The LVE wirbeln mehr als nur Staub im Wind auf

“Dust In The Wind” von Kansas als Inspirationsquelle zu nehmen, das ist für eine junge Band nun nicht unbedingt naheliegend. 1977 wurde der zu Unrecht auf Kuschelrock-Compilations verbannte Klassiker veröffentlicht und ist,  wie bei Wikipedia nachzulesen, vom Gedankengut der amerikanischen Ureinwohner inspiriert. Wie komme ich bloß auf Kansas? Durch eine sehr nette Mail von Gerrit, Mitglied der Antwerpener Band The LVE. The LVE ist die Abkürzung des vorherigen Bandnamens The Lightning Vishwa Experience, was nun doch ein wenig sperrig klang. Die sympathische Nachwuchstruppe hat sich dem großäugigen, psychedelisch angehauchten, sanft euphorisierenden Dreampop verschrieben und den feinen Track “Bags” vorgelegt. Und dazu ein stimmiges Video, das eine liebevolle Parodie auf den Kansas-Klassiker ist. Das Original-Video einfach nachgestellt und den eigenen Song dazu gespielt. Die Hemdkragen sind hier im 7oer-Jahre-Stil so groß wie Servietten im Buckingham Palast. Das Trockeneis wabert. Als kleine Verbeugung vor dem Jahrzehnt funkeln leise Synthie-Fanfaren auf. Ureigentlich geht es hier um eine unbewusste Sehnsucht und um eine sanfte Lebenslust. Und irgendwie auch um ein sehnsüchtiges Ziehen in Bauch und Herz. Unberechenbar und zugänglich wollen sie sein, die Sechs aus Antwerpen. Vor allem aber sind sie überaus zärtlich. Auf eine angenehm nachdenkliche Art. Dazu passen diese hingetupften Klavierakzente und die dezente Boy-Girl-Dynamik bestens. The LVE stehen am Anfang, und sie glühen hörbar vor Begeisterung darüber. Der erste Longplayer der Antwerpener soll im Herbst herauskommen.

 

Melancholischer Müßiggang mit Avondlicht

Ein kleiner Geheimniskrämer ist er schon, der Herr Avondlicht aus Antwerpen. Genauere Infos zu Name und Vita muss man in mühseliger Kleinarbeit aus den Tiefen des Netzes herausfischen. Also! Mastermind hinter dem One-Man-Electronica-Projekt ist Matthias Dziwak aus der Hafenstadt, in der man so schön Schiffe gucken kann und überdies noch versteht, dass sich die Globalisierung zu nicht geringen Teilen über Containerschiffe vollzieht. Matthias Dziwak hat in der Vergangenheit bislang als musikalischer Duo-Partner von Oaktree auf sich aufmerksam gemacht, einem ebenfalls in Antwerpen beheimateten Elektronikfrickler. Während Oaktree sich eher an den experimentellen Seitenrändern des Genres bewegt, steht Avondlicht in der postromantischen Tradition und pflegt die Kunst des melancholischen Müßiggangs. Hier schwärmen die Streicher so beseelt, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Avondlicht hat seine Kapuze tief über den Kopf gezogen und schaut nach unten. Innerlichkeit in ihrer modernen Form also! Die Debütsingle “Embrace” ist ein kleines instrumentales Glanzstückchen, das die Tugenden des eleganten Müßiggangs hochhält. Dazu lässt sich bestens nachdenklich im sanften Abendlicht schlendern. Und die Seele schmerzt  höchst angenehm. “Embrace” ist der erste Vorbote der EP “Blossom”, die demnächst erscheinen soll. Und vielleicht sollte die britische Elektronica-Szene um Mount Kimbie ernsthaft zur Kenntnis nehmen, dass sich die Antwerpener Szene mit ihren atmosphärischen Beats so langsam zur ernsthaften Konkurrenz mausert!

