Schwarze elektronische Romantik mit Vuurwerk

Dass eine außerhalb der Landesgrenzen noch weitgehend unbekannte belgische Band auf das renommierte South By Southwest-Festival im texanischen Austin eingeladen wird, kommt auch nicht alle Tage vor. Vuurwerk aus Brüssel haben dieses Kunststück vielleicht gerade mit ihrer Mischung aus elektronischen Clubsounds, experimentellen Einsprengseln und einer avantgadistischen Attitüde geschafft. Und vielleicht auch, weil sie Teil des aufregend kreativen Kollektivs Runtellsecrecy aus der belgischen Hauptstadt sind, wo sich Schlaumenschen zur künstlerischen Revolte zusammenrotten. Das Trio arbeitet an seinem Debütalbum und ist eben vom britischen Label Lo Recordings unter Vertrag genommen worden, das sich auf die Fahnen schreiben darf, das europäische Publikum mit der kanadischen Künstlerin Grimes bekannt gemacht zu  haben. Dass die drei Produzenten bei ihren Bühnenshows in Richtung Gesamtkunstwerk streben und mit audiovisuellen Installationen arbeiten, ist nur folgerichtig.

Dass Vuurwerk Feinde glatter Töne sind und bevorzugt dorthin streben, wo Bruchkanten zwischen den Stilen klaffen, nimmt unbedingt für sie ein. Nachtmenschen sind sie, die sich irgendwo zwischen Ambient, Industrial, Dubstep und Techno bewegen. Aber als zusätzliche Komponente spielt hier auch noch eine Vorliebe für morbide Sujets eine Rolle. Vuurwerk sind zwar auch die eleganten Dandies, welche die Straßen in Stunden nach Mitternacht unsicher machen. Aber in den dunklen Stunden vor Tagesanbruch trifft man auch die Schattenexistenzen, die bei Tageslicht unsichtbar bleiben. Das Unheimliche hält in diese Songs unmerklich Einzug. Schwarze Romantik hat im Schaffen von Vuurwerk rein gar nichts mit angekitschter Teen Angst zu tun. Im bisherigen Schaffen der Band gefällt der fein nachdenkliche und angemehm komplizierte Track „Slowburner“ besonders gut!

Ein feines Händchen haben Vuurwerk übrigens für ihre Gastsänger. Im subtil beunruhigenden Track „Wakening“ ist ein Herr namens Climb X zu hören. Hinter den exaltierten und empfindsamen Vocals steckt kein anderer als Max Colombie, der mit seiner Band Oscar And The Wolf ohnehin als einer der viel versprechendsten Newcomer gilt. Der Track ist auf subtile Weise beunruhigend, latent geheimnisvoll und auf schlaue Weise tanzbar. Das dazugehörige, mit intellektuellen Anspielungen gespickte Video spielt zu großen Teilen in einem unterirdischen Wasserspeicher, wo das schwarze Nass den Protagonisten bis zu den Knien reicht. Wasser, das Symbol des Unbewussten, wir verstehen schon! Lullende Wohlfühtöne wohnen anderswo. Vuurwerk und Max Colombie ziehen uns hier mit sanfter Nachdrücklichkeit in Welten, wo die Gewissheiten schwinden und die Schatten in jeder Ecke lauern.

Schwebende Nachdenklichkeit mit Leonore

„Eine herzzreißende Stimme, die von der Dunkelheit ins Licht führt“: Manche Bands beherrschen tatsächlich die Kunst, ihren eigenen Sound in angemessenen Worten zu beschreiben. Leonore, die Band aus Brüssel um die Sängerin Chloë Nols, beschwört karg leuchtende Soundlandschaften herauf, in denen die Dinge aufs Wesentliche reduziert werden.leonor Der Gedanke an kalte, klare Schneelandschaften liegt nahe. Und so verwundert es nicht wirklich, dass Chloë zu verschiedenen Aufnahmesessions ins winterliche Stockholm gereist ist, um mit Christian Edgren zu arbeiten, dem Produzenten von Stina Nordenstam.

