Im Schatten der Sterne: Hydrogen Sea. Belgium Booms At Eurosonic!

Wie bringt man laut schwatzendes Kaffeehaus-Publikum dazu, still zu sein und aufmerksam zu lauschen? Und kaum zu wagen, den Teelöffel in der Tasse umzudrehen, um den Zucker einzurühren? Ganz einfach: Durch anmutige, fast schon schüchterne weibliche Vocals. Von einer Sängerin, deren Gesicht nur aus großen braunen Augen zu bestehen scheint. Birsen Uçar, die Stimme von Hydrogen Sea aus Brüssel, braucht an diesem Nachmittag in der Coffee Company in der Groninger Innenstadt nicht viel, um in den Bann zu ziehen: Sie erzählt kleine Geschichten, die so sanft schweben wie Herbstlaub, das dekorativ zu Boden sinkt. Beim Eurosonic Festival in der nordniederländischen Metropole Groningen finden erfreulicherweise kleine Nachmittagskonzerte im Plattenladen und eben im Kaffeehaus statt, wo man in improvisiertem Rahmen lauschen kann, dicht an dicht gedrängt. Birsen Uçar gibt an diesem hellen Wintertag die fast noch adolszente Chansonnière, die sich auf Reisen ins elektronische Wunderland macht. Für die Dynamik bei diesem Duo ist das Synthie-Zauberer PJ Seaux zuständig, der als sympathisch-manisches Rumpelstilzchen den elektronischen Gerätschaften aktiv ist, aber auch an der Gitarre eine gute Figur abgibt. Von diesem Mann geht eine Energie aus, die fast schon greifbar pulsiert! So entsteht ein charmanter Gegensatz zwischen Hyperaktivität und Verlangsamung. Und wunderbarerweise funktioniert diese Mischung live hervorragend! Hydrogen Sea müssen mit ihrem traumverlorenen, geheimnisvollen und eleganten Elektropop nicht markig auftrumpen, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Und sind im Übrigen eine dieser belgischen Bands, die über eine unbestreitbare Seelenverwandtschaft mit verscheurbeltem isländischem Elfenpop verfügen! Beim Track “Voyager” jedenfalls dürfte das ganze Café andachtsvoll die Luft angehalten haben!

Belgium Booms at Iceland Airwaves 2015!

Dass aus Belgien aktuell aufregende, wilde und eigenwillige Töne kommen, hat sich mittlerweile sogar bis Reykjavík herumgesprochen. Denn bei der diesjährigen Ausgabe des fünftägigen, hochkarätig besetzten Musikspektakels Iceland Airwaves in der isländischen Haupstadt gab es nicht nur absinthgrüne Nordlichter am Abendhimmel zu bestaunen, sondern gleich zwei belgische Bands: BRNS und Great Mountain Fire. Airwaves-Chef Grímur Atlason hat gut gewählt: Denn BRNS und Great Mountain Fire sind in ihrer verspielten Schrulligkeit, unbedingten Leidenschaft, und aufregenden Unberechenbarkeit irgendwie….isländisch im Herzen! Dass sich zu beiden Bands bestens abtanzen lässt, das ist die Cocktailkirsche auf dem Sahnebecher. BRNS mit ihrem riesigen Arsenal an Spielzeug-Instrumenten, an Tröten und Hupen und Glockenspielen, kommen in Reyjkavík, wo der Do-It-Yourself-Ansatz in der Musik hochgehalten wird, bestens an. Dazu ein aus Leibeskräften singender Schlagzeuger, ein Rumpelstilzchen-Keyboarder und ein Gitarrist, der einen Saitenriss mit Bravour wegsteckt: Im kleinen Keller-Club der Bar 11, wo BRNS im Rahmen des  Off-Venue-Programms auftreten, steht das einheimische isländische Publikum Nase an Nase mit sämtlichen Exil-Belgiern und -franzosen der Atlantikinsel. Die unbändige Energie und Spielfreude der Belgier (“we are a band from Brussels”) überträgt sich in der knappen halben Stunde prontissimo aufs Publikum: “I never been to Mexico, ooh-ooh!” Davon hat man auch auf Island schon gehört. Sehr schweißtreibend, sehr intensiv, sehr lebensprall!