Ärger kommt zu dritt: Brutus

inen feinen Leitspruch haben sich Brutus aus der alterwürdigen Universitätsstadz Löwen für ihr musikalisches Projekt schon ausgedacht: “Trouble Comes In Three”. Womit schon einmal klar ist, dass es sich bei diesem Trio um Sängerin und Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts nicht um brave Bücherwürmer handelt, sondern um wütend aufgebehrende Sinnsucher, die gekommt zwischen Gefühl und Härte oszillieren. Will man diese mitunter gewalttägigen Sounds stilistisch einordnen, muss man häufig das Präfix “post” verwenden: Postpunk in der aufmüpfigen und atemlos vorangaloppierenden Attüde. Postrock für die ausufernden Strukturen, die extremen Stimmungsschwankungen und den Hang zur Innenschau. Songs wie “Bearclaws” kommen mit hibbeliger Dringlichkeit und wilder Heftigkeit daher, offenbaren aber im Innersten ein schwarzromantisches Herz auf der Suche nach der unbedingten Liebe. Halbgare Hingabe gibt es nicht! Dass das schon mal klar ist!

Der große, ungezähmte Sound: Darunter tut es das Trio nicht. Kleinklein ist für die Angsthasen. Und das sind Brutus mit Sicherheit nicht. Die Drei stehen am Anfang. Auf Bandcamp liegen gerade einmal vier Tracks vor. “Dancing On The Face Of A Panther” startet scheinbar ruhig im Nachdenklichkeits-Modus. Nur um dann um so energiegeladener in schwarzdunkler, hoffnungsloser Schönheit zu explodieren. Und „Horde“ ist ziemlich heftig!

Ein Hoch auf die männliche Diva mit Faces On TV

Männliche Diven stehen fälschlicherweise unter dem Generalverdacht, unverbesserliche Zicken zu sein. Aber nein, aber nein! Denn zum Diva-Tum gehören zwingend ein leiser Lebensüberdruss, eine Lust am gehobenen Müßiggang und nonchalante Spielereien mit Nichtigkeiten. So zu tun, als gingen einem die Dinge überhaupt nichts an, weil man das Leben sowieso am besten auf dem Divan ruhend goutiert: Eine hohe Kunst, das! Jasper Maekelberg ist unbestritten eine männliche Diva, die sich im Werden befindet. Makelberg, die treibende Kraft hinte Faces On TV, zelebriert auf den ersten Veröffentlichungen seiner Band eine unterkühlte Form der Schwüle. Deutet lieber an. Dick auftragen ist seine Sache nicht. Lieber pflegt der Musiker aus Gent leise 60ies-Anklänge und intoniert in schleppendem Falsett-Gesang elaboriert-edle Klanglandschaften, die ihr Geheimnis zu wahren wissen. Die Single „Run Against The Stream“ ist jedenfalls hohe Cool-Kunst.

Zurück in den Sommer der Liebe mit den Wooly Mammoths

Das Wollhaarmammut ist vor 3.600 Jahren ausgestorben. Die Wooly Mammoths aus Brüssel sind dagegen quietschlebendig! Die Youngsters wünschen sich auf leichtfüßige und tiefenentspannte Weise in den Sommer der Liebe zurück: Mit psychedelisch angehauchter Strandmusik schreiben sie den charmant-schlunzigen Soundtrack für die ersten Junitage. Liegen auf geblumten Badelaken und schauen verträumt den Wolken nach. Trotz verwaschenernGitarren und coolen Vocals sind diese Töne eindeutig im Poplager angesiedelt! Sean, Mikey,  Wouter, Freek und Cedric heißen dieses späten Nachfahren der Beach Boys. Seit 2013 macht man gemeinsam Musik. Das Gesamtwerk fällt nach anderthalb Bandgeschichte noch recht knapp aus, macht aber Laune, auch wenn sich hier „fire“ mal wieder auf „desire“ reimt. Das sei ihnen verziehen, wenn sie mit „Out Of Love“ einen wehleidigkeitsfreien und grenzwertoptimistischen Song schreiben. Dieser ist eben erst herausgekommen und kann, so weit ich das überblicke, aktuell noch kostenlos heruntergeladen werden. Weil gerade der Sommer ausbricht, so lässt sich dieser doch bestens mit dem feinen „Pulling Me Under“ feiern, wo diese Jahreszeit die heimliche Hauptrolle spielt. Summertime is on my mind! Die Wooly Mammoths wissen aber auch, dass dieser Zustand flüchtig ist. Deshalb spielt noch eine kleine Prise Melancholie hinein, was unbedingt notwendig ist!