Himmlischer Harfenpop mit Unmade Beds

Unmade Beds aus Antwerpen schimmern in einer ungewöhnlichen Nische: Dem Harfenpop! Die junge Band um Sängerin und Songschreiberin Silke Janssens, Harfenistin Laura De Jongh und Violinistin Hester Bolle stammt aus dem Umfeld des elektronischen Wolkenkuckucksheim-Bewohners Oaktree und bewegt sich bei ihren erstn Schritten mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen Nu Classic, Dreampop und Gute-Nacht-Geschichten-Schönheit. Obwohl Unmade Beds erst im Sommer als Bandprojekt zusammengekommen sind, haben sie es bereits in den wichtigen flämischen Newcomer-Wettbewert De Nieuwe Lichting geschafft. Ein sehr umfangreiches Werk haben die drei Damen und zwei Herren aus der Hafenstadt naturgemäß noch nicht vorzuweisen, aber der Track „Making Waves“ macht mächtig Lust auf mehr: Mit seiner gelassenen Verträumtheit, mit seinen grazilen Harmonien und den die Seele zart streichelnden Vocals. Zwischen Tag und Traum zur Ruhe kommen: Mit den fein dahingetupften Tönen von Unmade Beds geht das bestens. Die Augen schließen sich dabei von ganz alleine. Und wir treiben davon, in weite, ruhige und wolkenumflorte Landschaften.

(Foto: Guillaume Decock)

Die Farbe Mitternachtsblau mit Eszra

Lichte Dämmerwelten mit Eszra

Lichte Dämmerwelten mit Eszra

Schön nachdenklich und wunderbar verträumt: Eszra aus Gent malen sich die Welt in mitternachtsblauen Farben. Das Trio um die langbezopfte Sängerin und Pianistin Joke Derre wandelt auf den Spuren von Fiona Apple, Joni Mitchell und Tori Amos. Mit einem kleinen Fokus auf Neoklassik. Einen gewissen Hang zur Melodramatik kann man der jungen Band nicht absprechen, wenn sie mit angenehm reduzierten Songs wie dem streicherumschwärmten „Erase your Spell“ in Richtung eines blassen Sternenhimmels entschwindet. Die kleine Ballade zur Kunstform erheben und auf luftige Weise folkige Töne einschmuggeln: Keine einfache Aufgabe, das! Am meisten bei sich scheint die Newcomerin dann, wenn sie selbstvergessen am Klavier sitzt und über die flüchtigen Dinge des Lebens nachdenkt. Und die Akkorde fein vor sich hintupft. Die junge Band steht noch völlig am Anfang: Ein großes Oeuvre hat sie noch nicht vorzuweisen. In Belgien haben sie es aber immerhin kürzlich in das Finale eines renommierten Nachwuchswettbewerbs geschafft, zu dessen früheren Gewinnern heutige Szenegrößen wie Balthazar gehören.  Ausführlich hereinhören in die Eszra-Welt kann man über die feine Informationswebsite vi.be, die ohnehin immer für feine Entdeckungen gut ist. Eszra stehen noch so am Anfang, dass die üblichen verdächtigen Kanäle noch leer sind. Aber ein kleines Live-Video gibt einen guten Eindruck!

Ivy Falls: Fien Deman springt ins Unbekannte

Die Stimme von Fien Deman ist unverwechselbar. Wer sie als Sängerin der Genter Dreampopster I Will, I Swear erlebt hat, wird sie so schnell nicht vergessen. In Erinnerung geblieben ist der erste Deutschland-Auftritt des schüchternen Quartetts beim Golden Leaves Festival in Darmstadt, als mit der zarten Traumverlorenheit dieser Songs mitten am Nachmittag bereits eine zartblaue Dämmerung hereinbrach. Von I Will, I Swear hat man seit geraumer Zeit keine neuen Töne mehr gehört. Vielleicht das auch ein Grund, warum die Sängerin jetzt in neue Gefilde aufbricht?