Für die ganz große Überraschung aber sorgen Great Mountain Fire im Konzertsaal Gamla Bío. Von BRNS mag man vielleicht schon gehört haben dort oben, die haben in der Blogosphäre reichlich Wind verursacht. Aber Great Mountain Fire sind in Reykjavík ein weißes Blatt Papier. Und dass diese fünf tropischen Waldschrate es schaffen, einen ganzen Saal subito zum Tanzen zu bringen, das ist eine Leistung! Die farbenfrohe, sympathisch-anarchische Truppe hört sich rotzfrech, superlebendig und sehr sinnlich an: Als seien die Talking Heads irgendwann Mitte der 80er auf Kuba verloren gegangen! Das nervöse, überkandidelte Großstadt-Feeling von “Remain In Light” geht hier in die Cha-Cha-Bar und trinkt Cocktails mit quietschbunten Papier-Sonnenschirmchen auf der Ananas. Der Keyboader mit seinem beeindruckenden Rauschebart sieht so aus wie ein Exil-Wikinger, der bei Geburt versehentlich nach Brüssel vertauscht wurde. Dem Mann, der mit der Grazie eines Grizzly-Bären tanzt, dem fliegen hier die Herzen entgegen. Nach 20 Minuten tanzt das Publikum freudestrahlend mit wiegenden Hüften und blitzenden Augen. Wir hätten gerne noch lange so weitergemacht mit diesen angenehm verrückten Fünf, die vor kurzem ihr Album “Sundogs” veröffentlicht haben. Der Albumtitel passt!

 

Schönes Geschrei ist das, Brns!

Diese Frage gilt es zu beantworten: Wie schlägt sich das belgische Experimentalpop-Quartett BRNS, in der eigenen Heimat eben für sein Debütalbum „Patine“ ausgezeichnet, in der deutschen Provinz, wo man sie kaum kennt? Zur Beantwortung muss man sich ins tiefste Südbaden nach Lörrach aufmachen, wo mit dem Between The Beats-Festival ein dreitägiges Schaulaufen hörenswerter neuer Klänge aus allen Ecken Europas zu stattfindet. Die Musikfreunde aus dem 70 Kilometer entfernten Freiburg werden sogar per Shuttlebus antransportiert! Die Fans aus Basel können über die Grenze spazieren und die aus dem Elsass rasch rüberradeln. Schöne Vielfalt im Dreiländereck! BRNS fällt am Freitag die scheinbar undankbare Aufgabe zu, den Abend um Punkt acht zu eröffenen. Die Vier aus Brüssel haben erfreulicherweise keine Scheu vor unbekanntem Publikum. Denn das kann man unbedingt fordern mit einer intensiven Mélange aus tribalem Lärm, vielstimmigem Gesang und dem ungenierten Verwenden von Melodicas aus dem Kinderzimmer-Fundus. Hoppla, hier gilt es zuzuhören, um die komplexen Strukturen hinter diesen mit wilder Spiellust vorgetragenen, hoch euphorisierenden Tracks angemessen goutieren zu können! Denn simpel ist das nicht, was die vier bescheiden auftretenden, hoch diszipliniert aufspielenden Belgier hier präsentieren. Es sind schlaue, verschachtelte Tracks, die sich vorschneller Verortung souverän entziehen und mit eleganter Widerborstigkeit punkten. Dass hier vor allem der großgewachsene, ungelenk wirkende Schlagzeuger singt, gibt sowieso Pluspunkte! An stilistischen Nachbarn fallen an diesem Abend vor allem die Dänen Treefight For Sunlight und The Kissaway Trail ein. Weil diese mit ähnlicher Leidenschaft aufspielen und Schönheit mit Unberechenbarkeit verbinden. BRNS machen wenige, aber launige Ansagen auf englisch, in die sich immer mal wieder ein „alors“ oder „voilà“ einschummelt. Was man in diesem deutschen Landesteil wegen der nahen französischen Grenze übrigens ohne Problem versteht. Knappe 45 Minuten: Ein schräges, intensives Feuerwerk aumüpfiger und überaus intelligenter postpoppiger Töne wird hier abgebrannt. Man denkt immer nur: Was fällt BRNS wohl als nächstes ein? Sicherlich Sounds, die man so nicht erwartet hätte! Und wenn alle vier Bandmitglieder aus Leibeskräften singen, als ginge es um das liebe Leben, dann weiß man, dass man von diesen Vieren noch einiges erwarten kann. BRNS sind übrigens gerade auf dem Weg nach Austin zum renommierten South By Southwest-Festival, wohin sie als eine der wenigen, handverlesenen Bands aus Belgien eingeladen wurden. Das wunderbare Video zu „Many Chances“ ist jedenfalls schon mal eine gute Empfehlung!

