Stille Tage in Jette mit Indies Keeping Secrets Brussels

Kann man einen ganzen Sonntag in Jette verbringen? Dem stillen Stadtteil im nordöstlichen Teil Brüssels mit seinen wunderbaren Art-Noveau-Gebäuden, unter anderem dem Haus, in dem René Magritte den Großteil seines Berufslebens verbrachte? In den ausgedehnten, erstaunlich stillen Parks? Und kann man dabei auch noch wunderbare, nicht nur musikalische Entdeckungen machen? Ja, man kann! Wenn die Indies Keeping Secrets Brussels zur zweiten Auflage ihres Sommerfestivals laden, dann ist es unbedingt Zeit, mal wieder in die belgische Hauptstadt zu reisen. Denn bereits die erste Auflage des kleinen, aber feinen Festivals im vergangenen Jahr war eine reine Freude. Wo sonst konnte man einem Konzert auf dem Grund eines leeren (!) Schwimmbeckens der Universität Brüssel lauschen? Im August 2017 gibt es keine Neuauflage der musikalischen Schnitzeljagd quer durch die belgische Hauptstadt. Sonntags man trifft sich morgens um zehn am historischen Vorstadtbahnhof in Jette, wo man nicht nur ein Heißgetränk im Café am Platz einnehmen kann, sondern von den Indies geheimnisvolle Briefumschläge in die Hand gedrückt bekommt, aus denen der Sternenstaub rieselt. Bloß nicht vor Ende des ersten Konzerts öffnen! Und dann geht es fast im Gänsemarsch durch das sonntagsträge Jette, wo es nach zehnminütigem Fußweg ein kleines, feines Hinterhoftheater namens Ploef voller Krimskrams zu entdecken gibt, in dessen Garten glückliche Hühner gackern. Und als ersten Künstler des Tages teerschwarzen Blues mit Tiny Legs Tim, dem Mann in Schwarz mit den scharfen Gesichtszügen. Der tiefe Seelenschmerz am Sonntag um halb elf wird von launigen Ansagen etwas auf aufgehellt. Für meinen Geschmack etwas zu viel Düsternis für frühe Morgenstunden, aber der Musiker ist als One-Man-Kapelle ein Meister der Bluesgitarre. Und das Ambiente im improvisierten Theaterchen sehr zauberhaft!

Danach kann man sich in den lichten Parks von Jette entspannen, im Parkcafé ein zweites Frühstück einnehmen und endlich den zweiten Briefumschlag öffnen! Und da die Indies Keeping Secrets ein Händchen für schöne

Erzcoole Jungs: Soviet Grass

Erzcoole Jungs: Soviet Grass

Locations haben, geht es dieses Mal in die Abdij van Dileghem in Jette, wo man im barocken Saal unter einem beeindruckend funkelnden Kronleuchter sitzt und den Kopf gehörig in den Nacken legen muss, um die festliche Kuppel in aller Ausführlichkeit zu bewundern. Und dann Bühne frei für die distinguierten Herren von Soviet Grass: Laut Organisatorin Silke „die bestgekleidete Band, die jemals bei Indies Keeping Secrets aufgetreten ist“. Tweed- und Samtanzüge sind unbedingt eine feine Sache, aber die haben die Musiker um den kunstvoll tätowierten Sänger Nicolas Heinkens überhaupt nicht nötig, um nachhaltig zu beeindrucken. Die Band aus Brügge zelebriert einen erdigen, leidenschaftlichen Psychedelik-Rock, der aufs beste mit dem feierlichen Ambiente der ehemaligen Abtei harmoniert. Es wird uns ganz schön heißt bei diesen intensiv krautrockigen Klängen, die ganz von der Stimme Heinkens leben, der die Rolle des charismatischen Frontmanns überzeugend füllt. Und unbedingt der coolere Bruder von Über-Dandy Max Colombie von Oscar And The Wolf sein muss. Im Posen wie im Singen ist der Mann gleichermaßen Meister.

Der Nachmittag geht mit einen gemütlichen Spaziergang durch Jette-Downtown gemütlich dahin, man stärkt sich beim orientalischen Metzger mit frisch belegten Baguettes und belgischem Bier aus der nächstlegenen Eckkneipe, schlendert über den Friedhof zu Jette und öffnet endlich den letzten Umschlag: Zum Abschluss geht es in die Sint-Pieterskerk, wo die amerikanische Singer-Songwriterin Laura Cortese einen emotional dichtes Konzert spielt und uns daran erinnert, dass es ein anderes, ein besseres Amerika gibt. Unterstützung holt sie sich von den belgischen Freunden Paper Wings: Man hat sich auf Tour kennengelernt und Freundschaft geschlossen. Die Folkpopster, wo übrigens auch Gertjan Van Hellemont von Douglas Firs mitmischt, sind sanfte Träumer, die den Tag in Jette auf friedliche und herzerwärmende Art beschließen. Hach, schön war es wieder mit Euch, Indies Keeping Secrets Brussels! Wer neugierig geworden ist, wie es beim kleinen Festival so zugegangen ist: Die Indies haben auf Facebook ein feines Fotoalbum erstellt!

Träumen Replikanten von Urlaubspostkarten? Hong Kong Dong

Geheimnisvolle Kreaturen: Hong Kong Dong aus Gent

Geheimnisvolle Kreaturen: Hong Kong Dong aus Gent

Wenn ich Siri frage, wovon sie träumt, dann antwortet sie. „Von elektrischen Schafen. Aber nur manchmal“. Wovon Hong Kong Dong aus Gent träumen? Vielleicht von üppigen Cremetorten im Pastell-Look oder quietschbunten Urlaubspostkarten? Die Drei aus der flämischen Metropole sind sympathische Querköpfe, die sich selbst erfreulicherweise nicht allzu zu enst nehmen und die Dinge mit anarchischem Spieltrieb angehen. Sängerin Sister Sarah Yu ist einer der glücklichen Menschen mit Doppelbegabung: Sie ist nicht nur Musikerin, sondern auch Illustratorin. Drei Mal darf man raten, wer das überbordend bunte Cover des neuen Albums „Kala Kala“ entworfen hat! Geoffrey Burton ist der Soundtüftler, der die Bleeps zum Tanzen bringt und Bolis Pupul der Mann hinter den himmelhohen Synthies. Klingt nach sympathischen Nerds! Die nicht die geringste Scheu davor haben, dem niveauvollen Kitsch zu huldigen! Abtanzen kann man zu diesem signalfarbengrellen Postkarten bestens, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Die Drei kultivieren eine quietschbunte Fröhlichkeit, biegen abenteuerlustig auf abstruse Nebenpfade ab und sind ganz schön übermütig! Dass das Trio verlorengegangene Cousins in Finnland besitzt, weiß es wahrscheinlich nicht: Die längst verblichenen I Was A Teenage Worshipper und ihr unvergessenes „She´s With The DJ“. Aber ich schweife ab. Hänge ja auch mit einem Ohr am Fenster und höre den Torjubel vom nahegelegenen Böllenfalltor: Darmstadt geht heute als Tabellenführer schlafen! Gleichwohl: Der Hong Kong Dong-Track „Postcard“ bietet den perfekten überkandidelten Soundtrack für den Start ins Wochenende!