Le Colisée: Ach, die vertrackten, eleganten Gefühle!

Vertrackte Gefühle leichtfüßig daherkommen zu lassen: ganz schön schwierig. Le Colisée aus Louvain La Neuve  liebt zarte, flüchtige Impressionen, mit entspannter Hand dahingeworfene Skizzen. Momentaufnahmen von großer Leuchtkraft. Irgendwo angesiedelt zwischen Chanson, Afrobeat, Schlafzimmerpop und schlauer Nachdenkerei. David Nzeyimana braucht nicht viel, um uns in traumwandlerische Gefühlswelten zu versetzen: Stimme, Gitarre und Loop Station. Damit driften wir mit dem Anfangszwanziger ab in Welten, in denen sich die Dinge dezidiert nicht fassen lassen und man lieber tagträumt denn faktentreu agiert. Le Colisée postitioniert sich selbstbewusst als Wandler zwischen den Stilen. Macht eine leichte Schrulligkeit unbedingt tanzbar. Man weiß nicht recht, wie einem geschieht, aber diese sanft-komplexen, gleichwohl eleganten Soundspielereien ziehen uns mit hoher Zärtlichkeit in ihren Bann. La Coliseée zeigt nebenbei noch ganz unaufällig, dass romantische Emotionen durchaus Elemente latenter Aufmüpfigkeit beinhalten können. Denn sicher ist in diesen pusteblumengleich dahingleitenden, aber unauffällig präzisen Songs gar nichts! Le Colisée hat bislang eine EP vorgelegt und arbeitet aktuell an seinem Debütalbum. Bruxelles Ma Belle hat den jungen Musiker im famosen Musée Antoine Wiertz in Brüssel ganz wunderbar in Szene gesetzt!

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I Will, I Swear: Schlafen tun wir heute nicht

Diese schwebende Traumverlorenheit, diese taubengraue Zärtlichkeit scheint inzwischen fast zum Markenzeichen belgischer Popbands aus der Industriemetropole und Studentenhochburg Gent zu sein. Neben den wundervollen Amatorski gibt es auch das Duo I Will I Swear zu entdecken, die den Flüsterpop auf hohem Niveau pflegen. Im Mittelpunkt steht die zarte, ausdrucksstarke Stimme von Sängerin Fien Deman, wunderbar einfühlsam unterstützt von Jonathan Van Landeghem. Es sind nachtblaue Töne, die sich um zerbrochene Dinge schmiegen und sie allein mit Wärme und Emotionalität heilen wollen. Wobei gebrochene Herzen ausdrücklich zu den beschädigten Dingen gehören. Es sind minimale, verlangsamte Tracks, welche die Nachdenklichkeit zur Kunstform erheben. man erlaubt es sich im wunderbaren Track „Sleep“ kurzzeitig sogar, in heftige Emotionen auszubrechen. Was dann ungeheuer ans Herz geht. Das Duo selbst bezeichnet den eigenen Musikstil als „delicate tunes drenched in gloom with vocals that will leave anyone silent“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die erste EP von I Will I Swear soll noch in diesem Jahr herauskommen.

 

 

 

Sibirien oder Texas, egal! Schräge Töne mit der Condor Gruppe

Wer sein Album „Latituds des Cavall“ nennt, der erntet schon mal Stirnrunzeln. Muss wohl katalanisch sein, oder? Und wenn die Band dann auch noch Condor Gruppe heißt, ist die Verwirrung schon fast komplett, bevor man auch nur einen einzigen Ton gehört hat. Dass das Debütalbum der Fünf aus Antwerpen musikalische Grenzgängereien de Luxe liefert, überrascht dann nicht mehr wirklich. Es sind ausufernde Klangreisen zwischen Krautrock, Spätsechziger- und Frühsiebziger-Psychedelik, die das Quintett unternimmt. Die man aber raffiniert mit exotischen Sounds verbindet, welche mit der gemeinen Weltmusik nichts zu tun haben. Das Quintett liebäugelt mit Klängem, die in verdorrten texanischen Wüstendörfern in der Jukebox gespielt werden könnten. Die aber auch in sibirischen Schamanenkreisen nicht auffallen täten. Selbst in abgelegenen Ecken Südamerikas würden die Belgier mit diesen Klängen nicht als Sonderlinge gelten. Von den feinen jazzigen Anklängen der Antwerpener wollen wir erst gar nicht anfangen! Condor Gruppe kommen weitgehend ohne Gesang aus. Man klangmalert, man jammt, man irrt mit Bedacht vom Wege ab. Es sind ureigentlich Soundtracks für karge Landschaften, die Condor Gruppe abliefern. Die einzige Referenzband, die in den Sinn kommt, sind die leider aufgelösten Mayar Posse aus Finnland. Beide Bands könnten die Filmmusik für ein maulfaules Road Movie liefern, in dem die hoffnungslos verlorenen Helden ohne Ziel durch menschenleere Landschaften irren, über denen sich ein mitleidloser Himmel wölbt. Wobei die Condor Gruppe einen guten Tick verspielter daherkommen. Und mit Sicherheit mehr Spaghetti-Western geguckt haben als die Finnen. Besonders gefallen tut der Track „Ondt Blod“ mit dem charakterischen Texicana-Pfeifen. Diesen Film wollen wir sehen!

