Löwen meets Reykjavík: Illuminine

Es hat ziemlich lange gedauert, bis sich Kevin Imbrechts getraut hat, eine Mail an Birgir Jón Birgisson zu schreiben. Birgisson ist nämlich der Toningenieur der isländischen Postrocker Sigur Rós und somit für den jungen Stubenhocker aus der Universitätsstadt Löwen ein absolutes Idol. Kevin Imbrechts, der unter dem Künstlernamen Illuminine antritt und sich in den lichten Weiten zwischen Post-Klassik, Ambient, Instrumentalmusik und Movie-Soundtrack bewegt, hätte sich viel schon viel eher einen Ruck geben sollen: Denn binnen Stundenfrist antwortete der Birgisson und wollte gerne mit dem völlig unbekannten Musiker aus dem fernen Belgien zusammenarbeiten! Der junge Mann reiste also für zwei Wochen nach Reykjavík, wo Birgisson den Songs des Illuminine-Debütalbums „#1“ im legendären Sundlaugin-Studio von Sigur Rós den letzten Schliff verlieh. So kann es gehen, wenn man sich endlich ein Herz fasst!

Dass Imbrechts alias Illuminine (benannt übrigens nach einem Thurston-Moore-Song!) ein nachtaktiver Künstler ist, mag man nach ausführlichem Hören dieser warmen, schwebenden und ätherischen Songs gerne glauben. Solche ruhigen, entrückten Töne zwischen Gitarre, Piano und sanften Electronica ersinnt man nicht inmitten des lärmigen Alltags! Die Tracks des Debütalbums überzeugen durch Verträumtheit, Präzision und meditative Romantik. 14 minimalistische Songs. Alles kleine Preziosen, die durch komplexe Stimmungswelten flanieren. Dabei auf jeden überflüssigen Ton verzichten und trotz der Jugend des Komponisten (Imbrechts ist Mitte 20) eine große Gelassenheit ausstrahlen. In Belgien spielt Illuminine aktuell als Support von Amatorski. Passt!

Der Song „Dualisms“ ist angenehm vertrackt und dennoch federleicht!

Digitale Tropen mit Mutiny On The Bounty

Als dieses Blog über belgische (Pop)Musik vor rund einem Dreivierteljahr startete, wurde ein Blick über die Landesgrenzen ins Nachbarländchen Luxemburg versprochen. Da trifft es sich doch bestens, dass ich ein gewisses Faible für ausufernden instrumentalen Postrock habe und überdies intelligentem Frickel-Mathrock wohlwollend lausche. Gepflegte Theatralik weiß ich ebenfalls zu schätzen! Und so passt es, dass Mutiny On The Bounty aus dem Großherzogtum im Mai ihr drittes Album „Digital Tropics“ vorlegen. Allein der Albumtitel gefällt, darauf muss man erst mal kommen! Nach einigen Experimenten mit Screamo-Gesang auf dem Vorgänger „Trials“ sind die Vier nun zu rein instrumentalen Tönen zurückgekehrt, was wohl eine weise Entscheidung war. Mutiny On The Bounty sind experimentierfreudig, hüllen das Album in blumige Pastellfarben und entdecken ihre Lust an den 7oer-Jahren. Und deren Funkyness! Zur Singke „Mkl Jcksn“ gibt es ein sehr abgedrehtes Retro-Video, in dem sie der kultigen US-Musiksendung „Soul Train“ Tribut zollen und stilecht die Atmosphäre der Anfangssiebziger nachstellen. Zu diesem Zweck muss so mancher Altkleidersack geplündert oder die Klamottenkammer der Heilsarmee ausgeräumt worden sein. Synthies schwelgen, es wird ausgiebig gezappelt, und überhaupt: Jawohl, das ist schlauer, tüfteliger Mathrock – aber schau einer an, das ist überaus tanzbar und gut gelaunt dazu! Und ein ironisches Glitzern haben die Vier dabei unbedingt in den Augen! Und wer nun neugierig darauf geworden ist, was die Luxemburger in ihrer bereits zehnjährigen Bandgeschichte alles schon ausprobiert haben, dem sei der leidenschaftlich ausufernde Track „Mapping The Universe“ ans Herz gelegt. Auch deshalb sind Mutiny On The Bounty vor drei Jahren als einzige Luxemburger Band aufs Roskilde-Festival eingeladen worden!

