Regenwaldgezwitscher mit Samowar

Elektronisches Vogelgezwitscher? Tribale Rhythmen? Urwald-Elfengesänge? Huch, unterkühlt tropische Töne für den gehobenen Dancefloor? Hinter Samowar steckt das Ein-Frau-Orchester von Leen Diependaele aus der Hafenstadt Antwerpen, die im wuchernden Indietronics-Urwald ihre ganz eigene Lichtung aus schlauen Beats plus hörbaren Flirts mit Techno-und Avantgardeelementen besetzt. Island in den Tropen? Sóley inder Südsee? So könnte sich das anhören! So weit ich das überblicke, hat Miss Dippendaele im vergangenen Oktober eine selbst betitelte EP vorgelegt, auf welcher der Track „Roots“ ganz besonders gefällt. Es sind fragile, subtil verstörende Töne, die hier entstehen. Hinter diesen grün wuchernden Palmen verbirgt sich vielleicht Sinistres. Die tropische Idylle ist anderswo.

https://samowar.bandcamp.com/track/roots

Unberechenbar träumen mit Yuko

Wer in seinen gesammelten Werken mit einen Instrumentaltrack mit dem schönen Titel „Feuchttücher“ aufwarten kann, dem ist meine Sympathie schon mal unbedingt gewiss. Wie kommen Yuko aus Gent bloß auf diese Idee? Die Band um Mastermind Kristof Deneijs bleibt die Erklärung nonchalant schuldig. Seit Jahren bewegt sich das Quartett mit selbstbewusster Bescheidenheit zwischen Weirdpop, Folktronica und Postrock und singt mit viel Herzblut etwa darüber, dass das Love Interest ein Desaster ist. Das wird achselzuckend hingenommen und ein schlunzig poetischer Song namens „You Took A Swing At Me“ darüber geschrieben. Der Track entwickelt hinterrücks einen soghaften Charme und zieht sachte hinunter in emotionale Tiefen, ohne dabei je wehleidig oder, Gott behüte!, melodramatisch zu werden. Yuko stapeln lieber tief und deuten die Dinge an, als sie plakativ auszuprechen. Ist ja viel spannender so! Im vergangenen Jahr hat die Band ihr drittes Album „Long Sleeves Cause Accidents“ vorgelegt. Ursprünglich war geplant, einen Longplayer mit eigenwilligen Coverversionen von Kirchenliedern vorzulegen. Davon ist man abgerückt, aber eine gewisse religöse Inbrunst ist hier immer noch zu vernehmen, wenn man ausufernd nachdenkt und die Geister aus der Vergangenheit beschwört. Der Albumtitel nimmt übrigens Bezug auf einen populären Slogan aus dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Frauen an die verlassenen Werkbänke ihrer in den Kampf gezogenen Männer gerufen wurden. Ärmel hochkrempeln! Ähnlich hat es wohl auch die Band selbst getan und hat sich in ihrer kleinen Jolle auf dem weiten Ozean zu neuen Abenteuern aufgemacht. Wie um sich noch souveräner allen vorschnellen Verortungen zu entziehen, haben Yuko die klassische Sopranisten Deborah Cachet eingeladen, auf einigen Tracks Guest Vocals beizutragen. Und dann wird es im meist katzengrauen Universum von Yuko eigenwilligerweise grenzwert-melodramatisch. „A Couple Of Months On The Couch“ ist mitnichten leicht zu goutierende Kost. Geduld ist hier gefragt: Es geht bescheiden genug los, nur um dann zu hymnenhafter Hochform aufzulaufen!

Die sehr feine Cover-Gestaltung stammt übrigens wie schon beim Vorgänger-Album „For Times When Eyes Are Sore“ von Londoner Illustrator David Foldvari.

Grenzwerttrauriger Charme mit Alice On The Roof

Man hört drei Takte dieser leicht heiseren und dennoch anmutigen Stimne mit dem leichten französischen Akzent und feinen Härchen im Nacken verspüren einen leichten Luftzug. Die angenehm zurückgenommene und dennoch einprägsame Stimme ist die von Alice Dutoit aus der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Mons, die unter dem künstlerischen Alter Ego Alice On The Roof antritt. Die knapp 20jährige Chanteuse (ja, hier passt diese Vokabel bestens) hat eben ihre erste EP „Easy Come Easy Go“ vorgelegt: Eine fein schwebende Mischung aus Franko- und Elektropop für traumverlorene blaue Stunden auf dem Bar-Dancefloor. Dass die Stimmung hier grenzwerttraurig ist, wirkt überaus seelestreichelnd. Für eine knapp dem Teenager-Alter entwachsene Sängerin und Pianistin hat Alice schon eine recht bewegte Vergangenheit aufzuweisen: Die junge Frau versucht sich zunächst bei „The Voice Of Belgium“, wo sie es immerhin bis ins Halbfinale schafft. Aber ganz wohl scheint sie sich bei dem Spektakel nicht gefühlt zu haben und konzentriert sich lieber aufs eigene Songschreiben. Und versteckt sich nicht, sondern wagt etwas: Sendet ihr Demotape an den renommierten Londoner Produzenten Tim Bran, der mit Szenegrößen wie London Grammar, La Roux und KT Tunstall zusammengearbeitet hat. Und siehe da, dem Mann stellten sich tatsächlich die Ohren hoch. Im Herbst 2015 wird er jedenfalls das Debütalbum der völlig unbekannten Newcomerin aus dem wallonischen Hinterland herausbringen. Im sehr feinen Titelsong der bereits vorliegenden EP singt Alice fast schon mantrisch die Zeilen „I am sinking like a stone“.  Nein, nein, Mademoiselle: Das könnte durchaus etwas werden mit der Künstlerinnenkarriere. Der EP kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen. Sehr fein ist aber auch die sehr stimmige und intime Live-Session von „Easy Come Easy Go“. Piano und Stimme. Mehr braucht es hier nicht für eine leichte Gänsehaut.