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Azerty himmeln die Bäume an

Die gute, alte Simon And Garfunkel-Tradition: Zwei blasse, schlaue Grübler. Zwei Gitarren. Zwei Stimmen. Und das reicht vollkommen aus, um in himmlische Höhen abzuheben. Pierre Leroy und Arnaud Clément heißen die beiden bebrillten Barden aus Brüssel, die ihr gemeinsames Bandprojekte Azerty nennen. Und in sympathisch-bescheidener Weise den Neo-Folk hochhalten, wie er in den 60er Jahren im Greenwich Village in New York zelebriert wurde und neuerdings von Bands wie Mumford And Sons gepflegt wird. Schön reduzierte kleine Songperlen sind es, die voller sanfter Melancholie und stiller Hoffnung sind. Azerty machen kein großes Tamtam um sich, sondern blühen lieber im Verborgenen. Was ihnen dieser Tage schwerer fallen dürfte, da sie von ihren Freunden Girls In Hawaii als Support für deren aktuelle Ungplugged-Tour durch Frankreich, Belgien und die Schweiz mitgenommen wurden. Eine erste EP ist derzeit im Entstehen, die voraussichtlich Anfang kommenden Jahres in Belgien herauskommen wird. Via Bandcamp kann man den Demos lauschen, auf denen sich das Duo mitunter durchaus lebhaft gibt und in solch leidenschaftliche Schöngesänge ausbricht, dass Herzen fast brechen müssen. Aber am schönsten ist das improvisierte Video, in dem die beiden in dummen Strohhütchen und karierten Bermudas in einer dusteren Unterführung stehen und ein Lied namens „I Pray The Trees“ singen, in dem sie die Bäume anhimmeln. Wunderbar!

 

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Dass die Unplugged-Tour von Girls In Hawaii eine wunderbare Sache werden dürfte, sollte an dieser Stelle auch nicht unterschlagen werden. Leider sind keine deutschen Termine dabei. Aber auf der sehr empfehlenswerten Website Bruxelles Ma Belle, auf der man die belgische Hauptstadt via ihrer Musik an ungewöhnlichen und meist schönen Orten entdcken kann, gibt es zumindest kleinen Trost: Eine Livea-Aufnahme des Tracks „Rorschach“, eingespielt in der ehrwürdigen Jugendstil-Bibliothek Solvay.

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Robbing Millions: Hier zieht ein Sturm auf

Dass sie ihre Instrumente virtuos beherrschen, wollen Robbing Millions lieber nicht zu sehr an die große Glocke hängen. Stattdessen demonstrieren sie vordergründig eine straßenköterstruppige Indierock-Attitüde, nuscheln ins Mikrophon und tun alles dafür, damit sie im Gesamtbild so verwaschen aussehen wie Curt Cobains legendärer rot-schwarz-gestreifter Ringelpulli. Die Fünf aus Brüssel um den Gitarristen Lucien Fraipont veröffentlichen dieser Tage ihre erste EP „Ages And Sun“ und entern die Szene als eigenwillige Grenzgänger zwischen Rock, Pop und uuups: Psychedelik! Angejazztem! Dahingefolktem! Lassen die Klampfen lärmen, aber entwerfen dabei vielschichtige Sounds, die erfreulicherweise nirgendwo richtig heimisch werden wollen. Irgendwie wird man hier das Gefühl nicht los, dass diese Jungspunde am liebsten Anfang der 70er in irgendwelchen Kneipenhinterzimmern den lieben langen Tag nur mit befreundeten Musikern gejammt hätten. Und den Absinth dabei nur so weit als Stimulanz verwendet hätten, wie dieser der Steigerung der Kreativität zuträglich wäre.

Die Lust am Improvisieren ist diesen Nachwuchskräften anzuhören. Lebendigsein heißt für diese Jungs, dass Präzision und Schlunzigkeit sich keinesfalls als Feinde gegenüberstehen, sondern sich im idealen Fall wunderbar ergänzen. Robbing Millions lassen in entspannt verschachtelten Tracks wie „Ritualistic“ einen Sturm aufziehen, der uns die Ohren durchpustet. Sind souverän entspannt dabei, ohne an Spannung zu verlieren. Hier muss man intensiv zuhören, um alle Zwischentöne mitzubekommen. Robbing Millions denken laut nach. Und machen aus ihren vertrackten Gedankenflügen schlaue Songs, die Haken schlagen wie die Feldhasen. Klar, man schaut in erzcoolen Tracks wie „Kitchen Girls“ in Zeiten zurück, als das rhytmische Schwingenlassen langer Haare noch als Zeichen der Revolte galt. Aber man fügt die Kunst der präzisen Träumerei hinzu. Hohe Disziplin mit entspannter Verspieltheit verbinden, das soll gehen? Aber ja doch!

Der EP „Ages And Sun“ kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen. Was unbedingt zu empfehlen ist! Vor meinen Fenstern ist der Nebel gerade so dick, dass man ihn mit Kuchengabeln schneiden könnte. Es ist November. Vielleicht die beste Zeit, um Robbing Millions zu lauschen und in diesen Tracks immer wieder neue Facetten zu entdecken!

 

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