Schwarze elektronische Romantik mit Vuurwerk

Dass eine außerhalb der Landesgrenzen noch weitgehend unbekannte belgische Band auf das renommierte South By Southwest-Festival im texanischen Austin eingeladen wird, kommt auch nicht alle Tage vor. Vuurwerk aus Brüssel haben dieses Kunststück vielleicht gerade mit ihrer Mischung aus elektronischen Clubsounds, experimentellen Einsprengseln und einer avantgadistischen Attitüde geschafft. Und vielleicht auch, weil sie Teil des aufregend kreativen Kollektivs Runtellsecrecy aus der belgischen Hauptstadt sind, wo sich Schlaumenschen zur künstlerischen Revolte zusammenrotten. Das Trio arbeitet an seinem Debütalbum und ist eben vom britischen Label Lo Recordings unter Vertrag genommen worden, das sich auf die Fahnen schreiben darf, das europäische Publikum mit der kanadischen Künstlerin Grimes bekannt gemacht zu  haben. Dass die drei Produzenten bei ihren Bühnenshows in Richtung Gesamtkunstwerk streben und mit audiovisuellen Installationen arbeiten, ist nur folgerichtig.

Dass Vuurwerk Feinde glatter Töne sind und bevorzugt dorthin streben, wo Bruchkanten zwischen den Stilen klaffen, nimmt unbedingt für sie ein. Nachtmenschen sind sie, die sich irgendwo zwischen Ambient, Industrial, Dubstep und Techno bewegen. Aber als zusätzliche Komponente spielt hier auch noch eine Vorliebe für morbide Sujets eine Rolle. Vuurwerk sind zwar auch die eleganten Dandies, welche die Straßen in Stunden nach Mitternacht unsicher machen. Aber in den dunklen Stunden vor Tagesanbruch trifft man auch die Schattenexistenzen, die bei Tageslicht unsichtbar bleiben. Das Unheimliche hält in diese Songs unmerklich Einzug. Schwarze Romantik hat im Schaffen von Vuurwerk rein gar nichts mit angekitschter Teen Angst zu tun. Im bisherigen Schaffen der Band gefällt der fein nachdenkliche und angemehm komplizierte Track „Slowburner“ besonders gut!

Ein feines Händchen haben Vuurwerk übrigens für ihre Gastsänger. Im subtil beunruhigenden Track „Wakening“ ist ein Herr namens Climb X zu hören. Hinter den exaltierten und empfindsamen Vocals steckt kein anderer als Max Colombie, der mit seiner Band Oscar And The Wolf ohnehin als einer der viel versprechendsten Newcomer gilt. Der Track ist auf subtile Weise beunruhigend, latent geheimnisvoll und auf schlaue Weise tanzbar. Das dazugehörige, mit intellektuellen Anspielungen gespickte Video spielt zu großen Teilen in einem unterirdischen Wasserspeicher, wo das schwarze Nass den Protagonisten bis zu den Knien reicht. Wasser, das Symbol des Unbewussten, wir verstehen schon! Lullende Wohlfühtöne wohnen anderswo. Vuurwerk und Max Colombie ziehen uns hier mit sanfter Nachdrücklichkeit in Welten, wo die Gewissheiten schwinden und die Schatten in jeder Ecke lauern.

Belgium Booms at Eurosonic!

Mit Festivals ist das immer so eine Sache: Man kommt zurück und schnappt erstmal nach Luft. Kopf und Ohren sind gehörig durchgewirbelt! Das Eurosonic Festival in niederländischen Groningen ist Anfang des Jahres immer die Veranstaltung, auf der man sich einen guten Überblick über die Newcomer verschaffen kann. Und sich mit denen freuen kann, die im vergangenen Jahr den Durchbruch geschafft haben! Unter den diesjährigen Gewinnern des European Border Breaker Awards ist 2015 auch eine belgische Musikerin: Die wunderbare Mélanie de Biasio, die es bei ihrem Konzert fertigbringt, das notorisch feierfreudige Publikum in Groningen in aufmerksam lauschende Zuhörer zu verwandeln. Die Sängerin und Flötistin zelebiert mit ihrer ebenso minimalistischen wie intensiven Mélange aus Jazz, Soul und Blues die Entdeckung der eleganten Verlangsamung. Hier sitzt jeder Ton! Und was für eine Freude es ist, die bestens aufgelegte Band beim Improvisieren zu beobachten!

