Mélanie De Biasio: Kein Requiem für Charleroi

Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar agiert in seiner Öffentlichkeitsarbeit genauso wie die Bagger, die er produziert: Grobschlächtig, aber effektiv. So haben sich die Manager des Unternehmens vor drei Tagen genau die Woche der Festlichkeiten zur 350-Jahrfeier von Charleroi ausgesucht, um schlechte Nachrichten zu verkünden: Das Caterpillar-Werk in der Stadt wird geschlossen. Über 2.000 Arbeitsplätze sind direkt betroffen. Mit Zulieferern sind es in der gesamten Region über 6.000. Anderswo wird billiger produziert, so die simple Begründung. blackenedNun ist Charleroi durch den Niedergang der traditionsreichen Stahl- und Kohleindustrie  wirtschaftlich stark gebeutelt. Der Schock bei den Menschen sitzt tief. Gefeiert haben sie an diesem Wochenende  trotzdem.

Ich war bislang ein Mal in Charleroi, an einem grauen, verregneten Sonntag. Die Stadt schien leer und verwundet. Klaffende Baulücken, Reste früherer Pracht. Latent aufsässig an den Ecken herumlungernde Menschen. Im Vergleich mit Charleroi scheint selbst das Rhein-Main-Schmuddelkind Offenbach wie ein florierende Frohnatur. Nun ist es so mit scheinbar hoffnungslosen Fällen, dass wir sie um so mehr ins Herz schließen. Ich zumindest. Denn was wollen wir mit der einfachen, saturierten Schönheit?

Charleroi ist die Heimat von Mélanie De Biasio. Die Sängerin und Flötistin scheint ihre Stadt in leidenschaftlichem Trotz verbunden. Vor kurzem hat sie „Blackened Cities“ veröffentlicht. Eine 25-minütige Improvisation über Heimat und Vergänglichkeit.

Mélanie De Biasio

Mélanie De Biasio

Wer Mélanie De Biasio kurzerhand in die reine Jazz-Ecke stecken will, liegt ziemlich falsch. Es ist minimalistischer Pop, den sie hier mit wunderbarer Zurückhaltung präsentiert. Es ist aufs Äußerste reduzierter, ausufernder psychedelischer Pop.  Ein Soundtrack für eine Roadmovie ohne Worte, in der die Kamera durch verlassene Industrielandschaften vagabundiert. Natürlich auch Kammerjazz, aber ohne jeglichen Schnickschnack. Es ist aber auch eine kluge Meditatiom über Vergänglichkeit. Kann schon sein, dass Billie Holiday von ihrer grauen Wolke zustimmende gen Charleroi nickt. Und noch etwas: Man braucht Geduld. Mélanie De Biasio und ihre wunderbare Band lassen sich Zeit, um sich ihrem Thema anzunähern. Das sind dunkelblaue, aber keineswegs resignative Töne. „Blackened cities are humble . Strangers stroll and lovers stumble“, singt Mademoiselle. Via Bandcamp kann man ausführlich in „Blackened Cities“ hereinhören.

 

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