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Fien Deman will über den gehobenen Flüsterpop hinausgehen und hat ihr Soloprojekt gegründet, bei dem es mehr in Richtung reduzierten Elektronikpop geht, zu dem man verlangsamt tanzen kann. Ivy Falls heißt diese musikalische Neuorientierung. Es ist sind verschattete Pastellsounds, die Fien Deman hier pflegt. Sehr elegante, zart angejazzte, leicht chansoneske Töne, denen man in den Stunden zwischen Tag und Traum bestens lauschen kann. Geheimnisvoll und erwachsen kommt die Stimme der Sängerin heute daher. Nur noch ein Hauch Schüchternheit ist geblieben. Fien Deman strebt dazu eher auf den mitternächtlichen Dancefloor als ins stille Kämmerlein für Solo-Träumer. Eine Konstante gibt es aber: Die zarte, schwebende Melancholie ist geblieben, wie auf dem einzig bislang vorliegenden Track „Silver“ deutlich zu hören ist. Musikalische Unterstützung hat sich die Chanteuse bei Mitgliedern von  Sleepers´Reign und Tsar B geholt. Die Debüt-EP von Ivy Falls soll in naher Zukunft herauskommen und den schönen Titel „Mean Girls“ tragen. Klingt so gar nicht mädchenhaft!

(Foto: ©Alexander Popelier)

Elfenhafter Kammerpop mit Annelies Monseré

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Filigrane Nachdenklichkeit mit Annelies Monseré.

In den hektischen Tagen vor dem Weihnachtsfest zur Ruhe kommen: Mit den kargen, reduzierten Tönen von Annelies Monseré geht das bestens! Die nachdenkliche junge Frau aus Gent ist keine Freundin von lautem, marktschreierischen Getue. Lieber versinkt sie im filigranen, folkaffinen Kammerpop, wo Piano und tastende Stimne eine sanft mysteriöse Stimmung erschaffen. Erst kürzlich hat Annelies ihr bereits drittes Album „Debris“ vorgelegt, dem man zur Gänze auf Bandcamp lauschen kann. Das sind filigrane Sounds für alle graublauen Dämmerstunden dieser Welt! Alle Erdenschwere fällt hier ab und wir finden uns in elfenhaften Welten wieder! Tracks wie das verlangsamte „Strangers“ wirken mit ihren Melodica-Klängen sogar leicht sakral und könnten Heiligabend gegen Mitternacht in der Kapelle am Waldrand gespielt werden, ohne dass dies aus dem Rahmen fiele! Annelies selbst beschreibt ihre grenzwert-isländischen Töne übrigens mit den Vokabeln „Folk Doomyballads Drones“, aber um hier das dräuende Unheil zu sehen, bedarf es einer lebhaften Phantasie. Eher sind es geheimnisvolle, meditative Klänge, die ihr Geheimnis so schnell nicht lüften wollen!

Bestens zu Heiligabend passt übrigens der choralaffine Track „All Things Are Quiet“ vom Vorgängeralbum „Nest“, zu dessen naiver Feierlichkeit sich die Dinge ganz wunderbar entschleunigen! Alles ist ruhig hier!

 

Vorübergehend farbenblind: Eyemèr

Wenn Sarah Devreese alias Eyemèr davon singt, dass sie den Glauben verliert und sich missverstanden fühlt, dann klingt das keineswegs larmoyant, sondern fragil und poetisch. Von Selbstmitleid keine Spur! Man spürt sofort: Die a0375622955_16junge Frau aus Gent ist auf der Suche nach den Zwischentönen. Die Dinge verlangsamen sich in diesen kleinen Songs im Lo-Fi-Modus. Durch diese scheinbar sanften Sounds wallen Nebel und wabern ferne Nachtmahre. Subtil beunruhigende Songs wie“Butterfly“ blicken vorsichtig Richtung Schauerballade. Unbedingt ist hier eine Prise Weird Pop involviert. Denn eine harmlose Klampferin ist Eyemèr mt Sicherheit nicht. Ein Strange Girl schon eher! Dem Debütalbum „Temporarily Colourblind“, das Mitte März beim Label Zeal Records März erschienen ist, kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und sich dabei in zarte, graue Gegenwelten entführen lassen. Zur Veröffentlichung hat Eyemèr, die auf dem Erstling mit ungewöhnlichen Arrangements überrascht, ein Video zum Track „Promise“ vorgelegt, das auf eigenwillige Art verschwurbelt daherkommt. Die Dinge verschwimmen hier jedenfalls fast unmerklich. Den Reim auf die Dinge muss man sich hier schon selbst machen. Denn dieses Kunstmärchen ist jedenfalls nicht auf den ersten Blick zugänglich! Die Dinge in der Schwebe halten, das ist eine Kunst. Eyemèr beherrscht sie.

