Ob Du wohl dasselbe fühlst? Sleepers´ Reign

Herzen himmelhoch schlagen lassen. Bewusst die großen Gefühle zelebrieren. Endlose Sehnsüchte wecken. Das muss man sich erst mal trauen! Und wenn man dabei keineswegs pathetisch oder peinlich klingt, sondern trotz der Annäherung an the big music auch noch leicht und elegant, dann lässt das doch aufhorchen. Sleepers´ Reign aus der flandrischen Kleinstadt Herentals (ich muss sofort an Harrenhal & Arya Stark denken). sleepers reignDie vier Jugendfreude aus der Provinz wollen sich mit ihrem emotional aufwühlenden Elektronikpop erst gar nicht mit Klein-Klein begnügen, sondern schreiben majestätisch ausufernde Soundtracks für Menschen mit angeknacksten Herzen, die dringend des Trostes in Form musikalischer Schönheit bedürfen. Das könnte fast schon in Richtung Synthie-Stadionpop gehen, wenn diese Töne nicht so zart gesponnen wären. Und weil das Piano keineswegs sentimental, sondern superempfindsam klingt! Dazu diese Falsettstimme und die hingebungsvollen Harmoniegesänge! Und ganz gegen Ende des sehr feinen Track “Four Dots” wagen es die Vier, kurzzeitig in euphorische Gefühle auszubrechen. Hach! Das ist Melancholie in Cinemascope! Und wenn es jetzt einer wagt, leise “Coldplay” zu sagen, dann wird der oder die von mir gehauen. Weil diese Töne viel zu fein für effekthascherisches, falschgefühliges Coldplay-Gesäusel sind!

Warum haben wir von Sleepers´ Reign bislang noch nichts gehört? Weil die Band bisher nur eine EP mit zwei Tracks herausgebracht hat. Außer “Four Dots” übrigens noch ein elektropoppiges Cover von Bob Dylans Klassiker “Like A Rolling Stone”. Ausgerechnet! Wie bereits gesagt: Diese Jungs trauen sich was! Und stehen kurz vor Veröffentlichung ihres ersten Longplayers, so weit ich das übersehe. Dass aus Herentals fast schon postrockig ausufernde Synthie-Balladen kommen, hat sich inzwischen bis ins ferne Texas herumgesprochen: Sleepers´ Reign gehören zu den handverlesenen Musikern, die im kommenden Jahr beim SXSW-Festival im texanischen Austin spielen.

Belgium Booms at Iceland Airwaves 2015!

Dass aus Belgien aktuell aufregende, wilde und eigenwillige Töne kommen, hat sich mittlerweile sogar bis Reykjavík herumgesprochen. Denn bei der diesjährigen Ausgabe des fünftägigen, hochkarätig besetzten Musikspektakels Iceland Airwaves in der isländischen Haupstadt gab es nicht nur absinthgrüne Nordlichter am Abendhimmel zu bestaunen, sondern gleich zwei belgische Bands: BRNS und Great Mountain Fire. Airwaves-Chef Grímur Atlason hat gut gewählt: Denn BRNS und Great Mountain Fire sind in ihrer verspielten Schrulligkeit, unbedingten Leidenschaft, und aufregenden Unberechenbarkeit irgendwie….isländisch im Herzen! Dass sich zu beiden Bands bestens abtanzen lässt, das ist die Cocktailkirsche auf dem Sahnebecher. BRNS mit ihrem riesigen Arsenal an Spielzeug-Instrumenten, an Tröten und Hupen und Glockenspielen, kommen in Reyjkavík, wo der Do-It-Yourself-Ansatz in der Musik hochgehalten wird, bestens an. Dazu ein aus Leibeskräften singender Schlagzeuger, ein Rumpelstilzchen-Keyboarder und ein Gitarrist, der einen Saitenriss mit Bravour wegsteckt: Im kleinen Keller-Club der Bar 11, wo BRNS im Rahmen des  Off-Venue-Programms auftreten, steht das einheimische isländische Publikum Nase an Nase mit sämtlichen Exil-Belgiern und -franzosen der Atlantikinsel. Die unbändige Energie und Spielfreude der Belgier (“we are a band from Brussels”) überträgt sich in der knappen halben Stunde prontissimo aufs Publikum: “I never been to Mexico, ooh-ooh!” Davon hat man auch auf Island schon gehört. Sehr schweißtreibend, sehr intensiv, sehr lebensprall!

Für die ganz große Überraschung aber sorgen Great Mountain Fire im Konzertsaal Gamla Bío. Von BRNS mag man vielleicht schon gehört haben dort oben, die haben in der Blogosphäre reichlich Wind verursacht. Aber Great Mountain Fire sind in Reykjavík ein weißes Blatt Papier. Und dass diese fünf tropischen Waldschrate es schaffen, einen ganzen Saal subito zum Tanzen zu bringen, das ist eine Leistung! Die farbenfrohe, sympathisch-anarchische Truppe hört sich rotzfrech, superlebendig und sehr sinnlich an: Als seien die Talking Heads irgendwann Mitte der 80er auf Kuba verloren gegangen! Das nervöse, überkandidelte Großstadt-Feeling von “Remain In Light” geht hier in die Cha-Cha-Bar und trinkt Cocktails mit quietschbunten Papier-Sonnenschirmchen auf der Ananas. Der Keyboader mit seinem beeindruckenden Rauschebart sieht so aus wie ein Exil-Wikinger, der bei Geburt versehentlich nach Brüssel vertauscht wurde. Dem Mann, der mit der Grazie eines Grizzly-Bären tanzt, dem fliegen hier die Herzen entgegen. Nach 20 Minuten tanzt das Publikum freudestrahlend mit wiegenden Hüften und blitzenden Augen. Wir hätten gerne noch lange so weitergemacht mit diesen angenehm verrückten Fünf, die vor kurzem ihr Album “Sundogs” veröffentlicht haben. Der Albumtitel passt!