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Gar nicht so weit entfernt bewegen sich Little Dots aus Gent, die einen reduzierten Akustik-Pop an der grünen Grenze zum klassischen Chanson pflegen. Kammerpop trifft es nicht, was das Trio um Sängerin Sophia Ammann hier darbietet – es ist eher Lounge-Pop mit entschieden bescheidener Note. Man erzählt kleine blaue Geschichten voller sanfter Nachdenklichkeit. Bloß nicht zu dick auftragen! Beim improvisierten Gig in einem Café in der Groninger Innenstadt zeigen sich Little Dots angenehm schüchtern und bringen es dennoch fertig, dass keiner zu laut in seinem Capuccino rührt. Die Band selbst nennt Feist, die Beatles und Portishead als maßgebliche Einflüsse – aber fügt eine sehr heimelige, verspielte Atmosphäre hinzu. Das sind animierte Töne für Dämmerstunden, wenn die Augen langsam müde werden!

Manchmal mag man Bands, auch wenn man sie noch nie live gesehen hat. Aber dann stehen sie auf der Bühne und überwältigen einem mit leidenschaftlicher Merkwürdigkeit. Robbing Millions sind eine dieser Bands, bei denen man erst mal nach Vokabeln suchen muss, um diese eigentümlichen Töne zu beschreiben: Psychedelisch, weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt,  unberechenbar! Auf der Bühne jedenfalls bersten diese Brüsseler Jungspunde mit den grauseligsten Frisuren des Abends jedenfalls vor Energie und geben die Rumpelstilzchen, die jede gesittete Party mit rotzfrecher Spielfreude aufmischen. Die Band um Sänger Lucien Fraipont strahlt dabei eine ungeheuere Lebensfreude aus, die einem sehr zu Kopfe steigen kann. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern? Völlig falsche Pädagogik! Man würde sich gleichermaßen wundern wie freuen, wenn diese anarchischen, superlebendigen Newcomer im kommenden Jahr unter den prämierten „interessantesten europäischen Bands“ wären!

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Von angemehmer Selbstironie sind übrigens auch die Kumpels von Mountain Bike. Denn sich in Unterhosen, knallbunten Baseball-Hemden und der aparten Kombination Tennissocken und Turnschuhen auf die Bühne zu stellen, das zeugt doch von einem eigentümlichen Humorverständnis. Die Vier aus Brüssel spielen einen schlunzigen, respektlosen Garagenrock, der noch an die Mär glaubt, dass man mit Esso einen Tiger im Tank hat. Und kombinieren diese Slacker-Attitüde mit wunderbar poppigen Harmoniegesängen, die so süß daherkommen können wie Marzipan auf der Hochzeitstorte. Der Sänger mit dem schönen Namen Kinkle sieht aus wie der belgische Enkel von Gordon Gano und hat ein Dauergrinsen auf dem Gesicht, das so echt ist, dass man einfach mitlächeln muss. Die Grenzen des guten Geschmacks sind diesen Vieren reichlich egal. Beschreiben sie den eigenen Stil doch als „dreckigen Pop für psychotische Kinder“. Das  Paradies ist für diese vier Szene-Veteranen jedenfalls ein höchst grauseliger Platz, an dem man die letzten Illusionen verliert. Lieber schön im Hier und Jetzt den Langweilern den Stinkefinger zeigen! Den größeren Spaß hat man ohnehin! Der Saal in Groningen jedenfalls tanzt begeistert mit!

