Tanzbare Tropen mit Leaf House

Ein warmer südlicher Luftzug flirrt durch die musikalische Welt von Leaf House aus Liège. Was, aus dieser bröckelnden ehemaligen Stahlmetropole kommen solch luftige tropische Töne? Warum denn nicht! Das Quintett um Sänger Romain Cupper ist allerdings alles andere als eine oberflächliche Sunshine-Reaggae-Kapelle mit einem dämlichem Dauergrinsen im  Gesicht. Nichts da! Lieber hat man es kompliziert, experimentiert mit blubbernden Electronica und gibt sich eher schlau als pflegeleicht. Ohne dabei einem überbordenden intellektuellen Überbau zu errichten! Tribale Rhythmen halten hier am Rande der Tanzfläche Händchen mit eigenwilligen Indietronica und mitunter aufmüpfig aufheulenden Gitarren. Und erstaunlicherweise klingt das im Ergebnis sehr tanzbar! Vor knapp einem Jahr hat man den ersten Longplayer „Lleeaaffhhoouussee“ vorgelegt, der so munter macht wie der erste schäumende Kaffee nach einer langen Nacht. Der übrigens nicht in der heimischen Wallonie, sondern im Hinterland von Ibiza aufgenommen wurde!  Stilistisch fassen lassen wollen sich die Fünf nicht, die sich nach einem Song  von Animal Collective benannt haben. Lieber hüpft man unbekümmert durch den Dschungel der Zitate und klingt im sehr feinen Track „Feel Safe“ zunächst so, als würde Roland Gift von den Fine Young Cannibals „Somewhere Over The Rainbow“ singen. Nur um anschließend umso mächtiger auf die Tanzfläche zu streben! Dem Erstling kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und dort noch so manche unerwartete Entdeckung machen.

Gelassene Träumer: YellowStraps

Sehr gelassen, fast schon abgeklärt klingen YellowStraps auf ihrer Debüt-EP „Whirlwind Romance“. Sie  zelebrieren elegant verlangsamte, geradezu klassische Electronica mit Ambient-Touch für die Stunden nach Mitternacht. Dazu der smarte, erwachsene Schmelz in der Stimme des Sängers: Das müssen coole, lebensweise Enddreißiger sein, die schon einige emotionale Tiefschläge verkraften mussten. Sicherlich sind das erfahrene Clubgänger, die sich an den lauten Tönen nicht mehr abarbeiten müssen. Ganz falsch gedacht! YellowStraps, das Ensemble aus den Brüdern Yvan und Alban Murenzi und ihrem Freund Ludovic Petermann sind minderjähig aussehende Nachwuchskräfte aus der Kleinstadt Braine L`Alleud vor den Toren Brüssels. Das Trio kennt sich schon seit Jungpfadfinder-Tagen. Die fünf Tracks des Erstlings sind mitnichten in clubnahen Studios entstanden, sondern größtenteils im Schlafzimmer des Elternhauses. Die Drei, die sich live mit einem Schlagzeuger verstärken, werkelten bereits als Fünfzehnjährige an ihren Songs. In Belgien haben diese völlig unbeschriebenen Blätter im vergangenen Jahr überraschend bei den Red Bull Elektropedia Awards in der Kategorie „Most Promising Artist“ gewonnnen. Holla!

Ihre Musik beschreiben YellowStraps als Mischung aus Hip Hop, elekronischer Musik und Jazz. Fügen wir ruhig noch eine Prise Weltschmerz-Pop hinzu, und vielleicht auch noch ein Gran chansoneskes Geschichtenerzählen. Geben diese jungen Träumer doch selbstbewusst zu, dass sie bevorzugt Songs über die Liebe schreiben. Sie tun das erfreulich pathosfrei, unsentimental, klug und klaräugig. Nurt selten holen sie wie im wundervoll schwelgerischen Track „Leap Of Faith“ zur großen Geste aus. Aber dann gehen sie mitten ins Herz. Wo sie sich in fünf Jahren sehen? Lieber nicht darüber nachdenken, das ist ja furchteinflößend! Sagen sie. Könnte aber auch sein, dass man auch außerhalb der Landesgrenzen von YellowStraps hört. „Whirlwind Romance“ kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen.