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Jùjù mit Fùgù Mango

Groove, Afrobeats und Indiepop: Das sind die Konstanten auf die sich die Vier von Fùgù Mango einigen konnten, als sie sich 2013 in Brüssel zusammenfanden. Percussionlastige Tanzmusik für Menschen mit Köpfchen und Hüfte, die bloß nicht als simple Partymucke verstanden werden sollte. Denn gute Laune auf Bestellung sollen sich andere ordern! Fùgù Mango kleiden sich in knallbunte Phantasieuniformen und mischen die Nacht mit intelligenten, leichtfüßigen Rhythmen auf, die definitiv vielschichtiger sind als auf den ersten Blick erkennbar ist. Denn hinter aller Lebensfreude verbirgt sich etwa im feinen Track „Mango Chicks“ eine ganz leise Traurigkeit. Was noch für die Vier einnimmt: Klar zitieren sie ihre Vorbilder, die interessanterweise in den frühen 80ern zu finden sind: Paul Simon in seiner „Graceland“-Phase und die Talking Heads aus der „Little Creatures“-Zeit. So knallbunt wie das Cover von letzterer Scheibe haben wir uns die Töne von Fùgù Mango vorzustellen: Von unterkühlter Unbändigkeit und voller  Lust am Flirren! Das Debütalbum heißt schlicht und schick „Jùjù“, was die Sache ziemlich auf den Punkt trifft! Produzent ist die belgische Szenelegende Reinhard Vanbergen von Das Pop. Dem Album kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und die Augen dabei an den schönen roten Lanternen erfreuen. Um mit Fùgù Mango ganz schnell warmzuwerden, empfiehlt sich das wunderbare Live-Cover des Stranglers-Überhits „Golden Brown. Wie man sich wünschte, an diesem Abend dabeigewesen zu sein!

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Irgendwann kollidieren wir, Byron Bay

Eigentlich liegt Byron Bay in Australien. Aber die Vier um Sänger Tom Verstappen, die sich ebenfalls Byron Bay nennen, kommen aus der superlebendigen flämischen Musikmetropole Gent. Mit Anfang 20 kann man Weltschmerz und unbändige Sehnsucht wohl besonders intensiv ausleben und dies mit den Mitteln des gehobenen Folkpop bestens ausdrücken. Nachdenklich sein, hymnisch klingen und den Mond warmherzig anheulen: Da fehlt nur noch ein empfindsames Piano, um Weltschmerz der heimeligen Sorte zu erzeugen. Und bloß nicht glauben, dass es hier langsam und betulich zugehen muss: Byron Bay können in Songs wie „Run For Gold“ auch die großen Gefühle bedienen. Aber besser gefallen tun die Vier in den reduzierten Tracks wie „Collide“, die Landschaften von karger Romantik entwerfen und einen langen Anlauf nehmen, bis man hier endlich „hach!“ seufzen kann. Womit man es auch nicht übertreiben sollte. Aktuell werken Byron Bay an ihrer Debüt-EP. Bloß der gehobenen Prärie-Melancholie treu bleiben!

 

Schönes Geschrei ist das, Brns!