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Mélanie De Biasio spielt das, was nicht hier ist

Es ist wohl der passendste Auftrittsort für Mélanie De Biasio auf der Hamburger Vergnügungsmeile: Die St. Pauli Kirche. Eine ruhige, grüne Oase ein klein wenig abseits des lärmenden Nachtlebens. Die in existentialistisches Schwarz gekleidete Künstlerin aus der grauen Industriestadt Charleroi mit aktuellem Wohnsitz in Brüssel reduziert die Dinge aufs Wesentliche. Die klassisch ausgebildete Flötistin und Sängerin ist nur beim ersten Hören als klassische Club-Jazzerin einzuordnen. Auf der Bühne begnügt sie sich mit der knappsten Besetzung. Hier geht es um die Essenz von Gefühlen. Und nicht um starre musikalische Definitionen. Denn die Frau mit dem hinreißend unmodernen Bubi-Haarschnitt überschreitet ganz sachte die grüne Grenze in Richtung novembergraues Chanson und singer-songwriterhafte Gefühlswelten. Von bluesig-traurigen Zuständen ganz zu schweigen. Hier ist keine Note zu viel. Und keine zu wenig. Sie selbst bezeichnet ihre Musik als „evolutionären Pop“. Ich komme zum Konzert leider ein wenig zu spät. Später erzählen mir Bekannte, dass einer der Mitmusiker die Bühne verlassen hat, weil ein Thresen-Kretin in der provisorisch aufgebauten Bar im Vestibül der Kirche lautstark Cocktails mixte. Geht auch gar nicht!

Von irgendwelchen Dissonanzen ist nun nichts mehr zu spüren. Mélanie De Biasio, die kürzlich ihr zweites Album „No Deal“ herausgebracht hat, scheint in konzentrierter Hingabe versunken zu sein. Hält ihr Tempo souverän ein. Bloß nicht zu schnell. Oder zu langsam! Die Töne in der Kirche verschwimmen zu einem leuchtenden Schwarz-Weiß. Eine halbe Stunde nur mit dieser hypnotisch in Bann ziehenden dunklen Stimme, die immer wieder neue Färbungen entwickelt. Viel zu wenig! Und am Ende will das Publikum die ernsthafte junge Belgierin nicht ohne Zugabe ziehen lassen. Und beim späteren Nachschmökern auf ihrer Homepage findet sich ein schönes Miles-Davis-Zitat. „Spiel nicht was hier ist. Spiel das, was nicht hier ist.“ Was die Dinge wunderbar auf den Punkt bringt.

Float Fall: Irgendwann wirst du wieder lächeln

Es wird zwar eine Weile dauern, aber irgendwann wirst du auch wieder lächeln. Wenn du dich endich emotional davon erholt hast, dass wir uns getrennt haben. Eigentlich geht es im Song „Someday“ um schmerzhafte Gefühle. Aber weil Float Fall aus Leuven diese Erfahrungen auf solch bittersüße Weise beschreiben, entsteht dadurch doch eine kleine Liebesgeschichte in Moll. Rozanne Descheemaeker und Ruben Lefever bescheren der Melancholie hier eine sanfte Luftigkeit, so dass erdenschwere Depressionen erst gar nicht aufkommen wollen. Dem Duo aus der flandrischen Universitätsstadt sind alle hektischen Töne fremd, ähnlich übrigens wie ihren wunderbaren Landsleuten Amatorski. Die Entdeckung der kunstvollen Verlangsamung: Hier wird sie zelebriert, unter tätiger Mithilfe sparsam eingesetzter Electronics und gefühlvoller Synthies. Die Hauptrolle spielen die beiden Stimmen, die sich samtpfötig umgarnen wie verliebtes Katzenvolk.

Auch mit der Veröffentlichung eines Albums lassen sich die Belgier Zeit, denn außer „Someday“ liegt noch kein weiterer Track vor. Dafür hat man aber im Frühjahr bereits beim SXSW in Austin gespielt. Und, Trommelwirbel, morgen auch beim Reeperbahn Festival in Hamburg. Unglücklicherweise ausgerechnet fast zeitgleich mit den famosen Landsleuten Douglas Firs! Da fällt die Entscheidung schwer, wo ich hingehen soll…