Die Welt vergessen mit Hydrogen Sea

Die schnöde Welt mit ihren Zwängen außen vor lassen und lieber an eisigen Winternächten in den kalt glitzernden Sternenhimmel schauen. Oder an warmen Sommerabend gen flirrende Milchstraße blicken. So könnte der kreative Schaffensprozess von Hydrogen Sea aus Brüssel beginnen. Die Stimme von Sängerin Birsen Uçar schwebt wie ein blasser, abnehmender Mond über feinen elektronischen Soundlandsschaften, die der Multiinstrumentalist PJ Seaux entwirft. Weniger ist hier unbedingt mehr. Hydrogen Sea lieben die Welt der Zwischentöne und der feinen Andeutungen. Bewegen sich irgendwo zwischen Dreampop, sensiblen Electronica und Flüsterpop. Als Brüder und Schwestern im Geiste lächeln The XX, Beach House oder Massive Attack über diesen zerbrechlichen, nächtlich verlangsamten Tönen. Und das man jüngst den Song „Wandering Star“ von Portishead coverte, passt genau ins Bild. Man könnte das belgische Duo mit seinem Faible für leicht verschwurbelte Elfentöne übrigens auch im nebelverhangenen Island verorten, denn Sóley oder Emiliana Torrini würden als gute Feen an der Wiege dieser jungen Band ein stimmiges Bild abgeben.

Die krausen Gedanken schweifen lassen kann so sinnlich und geheimnisvoll klingen! In der Großstadt Brüssel fühlen sich Hydrogen Sea am rechten Ort – da keiner diese quirlige, widersprüchliche und trotzdem offene Stadt richtig versteht (sie selbst eingeschlossen), entsteht eine besondere Atmopshäre eigentümlicher Schönheit, welche die eigene Kreativität befeuert. Flüchtig bleiben wie das Wasser – für Hydrogen Sea ein anstrebenswerter Zustand. Das Duo hat bislang die sehr feine EP “Court the Dark” vorgelegt und werkelt eifrig an neuem Material. Ich poste hier ausnahmsweise gleich zwei Songs, da sie gleichermaßen gut gefallen: Das scheinbar naive, märchenhafte, mädchenhafte „Leave A Mark“ mit seinen dunklen Untertönen und das melancholisch-weltvergessene und sehr winterliche „End Up“.

 

Lärm und Lust mit High Hi

Geduld, junger Jedi! möchte man all denen zurufen, die den sehr feinen Track „Calm Down Sir“ von High Hi zum ersten Mal hören. Denn es dauert eine ziemliche Weile, bis nach allerlei aufbegehrendem adoleszenten Gitarrengeschrammel mit viel Fuzz und Hall endlich die ebenso starke wie sehnsüchtige Stimme von Sängerin und Gitarristin Anne-Sophie Hooghe einsetzt. Die einem dann aber nachhaltig betört, wie es die Sirenen nicht besser könnten. „Come, come again“, fleht sie, bis einem Hören und Sehen vergeht. Bitte am Mast festbinden, sonst ist man rettungslose verloren! Das Trio aus Löwen bewegt sich auf der grünen Grenze zwischen Shoeganze, härterem Britpop (irgendwie musste ich zwischendurch an den Klassiker „How Soon Is Now“ von den Smiths denken!) und garagigem Gelärme. Eine wunderbare Spannung zwischen Lärm und Lust herrscht hier. Und obwohl hier der Schweiß kräftig fließt und die langen blonden Haare der Sängerin fliegen, flirrt hier der bunte Flitter durch die Luft und kündet von poppiger Liebessehnsucht. Wie das schließlich funkelt!

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Schwärmerische Raukehlchen: Amongster

Ganz schön rauhe Kehle für solch einen Jungspund! Thomas Oosterlynck, der bärtige Sänger von Amongster, klingt so, als würde er sich gerne die Nächte um die Ohren schlagen, Selbstgedrehte ohne Filter rauchen und dabei das eine oder andere Bier trinken. Die nächtliche Stadt voller Schatten, in der man zu sehr später Stunde gefühlig den Mond anheult: Die Stadt ist in diesem Fall Gent, die flämische Metropole mit den vielen Kirchen und der stolzen industriellen Vergangenheit. Amongster sind zu viert, waren im vergangenen Jahr unter den Finalisten für den renommierten Nachwuchspreis De Nieuwe Lichting und sind inzwischen von V2 Records Belgium unter Vertrag genommen worden. Die selbst betitelte Debüt-EP ist Anfang März erschienen und ist mitnichten einfach nur puristisch-mitternachtrockig. Denn in die rabenschwarzen Nachgedanken schleichen sich symphonische Elektronica ein, die den Songs des offenkundig am Leben leidenden Oosterlynck alle Wehleidigkeit nehmen. Denn in „Salrow“, einem der tanzbarsten Tracks des Erstlings, offenbaren Amongster ein feines Händchen für das schwärmerische Melodrama. Und zeigen nebenbei, dass Vertracktheit Flügel entwickeln und schwerelos abheben kann! Angst vor Genregrenzen haben Amongster ohnehin nicht: Denn in einer neuen Session für Studio  Brussel covert das Quartett ausgerechnet Coolios Klassiker „Gangsta´s Paradise“. Beim Betrachten des Videos sinnt man lange darüber nach, an wen Herr Oosterlynck uns äußerlich ein wenig erinnert. Endlich macht es „klick“ im Kopf: Er sieht aus wie der kleine Bruder von Tyrion Lannister aus Game Of Thrones!

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