Schwüler Nachmittag auf der Reeperbahn mit Warhaus

Soll man es fassen? Um fünf Uhr nachmittags, wenn das Nachtleben auf der Amüsiermeile in St. Pauli noch nicht mal ansatzweise gestartet ist, wartet eine mindestens zweihundert Meter lange Schlange geduldig darauf, Warhaus im Molotow zu sehen. Leicht verwirrt checkt man den Zeitplan. Spielt wirklich niemand anderes außer den von grünen Absinth-Wolken umnebelten belgischen Düsterpopsters um diese Uhrzeit? Tatsächlich nicht! Vielleicht wollen die Menschen in der Schlange heute noch die Antwort auf die Frage erhalten, was Liebe ohne Unordnung taugen soll. Denn das ist nur eines der Themen, das Warhaus alias Maarten Devoldere auf seinem Debütalbum „We Fucked A Flame Into Being“ streift. Devoldere, einer der beiden Frontmänner der belgischen Indiepopster Balthazar, zelebriert bei seinen ersten Schritten als Solokünstler einen Stil der Romantik Noir. Hat sich mit der Chanteuse Silvie Kreusch, ansonsten Sängerin bei den Dreampopstern Soldier´s Heart, eine veritable Femme Fatale mit an Bord geholt. In Hamburg treten Warhaus zu viert auf: Mit einem jungen Schlagzeuger und mit Jasper Maekelberg an der Gitarre, der als Mann hinter dem Projekt Faces On TV wohl auch zur erweiterten Familie gehört. Und das Album übrigens auch produziert hat. Das Quartett schafft es bei heller Nachmittagssonne und einem wunderbar satten, dunkelblauen Spätseptemberhimmel gleichwohl, eine Bar-Atmosphäre zu erzeugen. Durch dunkelschwarze Intensität und durch eine Hingabe an die dunkle Seite des Bänkel-Gesangs. Und durch feine jazzige Einsprengsel, vor allem dann, wenn der Meister zur Trompete greift. Man fühlt sich in das Berlin der 20er, an das Paris der 60er und das Brüssel von heute erinnert. Eine Mischung aus Melancholie, Großstadt-Verlorenheit, eigensinnigem Außenseitertum und stylisher Dekadenz. Die blasse, sehr silberblonde Silvie Kreusch stiehlt Devoldere an diesem Nachmittag fast die Show mit ihrer Lolita-Stimme und dem lasziven Tanzstil, der in jedem gehobenen Nachtclub gut ankommen würde. Die Frau ist von einer irritierenden, eckigen, katzenhaft unkonventionellen Schönheit. Und die Prise Verruchtheit passt bestens in die Reeperbahn-Umgebung! Mit der Liebe kommen wir der Verdammnis ziemlich nahe, wenn die Dinge schief laufen. Aber oh, wie aufregend!

Warhaus sind im Oktober übrigens auf kurzer Deutschland-Tour. Gut möglich, dass ich mich zum Frankfurter Konzert aufmache!

 

 

Leise flehen meine Lieder: Felix Pallas

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Felix Pallas

Wenn Männer schöner flehen, dann freuen wir uns doch: Da denken wir doch sofort an die wunderbare Szene aus dem 80er-Teenie-Klassiker „Pretty In Pink“ zurück, in der Anti-Held Duckie sich zu „Please Please Please Let Me Get What I Want“ von den Smiths  so sehnlichst wünscht, dass seine angebetete Andie seine Liebe endlich erwidert. Sie tut es natürlich nicht, sondern wählt idiotischerweise den wankelmütigen reichen Schnösel mit dem schwachen Mund. So geht das halt. Drehbuchautor John Hughes gönnt Duckie ein halbgares Happy End, das sich fürchterlich falsch anfühlt. Schön flehen tun auch Felix Pallas aus dem flämischen Örtchen Brasschaat: Sie tun das allerdings in Cinemascope, mit überkandidelten Falsett-Vocals und mit himmelhohen Synthies. Mitunter fühlt man sich fast an die jungen A-ha erinnert. Aus heutiger Sicht erscheinen die 80er im Übrigen fast wie die Zeit der Unschuld.

