Der Strahlemann: Témé Tan. Belgium Booms at Eurosonic 2017

Wie er mit seinem Wuschelkopf oben auf der improvisierten Bühne im gemütlichen Plato-Plattenladen in der Groninger Innenstadt steht und mit einem großen Strahlen im Gesicht an seinen elektronischen Gerätschaften hantiert: Mit Témé Tan geht selbst im grauesten Groninger Januar die Sonne auf. Témé Tan alias  Tanguy Haesevoet ist ein neugieriger und superlebendiger Grenzgänger zwischen Brüssel und Kinshasa. Im Alter von sechs Jahren kam er aus der afrikanischen Metropole nach Belgien und hat den Kontakt in die alte Heimat nie abreißen lassen. Auf dem Eurosonic Festival 2017 im niederländischen Groningen ist der junge Musiker Teil der großen Delegation aus dem Nachbarland („Belgium Booms At Eurosonic“). Und eine der schönsten Entdeckungen! Denn Témé Tan schafft es mit verspielter Leichtigkeit, Afro- mit Elektronikpop, Dance und HipHop zu verbinden. Er selbst bezeichnet seinen Sound als „Glamarous Tribal“ und bringt die Dinge damit bestens auf den Punkt. Tanzen kann man bestens zu diesen flirrend-tropischen Klängen! Neben mir steht beim improvisierten Konzert im Plattenladen der Soundmann von Témé Tan, der die Dinge souverän über seinen Laptop managt und lauthals mitsingt. Da ist ein echter Fan an den Reglern! Dass er auch Tiefgang hat, beweist Témé Tan mit „Améthys“, einem zart melancholischen temeund überaus lebensbejahenden Song über seine jüngst verstorbene Mutter. „Wenn ich an Dich denke, dann tanze ich“: Wenn das keine schöne Botschaft ist! Sehr fein und sehr politisch ist auch die Single „Ca Va Pas La Tete“ (übersetzt etwa: Geht´s noch?) Dieser Track hat einen dezidiert politischen Hintergrund und wurde bereits 2014 in Guinea aufgenommen, als dort Ebola wütete und das gesamte westafrikanische Land stigmatisiert wurde. „Ich wollte meinem Freunden und meiner Familie in Europa zeigen, wie lebendig und positiv die Menschen in Guinea trotz dieser schwierigen Lage waren“, sagt Témé Tan zum Hintergrund des Songs. Ernste Botschaft, mit leichter Hand dargeboten: Bitte mehr davon!

(Foto: Miko/Miko Studio)

 

 

Frauenmusik mit Wuman

Warum bloß nennt sich sich eine rein aus Männern bestehende Band ausgerechnet Wuman? Dafür gibt es einen ebenso simplen wie überzeugenden Grund:

Wuman is female music composed by male humans

Ach so! Da muss man(n) erstmal drauf kommen! Wuman sind ein Quartett aus dem Provinznest Tournai nahe der französischen Grenze, das zwar eine beeindruckende Kathedrale und einen Turm für Heinrich XVIII. (das war englische König, der gerne seine Frauen köpfen ließ!) vorweisen kann, aber sonst nicht viel. Die Vier sind längst nach Brüssel umgezogen. Und schreiben Frauenmusik! Oder das, was sie darunter verstehen: Also einen sehr leichtfüßige, südlich flirrenden, percussionlastigen und tropischen inspirierten Pop! Das klingt mitunter so fröhlich wie Paul Simons The Rhythm-Of-The Saints-Phase. Wechselt aber unvermittelt in ausufernde, leicht experimentelle Postpop-Klänge und ist dazu noch ungemein tanzbar! Und schlau dazu, ohne aufdringlich zu sein!  Man segelt ähnlich wie die famosen dänischen Cousins Treefight For Sunlight auf dem weiten Ozean der überkandidelten Opulenz, ohne es wirklich damit zu übertreiben. Kürzlich haben die Vier ihre sehr feine Debüt-EP „Portraits“ herausgebracht. Die sechs Tracks sind allesamt nach Frauen benannt! „Wuman zeichnen Frauen ohne Stift und Papier“ merken die Macher des Botanique an, des schönsten Brüsseler Veranstaltungsortes. Recht haben sie! Und am Samstag stehen Wuman dort in der Rotonde auf der Bühne, denn sie stehen im Finale des renommierten Nachwuchswettbewerbs Concours Circuit. Das haben die begabten Nachwuchskräfte unbedingt verdient! Und wie üblich werden sie das Konzert einer Frau widmen, was sie üblicherweise tun! Via Soundcloud kann man in die EP hereinhören. Meine Highlights: Das afropoppige „Sara“ und das verträumt-verspielte „Julia“, wo Gastsängerin Julia Minkin glänzt. Ganz klar, dass sich die Jungs hierfür mit einem Songtitel revanchieren müssen!

Jùjù mit Fùgù Mango

Groove, Afrobeats und Indiepop: Das sind die Konstanten auf die sich die Vier von Fùgù Mango einigen konnten, als sie sich 2013 in Brüssel zusammenfanden. Percussionlastige Tanzmusik für Menschen mit Köpfchen und Hüfte, die bloß nicht als simple Partymucke verstanden werden sollte. Denn gute Laune auf Bestellung sollen sich andere ordern! Fùgù Mango kleiden sich in knallbunte Phantasieuniformen und mischen die Nacht mit intelligenten, leichtfüßigen Rhythmen auf, die definitiv vielschichtiger sind als auf den ersten Blick erkennbar ist. Denn hinter aller Lebensfreude verbirgt sich etwa im feinen Track „Mango Chicks“ eine ganz leise Traurigkeit. Was noch für die Vier einnimmt: Klar zitieren sie ihre Vorbilder, die interessanterweise in den frühen 80ern zu finden sind: Paul Simon in seiner „Graceland“-Phase und die Talking Heads aus der „Little Creatures“-Zeit. So knallbunt wie das Cover von letzterer Scheibe haben wir uns die Töne von Fùgù Mango vorzustellen: Von unterkühlter Unbändigkeit und voller  Lust am Flirren! Das Debütalbum heißt schlicht und schick „Jùjù“, was die Sache ziemlich auf den Punkt trifft! Produzent ist die belgische Szenelegende Reinhard Vanbergen von Das Pop. Dem Album kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und die Augen dabei an den schönen roten Lanternen erfreuen. Um mit Fùgù Mango ganz schnell warmzuwerden, empfiehlt sich das wunderbare Live-Cover des Stranglers-Überhits „Golden Brown. Wie man sich wünschte, an diesem Abend dabeigewesen zu sein!

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