Es ist keine naive Mädchenmusik, die hier mit feiner Melancholie zelebriert wird. Es sind erwachsene Songs voller schwebender Nachdenklichkeit. Von dumpfer Erdenschwere keine Spur! Seelenschau wird zwar betrieben und zurückgeblickt sowiese: Auf die Lieben, die nicht sein sollten, etwa. Chloë, die sich als Fan der Isländerin Sóley bekennt, fühlt sich hörbar wohl in flüchtigen Zuständen, die sie mit poetischer Sensibilität beschreibt. Das tun andere Chanteusen natürlich auch! Aber es die nuancierte Stimme, die hier den Unterschied macht. Weniger ist für Leonore 0ffenkundig mehr. Ganz besonders gefallen tut der balladige Track „For You“, der natürlich wieder von verlorener Liebesmüh handelt, aber dabei angenehm lakonisch ist. Liebeskummer muss nicht wehleidig sein, sondern kann sogar kluge, schwärmerische Gedanken befördern. Gut so! Debütalbum soll wohl in Bälde erscheinen: noch besser!

(Foto: Jonathan Wannyn)

Belgium Booms at Eurosonic!

Mit Festivals ist das immer so eine Sache: Man kommt zurück und schnappt erstmal nach Luft. Kopf und Ohren sind gehörig durchgewirbelt! Das Eurosonic Festival in niederländischen Groningen ist Anfang des Jahres immer die Veranstaltung, auf der man sich einen guten Überblick über die Newcomer verschaffen kann. Und sich mit denen freuen kann, die im vergangenen Jahr den Durchbruch geschafft haben! Unter den diesjährigen Gewinnern des European Border Breaker Awards ist 2015 auch eine belgische Musikerin: Die wunderbare Mélanie de Biasio, die es bei ihrem Konzert fertigbringt, das notorisch feierfreudige Publikum in Groningen in aufmerksam lauschende Zuhörer zu verwandeln. Die Sängerin und Flötistin zelebiert mit ihrer ebenso minimalistischen wie intensiven Mélange aus Jazz, Soul und Blues die Entdeckung der eleganten Verlangsamung. Hier sitzt jeder Ton! Und was für eine Freude es ist, die bestens aufgelegte Band beim Improvisieren zu beobachten!

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Gar nicht so weit entfernt bewegen sich Little Dots aus Gent, die einen reduzierten Akustik-Pop an der grünen Grenze zum klassischen Chanson pflegen. Kammerpop trifft es nicht, was das Trio um Sängerin Sophia Ammann hier darbietet – es ist eher Lounge-Pop mit entschieden bescheidener Note. Man erzählt kleine blaue Geschichten voller sanfter Nachdenklichkeit. Bloß nicht zu dick auftragen! Beim improvisierten Gig in einem Café in der Groninger Innenstadt zeigen sich Little Dots angenehm schüchtern und bringen es dennoch fertig, dass keiner zu laut in seinem Capuccino rührt. Die Band selbst nennt Feist, die Beatles und Portishead als maßgebliche Einflüsse – aber fügt eine sehr heimelige, verspielte Atmosphäre hinzu. Das sind animierte Töne für Dämmerstunden, wenn die Augen langsam müde werden!

Manchmal mag man Bands, auch wenn man sie noch nie live gesehen hat. Aber dann stehen sie auf der Bühne und überwältigen einem mit leidenschaftlicher Merkwürdigkeit. Robbing Millions sind eine dieser Bands, bei denen man erst mal nach Vokabeln suchen muss, um diese eigentümlichen Töne zu beschreiben: Psychedelisch, weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt,  unberechenbar! Auf der Bühne jedenfalls bersten diese Brüsseler Jungspunde mit den grauseligsten Frisuren des Abends jedenfalls vor Energie und geben die Rumpelstilzchen, die jede gesittete Party mit rotzfrecher Spielfreude aufmischen. Die Band um Sänger Lucien Fraipont strahlt dabei eine ungeheuere Lebensfreude aus, die einem sehr zu Kopfe steigen kann. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern? Völlig falsche Pädagogik! Man würde sich gleichermaßen wundern wie freuen, wenn diese anarchischen, superlebendigen Newcomer im kommenden Jahr unter den prämierten „interessantesten europäischen Bands“ wären!

