Im Kämmerlein, im Wald: He Died While Hunting

Darauf muss man erstmal kommen: He Died While Hunting ist ein ziemlich cooler Bandname. Was assozieren wir damit? Dann mal wild darauf los: Na klar, Wald und Dickicht, unwegsames Gelände, unerwartete Abgünde, kalte klare Luft sowie die Farben dunkelgrün, abendhimmelblau und karmesinrot. Damit liege ich nicht völlig daneben, denn als Definition des eigenen Schaffens findet sich auf der Homepage der schöne Lindwurm-Satz “minimalist indiepop electronica post-everything and post-nothing”. Schön gesagt! Der tote Jäger geistert bereits seit dem Jahr 2009 durch den Brüsseler Untergrund und ist im Kern das Solo-Projekt Cedric van Mol. Als Gastmusiker sind seine Freunde zu hören, die Gitarre, Druns, Cello, Vibraphon, Trompete und Posaune beitragen. Passt doch bestens in den Wald, das! Das sind eigensinnige Töne von spröder Schönheit, die im stillen Kämmerlein des Herrn van Mol entstehen. Zu denen man jenseits aller Süßlichkeit die Gedanken frei schweifen lassen und sich mitunter subtil aufschrecken lassen kann. Die neue EP “With Reckless Abandon” ist mit Soundsample-Spielereien vielleicht einen Tick experimenteller ausgefallen als die Vorgänger. Eine subtile Beunruhigung flirrt durch diese Töne. Sie sind zurückgenommen und vieldeutig. Können durchaus ins dichte Dickicht führen. Sind aber unbedingt reinen Herzens und offenen Auges. Das sind Sounds, die dunkel und licht zugleich sind. Sehr gut gefällt der bereits etwas ältere Instrumental-Track “Makeshift (In This Room)”.

Winterslag schreiben den Soundtrack für kürzere Tage

Die Dunkelheit bricht immer früher herein. Tiefdunkelblaue, fast schon ins Schwarze tendierende Himmel um viertel vor sieben. Der Winter kommt. Die Zeit bis zum ersten Schneefall können wir uns mit den kleinen, wunderbar verlangsamten Songs von Winterslag aus Gent bestens füllen. Das sind definitiv Töne für ruhige, blaue Stunden. Töne für selbstvergessene Tagträumereien und für seliges Nichtstun. Die Fünf aus der flämischen Metropole bewegn sich sorgsam auf einem Territorium, das die weiten Weiden zwischen Folktronica und Flüsterpop umfasst. Gehaucht, nicht gesungen: So gehört sich das in diesem Genre! In dem eigenwilligen Video zum feinen Track “Cause For Concern” geht es nicht nur um die Melancholie der kürzeren Tage und um die Unbehaustheit in seelenlosen Stadtlandschaften. Sondern auch um merkwürdige kleine Lichter, um Einsamkeit und um fliegende Koffer! Allein die skurrile Gestaltung des Vidos nimmt doch sehr für Winterslag ein! Zu diesem Song wird einem wunderbar mürbe ums Herz. So könnte er sich anhören, der Kummer in Flandern! Und weil der Herbst auch Lesezeit ist, kann ich den gleichnamigen Roman von Hugo Claus nur jedem ans Herz legen, der Sinn für die Absurditäten des Kleinstadtlebens in Zeiten der deutschen Besatzung hat. Ansonsten: Soweit ich des Flämischen mächtig bin (also: per Raten und Hoffen) verstehe ich die Sache so, dass Winterslag gerade an ihrem Debütalbum arbeiten. Das möchte ich gerne hören!

Dreampop auf Flämisch: Bazart

Die belgischen Indiepop-Lieblinge Oscar And The Wolf, die in diesem Jahr einen kometenhaften Aufstieg hingelegt haben, beweisen sich erneut als Meister des guten Geschmacks: Für ein Konzert in den Niederlanden im November haben sie die Landsleute von Bazart als Support eingeladen. bazEine gute Entscheidung: Denn das Quintett, dessen Mitglieder aus Antwerpen und Gent stammen, spielt souverän verträumten Dreampop mit gelungenen Elektronik-Einsprengseln. Und vor allem: Bazart singen auf flämisch, was nicht unbedingt als stilprägende Sprache der Popmusik gilt. Aber bei den Nachbarn verständlicherweise gut ankommen dürfte! Wer nun aber glaubt, dass das als schwerfällig geltende Idiom ungeignet für eleganten Pop ist, der sieht sich getäuscht: Der ziselierte, grenzwertmelancholische Track “Goud” ist ein empfindsames Stückchen Sehnsuchtsmusik mit zurückgenommener Lizenz zum Schmachten. Die samtigen Synthies passen! Man kann zu diesen Klängen mit schmerzendem Herz tanzen. Großes Kino! Dass es hier um die Kunst der gehobenen Melancholie geht, erschließt sich ohne jegliche Kenntnis des Flämischen. Das ist genau die Musik, mit der man sich seelisch auf den November einstellen kann!

Dalton Télégramme: Westernromantik im Chanson-Style!

Der Wilde Westen muss gleich hinter Liège liegen. Auf diese Idee könnte man glatt kommen, wenn man die vier kauzigen Kerle von Dalton Télégramme sieht, wie sie ihn ihren Trapperkappen vor einer Holzwand posieren, die prall mit Jagdtrophäen bestückt ist. dtAber bloß keine vorschnellen Schlüsse aus dieser Inszensierung ziehen: Denn das Quartett ist durchaus feinsinnig, sehr ironisch und vor allem: Experimentiert gekonnt mit einem ungewöhnlichen Stilmix! Als “Western Folk Chanson Française” charakterisiert man die eigene musikalische Orientierung und bringt die Dinge damit sehr gut auf den Punkt. Das sich Western-Banjo und Montmarte-Gassenhauer bestens vertragen war mir bislang unbekannt! Zwei EPs haben die Vier bislang vorgelegt. Via Soundcloud kann man an verhangenen Oktobertagen bestens in “La Planque” hereinhören und sich an einem feinen Mix aus Melancholie und Lebenslust erfreuen.

Dass sie ihre musikalischen Wurzeln im Chanson bestens kennen, beweisen Dalton Télégramme jetzt mit einem wunderbaren Cover des Francopop-Klassikers “Manureva”, zu dem kein Geringerer als Altmeister Serge Gainsbourg den Text beisteuerte.  Die Musik stammt von Alain Chamfort. Der Track um die Tragik eines in der Südsee verschollenen Bötchens war im Jahr 1979 ein Hit in Frankreich, der es leider nicht ostwärts über den Rhein geschafft zu uns geschafft hat. Schade, denn filigrane Sehnsucht und verhaltene Traurigkeit halten sich hier wunderbar die Waage. Auch als Filmmusik würde sich der Song bestens eignen. Für das Cover haben sich Dalton Télégramme die Sängerin Mary Pack von Mary & The Poppins eingeladen und ein sehr eigenwilliges Video dazu gedreht. Allein das Arrangement von Percussion via Pappbecher lohnt das Anschauen! An dieser gelungenen Inszensierung mit geringsten Mitteln müssen die Vier lange geübt haben! Westernromantik und Amélie-Welt halten hier überraschenderweise Händchen. Zaubern ein Lächeln ins Gesicht. Und machen ein ganz klein wenig traurig. Und dazu diese sentimentale Trompete! Das Debütalbum von Dalton Télégramme soll Anfang 2016 erscheinen. Sehr schön!

(Foto: Martin Mailleux).