Schmachten de luxe: So geht das! Der Geist der luxusverliebten 80er Jahre wabert durch wunderbar künstliche Tracks wie „Curse“: Man könnte fast glauben, dass diese vier Herren (darunter übrigens ein Bruderpaar) weiße Bundfaltenhosen tragen! Felix Pallas ist selbstredend keine reale Person, sondern ein Konstrukt. Der Klang dieses Namens gefiel den Bandmitgliedern, weil er Latein und Griechisch verbindet. Da muss man erstmal drauf kommen! Hat hier etwa der klassisch-altsprachliche Schulunterricht bleibende Spuren hinterlassen?

Sänger Simon Nuytten und seine Mitstreiter sind in den vergangenen drei Jahren in Belgien bei verschiedenen renommierten  Nachwuchswettbewerben in die Endrunde gekommen. Sie haben bereits den Sprung über den Kanal geschafft und sind mehrfach in London aufgetreten. Aktuell werkelt das Quartett an seiner  zweiten EP. Über die empfehlenswerte belgische Musik-Entdecker-Site vi.be kann man ausführlich in die Songs aus der Anfangszeit des Quartetts hineinhören, die nicht ganz so überlebensgroß ausgefallen sind und fast zugänglicher wirken. Der neue Track“Curse“ mit seinen Vocoder-Effekten ist allerdings ein feines Stückchen Synthiepop mit einer kleinen schwarzen Rose im Knopfloch. Schwelgen wir weiter in elegantem Dunkelblau!

Mélanie De Biasio: Kein Requiem für Charleroi

Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar agiert in seiner Öffentlichkeitsarbeit genauso wie die Bagger, die er produziert: Grobschlächtig, aber effektiv. So haben sich die Manager des Unternehmens vor drei Tagen genau die Woche der Festlichkeiten zur 350-Jahrfeier von Charleroi ausgesucht, um schlechte Nachrichten zu verkünden: Das Caterpillar-Werk in der Stadt wird geschlossen. Über 2.000 Arbeitsplätze sind direkt betroffen. Mit Zulieferern sind es in der gesamten Region über 6.000. Anderswo wird billiger produziert, so die simple Begründung. blackenedNun ist Charleroi durch den Niedergang der traditionsreichen Stahl- und Kohleindustrie  wirtschaftlich stark gebeutelt. Der Schock bei den Menschen sitzt tief. Gefeiert haben sie an diesem Wochenende  trotzdem.

Ich war bislang ein Mal in Charleroi, an einem grauen, verregneten Sonntag. Die Stadt schien leer und verwundet. Klaffende Baulücken, Reste früherer Pracht. Latent aufsässig an den Ecken herumlungernde Menschen. Im Vergleich mit Charleroi scheint selbst das Rhein-Main-Schmuddelkind Offenbach wie ein florierende Frohnatur. Nun ist es so mit scheinbar hoffnungslosen Fällen, dass wir sie um so mehr ins Herz schließen. Ich zumindest. Denn was wollen wir mit der einfachen, saturierten Schönheit?

Charleroi ist die Heimat von Mélanie De Biasio. Die Sängerin und Flötistin scheint ihre Stadt in leidenschaftlichem Trotz verbunden. Vor kurzem hat sie „Blackened Cities“ veröffentlicht. Eine 25-minütige Improvisation über Heimat und Vergänglichkeit.

Mélanie De Biasio

Mélanie De Biasio

Wer Mélanie De Biasio kurzerhand in die reine Jazz-Ecke stecken will, liegt ziemlich falsch. Es ist minimalistischer Pop, den sie hier mit wunderbarer Zurückhaltung präsentiert. Es ist aufs Äußerste reduzierter, ausufernder psychedelischer Pop.  Ein Soundtrack für eine Roadmovie ohne Worte, in der die Kamera durch verlassene Industrielandschaften vagabundiert. Natürlich auch Kammerjazz, aber ohne jeglichen Schnickschnack. Es ist aber auch eine kluge Meditatiom über Vergänglichkeit. Kann schon sein, dass Billie Holiday von ihrer grauen Wolke zustimmende gen Charleroi nickt. Und noch etwas: Man braucht Geduld. Mélanie De Biasio und ihre wunderbare Band lassen sich Zeit, um sich ihrem Thema anzunähern. Das sind dunkelblaue, aber keineswegs resignative Töne. „Blackened cities are humble . Strangers stroll and lovers stumble“, singt Mademoiselle. Via Bandcamp kann man ausführlich in „Blackened Cities“ hereinhören.