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Von angemehmer Selbstironie sind übrigens auch die Kumpels von Mountain Bike. Denn sich in Unterhosen, knallbunten Baseball-Hemden und der aparten Kombination Tennissocken und Turnschuhen auf die Bühne zu stellen, das zeugt doch von einem eigentümlichen Humorverständnis. Die Vier aus Brüssel spielen einen schlunzigen, respektlosen Garagenrock, der noch an die Mär glaubt, dass man mit Esso einen Tiger im Tank hat. Und kombinieren diese Slacker-Attitüde mit wunderbar poppigen Harmoniegesängen, die so süß daherkommen können wie Marzipan auf der Hochzeitstorte. Der Sänger mit dem schönen Namen Kinkle sieht aus wie der belgische Enkel von Gordon Gano und hat ein Dauergrinsen auf dem Gesicht, das so echt ist, dass man einfach mitlächeln muss. Die Grenzen des guten Geschmacks sind diesen Vieren reichlich egal. Beschreiben sie den eigenen Stil doch als „dreckigen Pop für psychotische Kinder“. Das  Paradies ist für diese vier Szene-Veteranen jedenfalls ein höchst grauseliger Platz, an dem man die letzten Illusionen verliert. Lieber schön im Hier und Jetzt den Langweilern den Stinkefinger zeigen! Den größeren Spaß hat man ohnehin! Der Saal in Groningen jedenfalls tanzt begeistert mit!

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Musik aus den Wäldern mit Birds That Change Colours

Was tut es mit der eigenen Musik, wenn man ein Album in den Wäldern aufnimmt? Mit Birds That Change Colour kann man ausführlich über diese Frage nachdenken. Denn das Septett aus Antwerpen hat sich für sein zweites Album „On Recording Birds“ in die tiefsten Wälder der Ardennen zurückgezogen.

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Dass hier mitunter Vogelgezwitscher zu Gitarrenklängen zu hören ist, muss also nicht wirklich wundern. Die Waldschrate (sehr bärtig) und Waldfeen (im Wallekleid) sind auf diesen Aufnahmen tiefenentspannt und hellwach. Lassen die Blumenkinder-Herrlichkeit der 6oer wieder aufbleben und intonieren latent aufmüpfige, sehr handgemachte Songs zur Gitarre. Bieten eine charmante Mischung aus britischem Folkpop (eigenwillig und ironisch) und dem US-Pendant (naiv verträumt) und machen sich erfreulicherweise ihren eigenen Reim darauf. Für  diese harmonieverliebten Songs muss man sich Zeit nehmen und darf bloß nicht den Fehler begehen, die bunte Großgruppe aus der Hafenstadt vorschnell als harmlose Späthippies abzutun. Denn die vom Singer-Songwriter Koen Kohlbacher im Jahr 2008 gegründete Band macht allzu gerne Ausflüge gen psychedelische Gegenwelten und führt uns dann sachte ins Dickicht, wo die Dinge keineswegs immer lieblich sind. Das verträume Treibenlassen endet fast unmerklich und weicht einer Stimmung latenter Bedrohung. Mag schon sein, dass inmitten der dichten Wälder ein Hexenhaus steht, dessen Bewohnerin eher üble Dinge plant! Von sorgloser Heimeligkeit also keine Spur hier! Via Bandcamp kann man „On Recording Birds“ zur Gänze lauschen.  Am besten bei schmuddeligem Regenwetter! Und wer Zeit hat, dem sei besonders das ausufernde „Songs Till May“ ans Herz gelegt, das harmonisch genug beginnt, um dann unversehens ins Unheimliche umzukippen. Im Wald kann man sich nämlich auch verlaufen!

Wer die Verfasserin dieser Zeilen Mitte der Woche zum Eurosonic Festival nach Groningen fährt, kann Birds That Change Colour übrigens live erleben. Wie zahlreiche andere belgische Bands, darunter auch die wunderbare Mélanie De Biasio, die auf dem Festival übrigens mit einem europäischen Nachwuchspreis ausgezeichnet wird. Unter Belgium Booms kann man sich einen Überblick verschaffen.

