FÄR bringen die Dunkelheit zum Glühen

Dort, wo kein Licht ist und die eigenen Gedanken an die Wände prallen, dort wird man FÄR finden. Sagt das Duo aus dem Örtchen Brakel  zu den eigenen, elegant verdüsterten Elektropop-Klängen. Ach, An-Sofie De Meyer und Tim De Gieter, ihr vergesst vielleicht etwas: Von eurer Schwärze geht eine pulsierende Wärme aus, die das Dunkel zum Glühen bringt! faerFÄR schwelgen in großen Mitternachts-Gefühlen, edel und dandyhaft. Das ist wohl Gothic Pop, was das Duo hier zelebriert. Passt doch zum herannahenden Totenmonat November. Die beiden flirten mitunter mit dem Bombast. Verlangsamen die Dinge auf elegante Weise, wenn sie sich auf die Suche nach den Sündern der Nacht machen. Die sollen sie durch unbekannte Gefilde leiten! FÄR lebt von der geheimnisvollen und lasziven Stimme von An-Sofie De Meyer, von der man sich gerne auf Abwege leiten lässt. Das Duo hat in diesen Tagen sein Debütalbum vorgelegt, das von Schwarz-Weiß-Ästhetik lebt. Und dreht die Synthies weit auf in fein überkandidelten Tracks wie“Shot“ weit auf, zu dem sie ein sehr ästhetisches Video gedreht haben. Fast besser gefällt der ruhigere, herzschmerzige Song „Hands“. Wer in die bereits erschienene EP hereinhören will, kann dies über Bandcamp tun. Und sich auf die sanfteste Weise in den Edgar-Allen-Poe´schen Maelström hinabziehen lassen!

 

(Foto: Gert-Jan De Baets)

Schwüler Nachmittag auf der Reeperbahn mit Warhaus

Soll man es fassen? Um fünf Uhr nachmittags, wenn das Nachtleben auf der Amüsiermeile in St. Pauli noch nicht mal ansatzweise gestartet ist, wartet eine mindestens zweihundert Meter lange Schlange geduldig darauf, Warhaus im Molotow zu sehen. Leicht verwirrt checkt man den Zeitplan. Spielt wirklich niemand anderes außer den von grünen Absinth-Wolken umnebelten belgischen Düsterpopsters um diese Uhrzeit? Tatsächlich nicht! Vielleicht wollen die Menschen in der Schlange heute noch die Antwort auf die Frage erhalten, was Liebe ohne Unordnung taugen soll. Denn das ist nur eines der Themen, das Warhaus alias Maarten Devoldere auf seinem Debütalbum „We Fucked A Flame Into Being“ streift. Devoldere, einer der beiden Frontmänner der belgischen Indiepopster Balthazar, zelebriert bei seinen ersten Schritten als Solokünstler einen Stil der Romantik Noir. Hat sich mit der Chanteuse Silvie Kreusch, ansonsten Sängerin bei den Dreampopstern Soldier´s Heart, eine veritable Femme Fatale mit an Bord geholt. In Hamburg treten Warhaus zu viert auf: Mit einem jungen Schlagzeuger und mit Jasper Maekelberg an der Gitarre, der als Mann hinter dem Projekt Faces On TV wohl auch zur erweiterten Familie gehört. Und das Album übrigens auch produziert hat. Das Quartett schafft es bei heller Nachmittagssonne und einem wunderbar satten, dunkelblauen Spätseptemberhimmel gleichwohl, eine Bar-Atmosphäre zu erzeugen. Durch dunkelschwarze Intensität und durch eine Hingabe an die dunkle Seite des Bänkel-Gesangs. Und durch feine jazzige Einsprengsel, vor allem dann, wenn der Meister zur Trompete greift. Man fühlt sich in das Berlin der 20er, an das Paris der 60er und das Brüssel von heute erinnert. Eine Mischung aus Melancholie, Großstadt-Verlorenheit, eigensinnigem Außenseitertum und stylisher Dekadenz. Die blasse, sehr silberblonde Silvie Kreusch stiehlt Devoldere an diesem Nachmittag fast die Show mit ihrer Lolita-Stimme und dem lasziven Tanzstil, der in jedem gehobenen Nachtclub gut ankommen würde. Die Frau ist von einer irritierenden, eckigen, katzenhaft unkonventionellen Schönheit. Und die Prise Verruchtheit passt bestens in die Reeperbahn-Umgebung! Mit der Liebe kommen wir der Verdammnis ziemlich nahe, wenn die Dinge schief laufen. Aber oh, wie aufregend!

Warhaus sind im Oktober übrigens auf kurzer Deutschland-Tour. Gut möglich, dass ich mich zum Frankfurter Konzert aufmache!

 

 

Liebe tötet: Candle.Bags

Die dunkle Dame, das ist sie unbedingt. Inge Henrotay, Sängerin der Avantgardisten Candle.Bags, hat eine glamourös gepeinigte Stimme und irrlichtert gekonnt zwischen experimenteller Weltschmerz-Lady und laszivem Nachtschattengewächs. Leicht zu goutierende Töne sind es nicht, die Inge und ihr Cousin Dirk Henrotay hier präsentieren. (Übrigens Cousins in der Musikgeschichte: Wo gibt es das noch?) Wenn der Titel der Debüt-EP „Love Kills“ heißt, dann ist kaum zu erwarten, dass es hier um harmlose, sanfte Liebelei geht. Das Duo aus dem südbelgischen Hasselt verbirgt sich gerne hinter dichten Bäumen und will sich auf dem Erstling partout nicht stilistisch festlegen. Garage, Grunge, Postpunk, Soul, Wave und Düsterpop sind hier Geschwister. Und dass Inge Henrotay nicht nur singt, sondern auch als Flötistin überzeugt, ist nur eine der Überraschungen, die hier geboten werden. Heftige Ausbrüche und fast schon kontemplatives Innehalten sind auf diesem Debüt keineswegs Widersprüche! Grenzwert-hysterisch auf Tracks wie „Albert“, rockige Femme-Fatale auf „Old Stone“ oder Shirley Mansons verloren gegangene belgische Schwester in „Secret Garden“: Inge Henrotay verkörpert das alles und noch viel mehr! Über die empfehlenswerte Website vi.be kann man ausführlich in diese mitunter verstörenden Sounds hineinhören. Ach, und die unbestreitbare Seelenverwandtschaft mit Nick Cave habe ich bislang noch unterschlagen! Im gekonnt verschleppten, nur beim ersten Hören sanften Track „B-ordeaux“ kann man übrigens auf subtile Weise das Gruseln lernen!