Vorübergehend farbenblind: Eyemèr

Wenn Sarah Devreese alias Eyemèr davon singt, dass sie den Glauben verliert und sich missverstanden fühlt, dann klingt das keineswegs larmoyant, sondern fragil und poetisch. Von Selbstmitleid keine Spur! Man spürt sofort: Die a0375622955_16junge Frau aus Gent ist auf der Suche nach den Zwischentönen. Die Dinge verlangsamen sich in diesen kleinen Songs im Lo-Fi-Modus. Durch diese scheinbar sanften Sounds wallen Nebel und wabern ferne Nachtmahre. Subtil beunruhigende Songs wie“Butterfly“ blicken vorsichtig Richtung Schauerballade. Unbedingt ist hier eine Prise Weird Pop involviert. Denn eine harmlose Klampferin ist Eyemèr mt Sicherheit nicht. Ein Strange Girl schon eher! Dem Debütalbum „Temporarily Colourblind“, das Mitte März beim Label Zeal Records März erschienen ist, kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und sich dabei in zarte, graue Gegenwelten entführen lassen. Zur Veröffentlichung hat Eyemèr, die auf dem Erstling mit ungewöhnlichen Arrangements überrascht, ein Video zum Track „Promise“ vorgelegt, das auf eigenwillige Art verschwurbelt daherkommt. Die Dinge verschwimmen hier jedenfalls fast unmerklich. Den Reim auf die Dinge muss man sich hier schon selbst machen. Denn dieses Kunstmärchen ist jedenfalls nicht auf den ersten Blick zugänglich! Die Dinge in der Schwebe halten, das ist eine Kunst. Eyemèr beherrscht sie.

 

Bei Gaëtan Streel isst man das Sauerkraut aus der Dose!

Dieser Mann hat selbst im tiefsten Herbst ein sonniges Gemüt! Vielleicht verhilft das Studium der Wissenschaftsphilosophie tatsächlich zur inneren Gelassenheit und wir können alle teuren Entspannungskurse vergessen! Gaëtan Streel heißt der Mann aus Liège, der jede Menge Lebensfreude in diese massiv von der Deindustrialisierung betroffene wallonische Metropole bringt. gaetanDas bröckelnde, superlebendige Liège ist übrigens zehntausend Mal cooler als Berlin, aber das hat sich gottseidank noch nicht bis zu den Hipster-Kids der Welt herumgesprochen. Eingemottete Stahlwerk und verwelkende Industrielandschaften, die haben was! Vor allem, wenn die Gegenkultur hier zu wuchern beginnt wie Unkraut! Aber ich schweife ab. Denn Monsieur Streel ist ein unbekümmerter Grenzgänger zwischen Pop, Elektronik, Handgemachtem und Reggae. Der Mann mit den kleidsamen Rastalocken lässt die Ukelele puckern und ist von vergnügter Gelassenheit. Der Track „I´m Gonna Get Through Fall“ hat Ohrwurm-Qualität und wiederholt mantramäßig, dass alles in Ordnung kommen wird. Genau das müssen wir manchmal hören! Das dazugehörige Video überzeugt mit skurillen Einfällen, wobei mir vor allem gefällt, dass hier Sauerkraut direkt aus der Dose gegessen wird. Dass der Song leise an den Regenbogen-Reggae-Hit von Israel Kamakawiwo´Ole erinnert, das soll uns nicht weiter aufs Gemüt schlagen. Draußen regnet es eklig. Wir summen diesen Song!