 

Winterslag schreiben den Soundtrack für kürzere Tage

Die Dunkelheit bricht immer früher herein. Tiefdunkelblaue, fast schon ins Schwarze tendierende Himmel um viertel vor sieben. Der Winter kommt. Die Zeit bis zum ersten Schneefall können wir uns mit den kleinen, wunderbar verlangsamten Songs von Winterslag aus Gent bestens füllen. Das sind definitiv Töne für ruhige, blaue Stunden. Töne für selbstvergessene Tagträumereien und für seliges Nichtstun. Die Fünf aus der flämischen Metropole bewegn sich sorgsam auf einem Territorium, das die weiten Weiden zwischen Folktronica und Flüsterpop umfasst. Gehaucht, nicht gesungen: So gehört sich das in diesem Genre! In dem eigenwilligen Video zum feinen Track “Cause For Concern” geht es nicht nur um die Melancholie der kürzeren Tage und um die Unbehaustheit in seelenlosen Stadtlandschaften. Sondern auch um merkwürdige kleine Lichter, um Einsamkeit und um fliegende Koffer! Allein die skurrile Gestaltung des Vidos nimmt doch sehr für Winterslag ein! Zu diesem Song wird einem wunderbar mürbe ums Herz. So könnte er sich anhören, der Kummer in Flandern! Und weil der Herbst auch Lesezeit ist, kann ich den gleichnamigen Roman von Hugo Claus nur jedem ans Herz legen, der Sinn für die Absurditäten des Kleinstadtlebens in Zeiten der deutschen Besatzung hat. Ansonsten: Soweit ich des Flämischen mächtig bin (also: per Raten und Hoffen) verstehe ich die Sache so, dass Winterslag gerade an ihrem Debütalbum arbeiten. Das möchte ich gerne hören!

Vögel beobachten mit Imaginary Family

Ein kleines Liedchen, das man vor sich hinsummen könnte, wenn der Weg nach Hause in der Dämmerung durch ein Waldstück führt. Ein harmloser Vorgang, eigentlich. Joanna Isselé, eine Sängerin aus den französischen Alpen, die es seit längerer Zeit in die wirklich coole flämische Universitätsstadt Gent verschlagen hat, benötigt nur ihre Gitarre und ihre scheinbar naive Mädchenstimme, um reduzierte Geschichten zu erzählen. Die sich erst auf den dritten Blick als hintergründig erweisen. Sie tritt unter dem Künstlernamen Imaginary Family an und könnte eine dieser derzeit wie Löwenzahn wuchernden Folkpop-Klampfenliesen sein, wenn sie nicht diese Geneigtheit für leise beunruhigende Töne hätte. Vielleicht mag es daran liegen, dass sie als Linkshänderin die Gitarre seitenverkehrt spielt! Aus dem unverfänglichen Vorgang der Vogelbeobachtung entstehen plötzlich Geschehnisse, die man so gar nicht mehr unter Kontrolle hat. Und plötzlich wankt der Boden unter den Füßen, und nichts bleibt mehr, wie es war! Vom Video zum Song bin ich auch deswegen begeistert, weil es Geduld lehrt – eine Tugend, die heutzutage auszusterben droht. Wer hier nicht mindestens bis Minute Drei durchhält, verpasst etwas!

Die Welt vergessen mit Hydrogen Sea

Die schnöde Welt mit ihren Zwängen außen vor lassen und lieber an eisigen Winternächten in den kalt glitzernden Sternenhimmel schauen. Oder an warmen Sommerabend gen flirrende Milchstraße blicken. So könnte der kreative Schaffensprozess von Hydrogen Sea aus Brüssel beginnen. Die Stimme von Sängerin Birsen Uçar schwebt wie ein blasser, abnehmender Mond über feinen elektronischen Soundlandsschaften, die der Multiinstrumentalist PJ Seaux entwirft. Weniger ist hier unbedingt mehr. Hydrogen Sea lieben die Welt der Zwischentöne und der feinen Andeutungen. Bewegen sich irgendwo zwischen Dreampop, sensiblen Electronica und Flüsterpop. Als Brüder und Schwestern im Geiste lächeln The XX, Beach House oder Massive Attack über diesen zerbrechlichen, nächtlich verlangsamten Tönen. Und das man jüngst den Song „Wandering Star“ von Portishead coverte, passt genau ins Bild. Man könnte das belgische Duo mit seinem Faible für leicht verschwurbelte Elfentöne übrigens auch im nebelverhangenen Island verorten, denn Sóley oder Emiliana Torrini würden als gute Feen an der Wiege dieser jungen Band ein stimmiges Bild abgeben.