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Bed Rugs sind ein bisschen merkwürdig

Auf die Idee, sich nach dem legendären, versifften Teppich aus dem Ethan & Joel Coen-Klassiker „The Big Lebowski“ zu benennen, auf die muss man auch erstmal kommen! Bed Rugs aus Antwerpen geben mit ihrem vintage-allergischen Psychedelik-Pop die rotzigen Schmuddelkinder mit Hang zur ausufernden Träumerei. Hinter deren Straßenköter-Attitüde sich bei näherem Hinhören jede Menge eigenwillige Poesie verbirgt. Dass man sich selbst ein bisschen merkwürdig findet, verarbeitet man auf dem Debütalbum „8th Cloud“ selbstironisch zu einem gleichnamigen Song. Die Fünf aus der Hafenstadt haben keinerlei Berührungsängste vor schwärmerischen Höhenflügen, welche die Welt in kaleidoskopische Bruchstückchen zerfließen lassen. Bei diesen Tönen kann einem ganz anders werden! Man erahnt eine leise Selbstironie hinter diesen Blicken, die klar nach hinten gerichtet sind, aber die Gegenwart sehr wohl im Blick haben. Tame Impala verkaufen mit dieser Rezeptur die großen Hallen aus. Bed Rugs sind eine gute Spur leichter aufgelegt als die ach-so-ernsthaften Australier (die übrigens daran schuld waren, dass ich beim WM-Spiel Brasilien-Deutschland die ersten fünf Tore verpasst habe, weil sie in der Frankfurter Batschkapp am Abend des WM-Halbfinales unbedingt zwei Zugaben spielen mussten!) Sei´s drum: Bei Bed Rugs sieht man das Funkeln in den Augen, was sehr für sie einnimmt. Moderne Freaks wollen sie sein, gut so! Und sie lassen sich erfreulicherweise alle Zeit der Welt dabei, ihren eigenen Weg zu gehen. Wer eine Stunde voller unberechenbarer Überraschungen erleben will, kann via Bandcamp in das Debütalbum hereinhören. Und von wegen faule Lebowski-Schlunze, die den lieben langen Tag nur auf dem Sofa herumliegen: Bed Rugs legen dieser Tage ihr zweites Album „Cycle“ vor, das ein wenig rockiger ist als der Vorgänger. Aber immer noch irgendwie merkwürdig.

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Unterwassermusik mit Arsenal und Lydmor

Wie schön, wenn zwei ansonsten meist getrennte musikalische Sphären (und persönliche Vorlieben!) unterwartet zusammenkommen: Belgischer und skandinavischer Elektropop! Die Szene-Veteranen Arsenal (man benannte sich übrigens nicht nach dem britischen Fussballklub, sondern nach einen Weltkrieg-Zwei-Waffendepot in der Nähe des Proberaums der Band in Brüssel) und die dänische Chanteuse Lydmor (alias Jenny Rosander) haben sich in Sachen ätherischer, schwebender Töne zusammengetan. Für ein ganz neues Projekt, das Hendrik Willemyns and John Roan aus der Taufe gehoben haben: „Dance! Dance! Dance!“ lautet der Name des Gesamtkunstwerks aus Film und Musik, in dem die Belgier die Geschichte eines vergessenen japanischen Musikers namens Furu nacherzählen. Traditionelles Kino verbindet sich hier mit Live-Musik. Die beiden Masterminds aus Brüssel wurden auf der Suche nach passenden weiblichen Vocals für ihr Projekt ausgerechnet in Kopenhagen fündig. Man traf sich und redete. Und harmonierte so wunderbar, dass die Belgier die scheue Kopenhagenerin tatsächlich davon überzeugen konnten, ein Video für den Track „Temul (Lie Low)“ komplett drei Meter unter Wasser zu drehen. Trotz Schwimmkennntnissen auf Freischwimmerniveau! Das Video ist aktuell leider nur in verkürzter Form zu sehen, schade! Aber spielt auf wunderbare Weise mit allen Melusinen-Klischees dieser Welt. Von Lydmors dänischer Landsfrau Ophelia ganz zu schweigen! Die belgischen Newcomer Vuurwerk (über die demnächst in diesem Blog zu lesen sein wird!) haben übrigens einen feinen Remix von „Temul (Lie Low)“ vorgelegt.

Die ästhetischen Experimente von Arsenal machen unbedingt Lust darauf, sich tiefer in das Schaffen des Duos zu vertiefen, das bislang fünf Alben vorgelegt hat. Via Soundcloud lassen sich hier so manche Überraschungen erleben. Denn die Belgier sind nicht nur die Meister der feinen und vertäumten Töne, sondern legen elegant vertrackte elektronische Songs für die Tanzfläche vor. Und finden mitunter auch gefallen daran, Rumpelstilzchen zu spielen!