Silberne Äpfel finden mit TOTM

Nachdenken auf die frickelige Art: Das können sie, die vier Jungs von TOTM: Abtauchen in postrockige Gefühlswelten aber auch. Und dabei sehr emotional werden. Zur großen Geste ausholen. Puuuh, das Quartett aus Brüssel traut sich etwas, wenn es sich in erhabene Gegenwelten aufmacht und dort nach den silbernen Äpfeln sucht. Zu biographischen Angaben schweigen sich die Vier aus. Man definiert den eigenen musikalischen Stil als „Einladung zum Vergessen und zum Verlassen, in der Nähe einer sich ständig verändernden Quelle“.  Sehr poetisch gesagt, liebe TOTMs, ihr Helden des komplizierten Bandsnamens. Im vergangenen Jahr schaffte man es bis ins Finale des renommierten wallonischen Nachwuchswettbewerbs Concours Circuit, ging mit einem improvisierten Video fast im Wald verloren, zeigte deutliche Zusammenhänge zwischen Dark Folk und experimentellem Pop. Und machte zwischen den Zeilen unmissverständlich klar, dass man Fan der kanadischen Postrock-Heroen Goodspeed You! Black Emporer ist.

Ganz klar, dass diese Geschichten im blauen Zwielicht spielen und die Herren TOTM blass und überwiegend bärtig sind. Aber irgendwie schielen sie mit postromantischen Songs wie „Silver Apples“auch gen hehre Gefühlswelten, die uns sanft himmelwärts tragen. Die Tage werden kürzer, der Nebel pirscht sich heran. Da brauchen wir hochwertigen, schwelgerischen Seelentrost, den TOTM mit inniger Düsternis zelebrieren. Eine selbst betitelte EP ist erschienen, die bestens zur Zeit um Halloween passt, wenn die Tore zwischen dier diesseitigen und der jenseitigen Welt einen Spalt offen stehen. Via Soundcoud kann man in das noch schmale Werk von TOTM hereinhören uns sich sanft in leichte beunruhigende Gegenwelten entführen lassen.

Vorsicht, Dandy-Alarm: Oscar And The Wolf beim Reeperbahn Festival 2017

Es war einmal,  vor langer, langer Zeit, da traten Oscar And The Wolf noch mitten im Darmstädter Stadtwald beim Golden Leaves Festival 2013 auf. Damals, ja damals spielte Max Colombie noch Indiepop, und zwar ziemlich flotten. oscarDer Mann aus dem Brüsseler Stadtteil Jette, der zwischenzeitlich in Gent Malerei studierte, hat sich seitdem mächtig künstlerisch gehäutet und neue musikalische Weggefährten mit an Bord geholt. Max Colombie inszeniert sich als feinnerviger Dandy und beherrscht das Spiel mit der eleganten Selbstinszenierung perfekt. Ein wenig orientalischer Chic, ein wenig Oscar-Wilde-Überheblichkeit in Sachen exklusiver Geschmack und der Schmelz des dekanten Flaneurs zwischen den Welten sowieso. Max Colombie flirtet gekonnt mit Dance-Tunes und Elektropop, ist ein Fan barock üpppiger Gefühle, aber beherrscht die innige Herz-Schmerz-Ballade ebenso. Ein Hauch Geheimnis umgibt diese männliche Diva. Oscar And The Wolf kultiviert eine leise Melancholie. Und trotzdem ist hier erkennbar Feuer unterm Eis, wenn sich der Musiker mit den glutvollen dunklen Augen  in immer neuen Verkleidung präsentiert. Tanzen kann dieser Schlacks von Mann, keine Frage! Und gekonnt mit Geschlechteridentitäten spielen sowieso!

Ich muss gestehen: Zeitweise gingen mir diese perfekten Inszenierungen bereits ein wenig gegen den Strich. Puuuh, diese stylishe Selbstverliebtheit! Dieser coole Narzissmus! Aber dann spielen Oscar And The Wolf am Samstagabend vor absolut vollem Haus in den Docks beim Reeperbahn Festival und überwältigt mit warmem Charme. Max Colombie strahlt wie tausend Sonnen. Und ist nicht der unnahbare Schönling, sondern überaus sympathisch mit einem unwiderstehlichen Lächeln, trotz aller großen Gesten. Sehen wir hier den letzten romantische Gentleman, auch wenn er sich unter Ghetto-Gear versteckt? Unter all dem Bombast und Glitter schimmert immer noch ein Hauch von Unschult durch. Tanzen muss man zu diesen Klängen sowieso! Und sich hinunter in die samtige Dunkelheit ziehen lassen. Wer nicht dabeisein konnte in Hamburg – das Konzert ist aufgezeichnet worden!