Diese Frage gilt es zu beantworten: Wie schlägt sich das belgische Experimentalpop-Quartett BRNS, in der eigenen Heimat eben für sein Debütalbum „Patine“ ausgezeichnet, in der deutschen Provinz, wo man sie kaum kennt? Zur Beantwortung muss man sich ins tiefste Südbaden nach Lörrach aufmachen, wo mit dem Between The Beats-Festival ein dreitägiges Schaulaufen hörenswerter neuer Klänge aus allen Ecken Europas zu stattfindet. Die Musikfreunde aus dem 70 Kilometer entfernten Freiburg werden sogar per Shuttlebus antransportiert! Die Fans aus Basel können über die Grenze spazieren und die aus dem Elsass rasch rüberradeln. Schöne Vielfalt im Dreiländereck! BRNS fällt am Freitag die scheinbar undankbare Aufgabe zu, den Abend um Punkt acht zu eröffenen. Die Vier aus Brüssel haben erfreulicherweise keine Scheu vor unbekanntem Publikum. Denn das kann man unbedingt fordern mit einer intensiven Mélange aus tribalem Lärm, vielstimmigem Gesang und dem ungenierten Verwenden von Melodicas aus dem Kinderzimmer-Fundus. Hoppla, hier gilt es zuzuhören, um die komplexen Strukturen hinter diesen mit wilder Spiellust vorgetragenen, hoch euphorisierenden Tracks angemessen goutieren zu können! Denn simpel ist das nicht, was die vier bescheiden auftretenden, hoch diszipliniert aufspielenden Belgier hier präsentieren. Es sind schlaue, verschachtelte Tracks, die sich vorschneller Verortung souverän entziehen und mit eleganter Widerborstigkeit punkten. Dass hier vor allem der großgewachsene, ungelenk wirkende Schlagzeuger singt, gibt sowieso Pluspunkte! An stilistischen Nachbarn fallen an diesem Abend vor allem die Dänen Treefight For Sunlight und The Kissaway Trail ein. Weil diese mit ähnlicher Leidenschaft aufspielen und Schönheit mit Unberechenbarkeit verbinden. BRNS machen wenige, aber launige Ansagen auf englisch, in die sich immer mal wieder ein „alors“ oder „voilà“ einschummelt. Was man in diesem deutschen Landesteil wegen der nahen französischen Grenze übrigens ohne Problem versteht. Knappe 45 Minuten: Ein schräges, intensives Feuerwerk aumüpfiger und überaus intelligenter postpoppiger Töne wird hier abgebrannt. Man denkt immer nur: Was fällt BRNS wohl als nächstes ein? Sicherlich Sounds, die man so nicht erwartet hätte! Und wenn alle vier Bandmitglieder aus Leibeskräften singen, als ginge es um das liebe Leben, dann weiß man, dass man von diesen Vieren noch einiges erwarten kann. BRNS sind übrigens gerade auf dem Weg nach Austin zum renommierten South By Southwest-Festival, wohin sie als eine der wenigen, handverlesenen Bands aus Belgien eingeladen wurden. Das wunderbare Video zu „Many Chances“ ist jedenfalls schon mal eine gute Empfehlung!

Mitternachtsschwimmen mit St. Grandson

Klassisches Songwritertum , das keinen Kniefall vor aktuellen Moden machen muss. Sich auf fast schon altmodische Tugenden besinnen: Kleine, klare Geschichten erzählen. Nicht zu dick auftragen. Wissen, dass weniger mehr ist. Und dann anfangen zu träumen, aber wie! Genau das tut St. Grandson! Hinter dem Projekt steckt der junge Musiker Benjamin Decloedt aus Gent. Der vorrangig mit Gitarre und Stimme auf den Fußspuren von Szenegrößen wie Bon Iver oder auch Simon & Garfunkel wandelt, aber in seine ruhigen Tracks eine gute Prise Pop-Sensibilität unterjubelt. Und der in seiner ersten Single „Midnight Swim“ feine Spannungsbögen aufbaut, die sich erst beim dritten Hören als komplexe Gebilde erweisen. Mitunter fühlt man sich hier auch an den färingischen Sänger Teitur und dessen lebhafte Ernsthaftigkeit erinnert. St. Grandson arbeitet, so weit ich das überblicke, derzeit an seinem Debütalbum. In seiner Heimat ist der Musiker zuletzt dadurch aufgefallen, dass er es unter die Finalisten des renommierten Nachwuchswettbewerbs De Nieuwe Lichting geschafft hat. Von diesem blassen Jungspund dürfte man noch hören!

Die vielleicht intensivste Einführung in das noch schmale Werk von St. Grandson bietet eine wunderbar atmosphärisch Live-Aufnahme des Tracks „I Swear, I Want“ in der lichten St. Jakobs-Kirche in Gent. Schön!