Die krausen Gedanken schweifen lassen kann so sinnlich und geheimnisvoll klingen! In der Großstadt Brüssel fühlen sich Hydrogen Sea am rechten Ort – da keiner diese quirlige, widersprüchliche und trotzdem offene Stadt richtig versteht (sie selbst eingeschlossen), entsteht eine besondere Atmopshäre eigentümlicher Schönheit, welche die eigene Kreativität befeuert. Flüchtig bleiben wie das Wasser – für Hydrogen Sea ein anstrebenswerter Zustand. Das Duo hat bislang die sehr feine EP “Court the Dark” vorgelegt und werkelt eifrig an neuem Material. Ich poste hier ausnahmsweise gleich zwei Songs, da sie gleichermaßen gut gefallen: Das scheinbar naive, märchenhafte, mädchenhafte „Leave A Mark“ mit seinen dunklen Untertönen und das melancholisch-weltvergessene und sehr winterliche „End Up“.

 

Schwebende Nachdenklichkeit mit Leonore

„Eine herzzreißende Stimme, die von der Dunkelheit ins Licht führt“: Manche Bands beherrschen tatsächlich die Kunst, ihren eigenen Sound in angemessenen Worten zu beschreiben. Leonore, die Band aus Brüssel um die Sängerin Chloë Nols, beschwört karg leuchtende Soundlandschaften herauf, in denen die Dinge aufs Wesentliche reduziert werden.leonor Der Gedanke an kalte, klare Schneelandschaften liegt nahe. Und so verwundert es nicht wirklich, dass Chloë zu verschiedenen Aufnahmesessions ins winterliche Stockholm gereist ist, um mit Christian Edgren zu arbeiten, dem Produzenten von Stina Nordenstam.

Es ist keine naive Mädchenmusik, die hier mit feiner Melancholie zelebriert wird. Es sind erwachsene Songs voller schwebender Nachdenklichkeit. Von dumpfer Erdenschwere keine Spur! Seelenschau wird zwar betrieben und zurückgeblickt sowiese: Auf die Lieben, die nicht sein sollten, etwa. Chloë, die sich als Fan der Isländerin Sóley bekennt, fühlt sich hörbar wohl in flüchtigen Zuständen, die sie mit poetischer Sensibilität beschreibt. Das tun andere Chanteusen natürlich auch! Aber es die nuancierte Stimme, die hier den Unterschied macht. Weniger ist für Leonore 0ffenkundig mehr. Ganz besonders gefallen tut der balladige Track „For You“, der natürlich wieder von verlorener Liebesmüh handelt, aber dabei angenehm lakonisch ist. Liebeskummer muss nicht wehleidig sein, sondern kann sogar kluge, schwärmerische Gedanken befördern. Gut so! Debütalbum soll wohl in Bälde erscheinen: noch besser!

(Foto: Jonathan Wannyn)

I Will, I Swear: Schlafen tun wir heute nicht

Diese schwebende Traumverlorenheit, diese taubengraue Zärtlichkeit scheint inzwischen fast zum Markenzeichen belgischer Popbands aus der Industriemetropole und Studentenhochburg Gent zu sein. Neben den wundervollen Amatorski gibt es auch das Duo I Will I Swear zu entdecken, die den Flüsterpop auf hohem Niveau pflegen. Im Mittelpunkt steht die zarte, ausdrucksstarke Stimme von Sängerin Fien Deman, wunderbar einfühlsam unterstützt von Jonathan Van Landeghem. Es sind nachtblaue Töne, die sich um zerbrochene Dinge schmiegen und sie allein mit Wärme und Emotionalität heilen wollen. Wobei gebrochene Herzen ausdrücklich zu den beschädigten Dingen gehören. Es sind minimale, verlangsamte Tracks, welche die Nachdenklichkeit zur Kunstform erheben. man erlaubt es sich im wunderbaren Track „Sleep“ kurzzeitig sogar, in heftige Emotionen auszubrechen. Was dann ungeheuer ans Herz geht. Das Duo selbst bezeichnet den eigenen Musikstil als „delicate tunes drenched in gloom with vocals that will leave anyone silent“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die erste EP von I Will I Swear soll noch in diesem Jahr herauskommen.