A star is born? Tamino

Wenn ein absoluter Newcomer wie Tamino das Publikum außerhalb seines Heimatlandes in einem vollbesetzten Konzertsaaal zu Standing Ovations hinreißt, dann ist das etwas Besonderes. Aber genau so ist es geschehen, am Samstag in der Lutherse Kerk in Leeuwarden beim wunderbaren Explore The North Festival in der friesischen Provinz. „Melancholische Lieder vom belgischen Supertalent“ heißt es in der Konzertankündigung. Vom Singer-Songwriter aus Antwerpen ist dort auch die Rede, aber mit harmlosen Klampfenjünglingen hat der 20jährige mit dem dunklen Lockenkopf nichts gemein. Sehr erwachsen, sehr tiefgründig und bewusst zurückgenommen klingen Taminos Songs an diesem kalten, verregneten Abend. Mit lauten und marktschreierischen Tönen hat der schlacksige Jüngling mit belgisch-ägyptischen Wurzeln nichts zu tun. Eher mit der fatalistisch-zärtlichen Flachen-Flanderland-Ästhetik seines berühmten Landsmannes Jacques Brel. Oder der dunklen Poesie eines Leonard Cohen. Die große Geste eines Jeff Buckley ist ihm nicht fremd. Alles ehrfurchgebietene Namen, aber an diesem Abend ist es spürbar: Dieser junge Grenzgänger zwischen Chanson, orientalischen Sounds und anspruchsvollem Melodram verfügt über eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz und ein sehr feines Händchen für Zwischentöne. Und einen beachtlichen Stimmunfang.  Und ganz gegen die Tradition bei Festivals fordert das Publikum in der Lutherkirche so energisch und einmütig eine Zugabe, dass diese auch gewährt wird. Beim ach so intim startenden „Habibi“ hält der gesamte Saal den Atem an.

In Belgien sind Taminis Konzerte ausverkauft

Die Mama hat Tamino Moharam Fouad in weiser Voraussicht nach dem Helden aus Mozarts „Zauberflöte“ benannt und im in frühester Jugend die Platten von Serge Gainsbourgh,  Tom Waits, des malischen Sängers Oumou Sangaré und natürlich der ägyptischen Diva Umm Kulthum vorgespielt. Sehr gut gemacht, Mama! Tamino hat bislang eine EP vorgelegt. Der dunkelblau schwebende Song „Cigar“ kündet ebenfalls von hoher Empfindsamkeit! In Belgien hat die Nachwuckskraft bei Nachwuchswettbewerben vorne mitgemischt und ziemlichen Eindruck hinterlassen. Bei den holländischen Nachbarn an diesem magischen Abend aber auch!

(Foto: Ramy Moharam Fouad)

 

Die Stille sehen. Das geht mit MEK!

Eiigenwilliger Träumer: MEK

Eiigenwilliger Träumer: MEK

In der stillen, sommermüden Stadt zur Ruhe kommen mit verträumtem, sanft entschleunigten Chansonpop. Das geht bestens mit MEK und seinen unangestrengten, nachdenklichen Songs zwischen Tag und Traum. Koen Meirlaen, der Musiker hinter diesem Ein-Mann-Projekt aus Gent, macht um sich nicht viele Worte, sondern gibt sich lieber geheimnisvoll. Informationen zur Vita sind nur spärlich vorhanden, was in Zeiten des allgegenwärtigen Informationsüberflusses schon wieder einen gewissen Charme hat. Nur so viel: Der junge Musiker war zuvor bei den inzwischenen verblichenen Indiepopstera Nova Zembla aktiv und verfolgt nun seinen eigenen Weg mit leicht eigenwilligen, zart elektronischen Sounds, die lieber flüstern statt schreien. Und nur ein kurzer Einwurf zu Gent: Man hat fast den Eindruck, dass mindestens jeder zweite der zahlreichen Studenten an der Universität Gent in einer oder mehreren Bands spielt. Das sind fast isländische Verhältnisse! Auch die Vorliebe für leicht experimentelle, knisternde, filmmusik-affine Klänge, wie MEK sie im feinen Video zu „Utoreen“ pflegt, in dem er uns auf eine Fahrt durch die nächtlichen Staßen Gents mitnimmt. Unbedingt zu empfehlen! Der Mann kann aber auch Piaonopop, wie er mit seiner neuen Single „Breathe“ beweist, wo Newcomerin Wanthanee als Gastsängerin überzeugt. Alles feine Songs, aber im noch schmalen Oeuvre von MEK gefällt das lakonische und empfindsame „See The Silence“ fast am besten. Keine großen Töne um sich selbst machen in Zeiten, in denen Prahlerei und Protzerei regieren: Zurückhaltung ist das neue Laut!

 

Marta Rosa schläft bis zum Frühling

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Von Abbiategrasso nach Gent mit Marta Rosa

Marta Rosa will so lange schlafen, bis die Blütenblätter wieder sanft auf ihre Haut regnen: Kann man angesichts des trüben Novemberwetters sehr gut verstehen, diesen Wunsch! Vielleicht sehnt sie sich im nebeligen Gent bisweilen auch nach ihrem italienischen Heimatstädtchen Abbiategrasso in der Nähe von Mailand, wer weiß? Dabei hat die junge Italienerin, die seit 2012 am Königlichen Konservatorium in Gent ihren Master im Fach Jazz Vocals macht, sehr viel Anlass, sich in der superlebendige Musikszene der flämischen Metropole wohlzufühlen: Denn hat sie viele unterschiedliche Musiker kennengelernt, darunter auch den Bassisten Nils Vermeulen, den Gitarristen Artan Buleshkaj and den Drummer Simon Raman. Gemeinsam bilden sie die Band Marta Rosa, die im Frühjahr ihr feines Debütalbum „Invertebrates“ vorgelegt haben. Die vier erkunden mit leichter Hand und sanfter Bittersüße die ewig aktuelle Frage, was die äußere Welt und die innere Welt verbindet. Wer nun klassischen Jazz erwartet, wird sich enttäuscht sehen: Marta Rosa zelebrieren feinen Nachdenklichkeitspop und streifen empfindsame Singer-Songwriter-Sounds. Liebäugeln mit dem Chanson, brechen überraschend in rockige Intermezzi aus und sind gerne auch mal übermütig und großäugig- naiv wie im kleinen Albumhöhepunkt „Shoes, Rocks And Boxes“. Wo sie sich einen Spaß daraus machen ihre Schuhe auf dem Kinderkarussel stehenzulassen, damit sich diese lustig weiterdrehen können. Marta Rosa liebt die präzise Improvisation und pflegt dabei eine zärtliche Lebensfreude. Das klingt mitunter wie klassische Joni-Mitchell-Schule, aber eben nur für Momente! Die junge Musikerin hat mit ihren drei Mitstreitern in Belgien in diesem Jahr erfolgreich an verschiedenen Nachwuchswettbewerben teilgenommen und ist unermüdlich in der Welt herumgstromert. Hat in Kathmandu Jazzvocals unterrichtet, in China zeitgenössischen Jazz studiert und in Brooklynn mit dem ekuadorianischen Gitarristen Luis Castro gearbeitet. Aber während all dieser Reisen ist sie die neugierige junge Frau geblieben, die sich mit weit offenen Augen durch die Welt bewegt und in Gent ihr künstlerisches Zuhause gefunden hat. Wer ausführlicher in ihre intelligenten und stillvergnügten Songs hineinhören will, kann dies bestens über die sehr empfehlenswerte flämische Site vi.be tun. Und den grauen November draußen vergessen!

 

(Foto Rachel Gruijters)