Ins Abendrot mit Zimmerman

Die belgischen Indierocksters Balthazar leben sich aus!  Nachdem sie das Projekt Balthazar nach erfolgreichen Jahren zeitweise in den Winterschlaf versetzt haben, ist viel Raum für kreative Eogotrips der einzelnen Bandmitglieder entstanden. Nach Sänger Maarten Devoldere alias Warhaus legt auch Bassist Simon Casier unter dem nom de plume Zimmerman Solo-Material vor. „The Afterglow“ zimmerman(das Abendrot) heißt das erste Album von Meister Zimmerman, das Ende November erscheinen wird. Casier stellt den Bass in die Ecke und erprobt sich als Sänger und Gitarrist. Gibt den feinfühligen  einsamen Wolf. Hält das unsentimentale Träumen hoch. Ist erwachsen, aber nicht desillusioniert. Vorsicht:  Liebe kann emotionale Schäden verursachen! Auf diese Idee könnte man glatt kommen, wenn man dem coolen und keinesfalls  fatalistischen Track „Hard To Pretend“ lauscht. Wo sich Casier alle Zeit der Welt nimmt, um sich  mit Synthieklängen gegen allen Herzschmerz dieser Welt zur Wehr zu setzen. Das sind grenzwertmelancholische Töne, zu denen die Seele auf luftigste Weise zu schmerzen beginnt. Und genau der richtige Soundtrack für schwüle Sommerabende, wenn die Stadt ferienleer ist und die Gedanken wunderbar von hier nach dort schweifen. Hach!

Aus einer grauen Stadt: Sperwer

Kortrijk ist eine hässliche Stadt. Denkt man, wenn man mit dem Zug in die nordflandrische Großgemeinde hereinfährt. Es ist nicht weit nach Ypern, wo eines der schlimmsten Gemetzel des ersten Weltkrieges stattfand. Wer zufällig in Ypern  vorbeikommen sollte, dem sei die sehr feine Dauer-Ausstellung In Flanders Fields empfohlen, die sich erfreulicherweise um eine ausgewogene Darstellung des grauenhaften Geschehens bemüht. Kortrijk selbsz hat 1917, 1940 und 1944 sehr gelitten. Zu dumm, dass Belgien strategisch ungünstig in Europas Mitte liegt und alle Nachbarn immerfort durchmarschieren müssen! Natürlich ist Kortrijk gar nicht so unansehnlich. Aber dass schwerelose Schwärmer wie SperwerSperwer aus dieser auf den ersten Blick sehr grauen Stadt kommen können, erstaunt dann doch etwas. Egal, die Smiths stammen ja auch aus Manchester! Beide Städte waren übrigens zu Zeiten der Industrialisierung große Textilmetropolen! Und auch stimmlich erinnert der Sperwer-Sänger Olivier Dumont an den ganz jungen Morrissey. Und seinen Hang zum gepflegten Leiden. Das Trio empfiehlt sich auch dadurch, dass es aus dem Umfeld der von mir sehr geschätzten Dreampopsters I Will I Swear kommt. Viel vorzuweisen haben die drei Youngsters noch nicht, aber die vier Tracks unfassende erste EP ist angenehm  traumverloren ausgefallen und überzeugt mit einer filigranen Mischung aus Shoegaze, Indie- und Depri-Pop und angenehm hallenden Gitarren. Besonders gefallen tut das melancholische, sehnsüchtige „Hier“, das trotz aller Gedankenschwere sehr leicht daherkommt. Aber auch das poppigere „Regen“ mit der stimmigen Percussion überzeugt und hat vielleicht die stärksten Smiths-Anklänge hier.Wer mag, kann dazu nachdenklich über die trügerisch grünen flandrischen Felder schauen, unter denen Hunderttausende liegen, die wegen ein paar Metern „Frontverschiebung“ gestorben sind.

Foto: Clara Hassens

Leicht verzweifelt bin ich sowieso: Cook Strummer

Eines muss man Max Donnet lassen: Sein Bühnenname Cook Strummer klingt sehr cool! Der blasse, blonde junge  Musiker war vier Jahre bei der Brüsseler Garagenpop-Band The Donnets aktiv, bevor er Anfang des Jahres nach Berlin gezogen ist. Wo er sein Soloprojekt Cook Strummer gestartet hat. Denn wo anders als in der deutschen Hauptstadt kann man einen reduzierten, lebensangst-affinen Depri-Pop so schön pflegen? Wo anders kann man die urbane Hoffnungslosigkeit in Waschsalons zur Kunstform erheben? cookCook Strummer nimmt hörbar Bezug auf die großen Schmerzensmänner der britischen New-Wave-Bewegung der frühen 80er, in der das Fallen, das Scheitern und die Ästhetik der leisen Verzweiflung die Fixpunkte sind. Joy Division, die frühen Smiths und die nachdenklicheren Clash. Der Musiker mit der Falsettstimme findet ein kleines Gegengift in Form tanzbarer Beats und triphoppiger Edel-Tranigkeit. Momentan arbeitet er an seinem Debütalbum, das sinnigerweise den Namen “The Fall” trägt. Und bewegt sich leichtfüßig durch Räume, in die kaum Tageslicht dringt. Mit einer Präzision, die all die Melancholie Lügen straft! Vom  sehr feinen Track “Fallen” gibt es eine reduzierte, halb akustische Version, die fast besser gefällt als die üppigere Studio-Variante. Max Donnet sieht so aus, als ob er ständig frieren würde. Aber in seinem Inneren, da brennt ein intensiv loderndes Feuerchen! Wer mehr hören möchte: Auf Bandcamp gibt es noch einige Songs zum Hereinhören!