Golden Leaves Festival mit Girls In Hawaii und Intergalactic Lovers

Am Ende des Abends gibt es eine dicke Umarmung von mir für Dominik Schmidt von den Bedroomdiscos: „Danke, dass ihr Girls In Hawaii nach Pfungstadt gebracht habt!“ Denn am zweiten Abend des Golden Leaves Festivals  sind die Sechs aus Brüssel die letzte Band, die bei diesem Festival im zwangsstillgelegten Schwimmbad auf der Bühne steht. Und nach all den ruhigen Singer-Songwriter-Tönen und den verträumten Electronica wird es nun endlich laut, leidenschaftlich und rockig. Wer diese Band wie ich vor einem Jahr bei einem ihrer ersten Auftritte nach der langen Trauerphase erlebt hat, die auf den Unfalltod ihres Drummers Denis Wielemans folgten, der reibt sich erstaunt die Augen: Abgelegt sind Schüchternheit und Zurückgenommenheit, vorbei sind die scheuen Blicke ins Publikum. Hier steht eine selbstbewusste, kraftvolle Band, die weiß, was sie will und kann. Und das bedeutet: auch wenn man vor mehr als zehn Jahren als empfindsame Indiepopster gestartet ist, heißt das noch lange nicht, dass man seine Wurzeln verleugnet, wenn man plötzlich die Lust an der Heftigkeit entdeckt. Wie Sänger Antoine Wielemans, der zu Frühzeiten der Band noch ungelenk auf der Bühne herumstand und nun den Alpinisten in sich entdeckt und halsbrecherische Klettertouren ober- und unterhalb der Bühne unternimmt. Und warum nicht? Wer einen Eindruck vom Wandlungsprozess der Girls erleben möchte, kann sich die schöne Live-Aufnahme vom diesjährigen Paléo-Festival auf Arte anschauen. Und dass die Band aus Brüssel das grenzwertmelancholische Tagträumen nicht verlernt hat, beweist sie mit ihren neuen Track „Connction“, der in zwei Wochen offiziell herauskommt. Das provisorische Video ist vor einem Dreivierteljahr beim Aufenthalt von Girls beim Iceland Airwaves Festival gedreht worden, das Gig im Konzerthaus Idno übrigens einer meiner absoluten Höhepunkte der Tage in Reykjavík!

Aber Girls sind nicht die einzige belgische Band, die in der südhessischen Provinz auftritt. Interglactic Lovers, die Band um Sängerin Lara Chedraou, überzeugen schon am Vortag mit wehleidigkeitsfreiem Befindlichkeitspop. In den Alltagsdinge mit einem ironischen Lächeln verzaubert werden und eine wunderbare Luftigkeit erreichen. Dabei ihre Rauhheit nicht verlieren. Diese Band aus Aalst (wo ist das denn?), sympathisch und lachbereit, ist ebenfalls auf angenehme Weise nachdenklich. Und sorgsam mit sich und ihren Instrumenten, jawohl! Wie sie sich an diesem Abend beim letzten Song nach und nach von der Bühne verabschieden, bis zuletzt nur noch der Mann am Bass übrig ist, großartig! Intergalactic Lovers sind im Herbst übrigens auf Mini-Tour in Deutschland, unter anderem auch beim Reeperbahn Festival.

Oh Mary, seufzt Ostyn

Heute beginnt in der Nähe von Hasselt das Pukkelpop-Festival und damit einer der Höhepunkte im belgischen Festivalkalender. Und dort tritt auch ein Herr auf, der sich mit seiner Band Absynthe Minded auch außerhalb des kleinen Heimatlandes mit einer rauhen, direkten Mélange aus Rock, Vaudeville, und schnoddrig Angefolktem viele Meriten erworben hat. Bert Ostyn, Sänger und Gitarrist der Haudegen aus Gent, legt mit dem Hauptprojekt nach elf Jahren eine wohlverdiente Ruhepause in und wandel aktuell  auf Solopfaden. Und zeigt, wenn wundert´s, eine völlig neue Seite. Schnuppert souverän in Richtung schwärmerisch-nachdenklichen Synthpop. Und erkundet die düstere Seite des Liebeslebens, unter Mithilfe treibender, süchtig machender Beats. Tracks wie das heftig aufblühende, düsterballadige „Mary“ suhlen sich in kühlem Herzsschmerz, der erst spät in Leidenschaft umschlägt.  Üben sich in Nachdenklichkeit und Seelenerkundung. Sind trotzig traurig. Es sind Songs für die sehr späten Nachtstunden, wenn die üblichen Ausreden nicht mehr ziehen. Das Solo-Debüt von Ostyn ist für Anfang kommenden Jahres angekündigt und lässt jetzt schon aufhorchen.