmen, die sich im Nachhinein als wichtige Wendepunkte erweisen können. „Balloons“ ist ein Album anmutigen Nachdenkens. Und wer denkt , dass Anmut eine hoffnungslos altmodische Tugend ist, der wird hier eines Besseren belehrt. Im zurückgenommenen und intensiven Track „I Don´t Sleep Any More“ geht es um solch fragile Dinge wie Schlaf- und Traumlosigkeit. Und wie schön, dass die Chanteuse hier Fahrt aufnimmt und mit der Gitarre in der Hand mutig einen großen Schritt ins Poplager tut!

Dass Madame hier mit selbstverständlicher Flinkfüßigkeit zwischen den Genres hin- und herflirrt und gekonnt auf dem schmalen Grad balanciert, der Nachdenklichkeit von Euphorie trennt, kann sehr für sie einnehmen. Einfühlsam unterstützt wird die überzeugte Bewohnerin des Brüsseler Schmuddel-Szene-Bezirks Saint-Gilles von  Jean-François Durdu an der Violine sowie Jean-Paul Estiévenart am Horn. Und so weit ich das mit meinem begrenzten Französisch verstehe, mischt hier auch noch Boris Gronemberger mit, der umtriebige Schlagzeuger von Girls In Hawaii. Eine kleine, fein vernetzte Musikszene eben!

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Wundervolle Flüchtigkeit mit La Plage

Wer dieses zerbrechliche Gebilde zu zerstören wagt, der wäre ein Kretin! Denn La Plage sind ein flüchtiges Konstrukt. Das Trio feiert den mühelos eleganten Tagträumer-Elektopop, als wünsche es, dass die moderne Welt mit ihrem Diktum ständiger Verfügbarkeit endlich die Kunst des Müßiggangs wieder erlernte. Es sind elektronisch funkelnde und ganz und gar traumtänzerische Miniaturen, welche die Drei hier in zurückgenommener Schlaumeierei konstruieren. Understatement, darum geht es! Und darum, die Dinge in der Schwebe zu halten und bloß nicht zu dick auftragen! Sich lieber in Ungewissheit hüllen denn zornige Pamphlete zu verfassen. Dem gehobenen Müßiggang Respekt zollen. Elektropoppige Tagträumereien, spielerische Chanson-Herumtreibereien: Ach, wie ein Tag am Strand. In die Sonne blinzeln, was sonst!  Sängerin Flore beherrscht die Kunst der bewussten Zurückhaltung, in der Dinge angedeutet werden und doch auf flüchtige Weise sonnenklar sind. Wundervolle Flüchtigkeit. Ach.