Bisschen viel Melodrama mit Valkø

Die Frau in Weiß: Valkø

Die Frau in Weiß: Valkø

Cinematographischer Pop: So beschreibt die Brüsseler Chanteuse Valkø den eigenen Stil. Junge Frau mit den Blumen in den Haaren, das ist aber reichlich vage! Denn diese Töne sind doch eine wilde Mischung aus Melodrama, Opernpop, Musical, Elfenzauber, Eurovision-Glam und einer guten Prise Franco- und Italopop. Ganz zu schweigen von den Schauerroman-Einflüssen! Wenn dazu keine Windmaschine wilde Luftmassen durch die wallenden Gewänder bläst, dann läuft hier etwas falsch. Uff!

Geiger schwelgen, Gefühle sind gigalinergroß und eine kieksende Grenzwerthysterie ist auch nicht fern. Klingt furchtbar? Nein, es handelt sich hier nicht um den Song-Contest-Beitrag aus Armenien oder Montenegro, sondern um eine Produktion aus der ach so langweiligen Eurobürokratenmetropole Brüssel. Valkø war bereits vor einigen Jahren unter dem Künstlernamen Auryn unterwegs, hat sich aber jetzt für einen Neuanfang unter neuem Namen entschieden. Mit Valkø spielt sie mit dem finnischem Wort für die Farbe Weiß. Und traut sich was: Denn das Titelstück der Debüt-EP „This Kind Of Game“ trägt sehr dick auf, schwelgt in barocken Gefühlen und ist trotzdem ein großer Spaß. Ein bisschen Plüsch muss sein, denn wir wollen nicht alle Tage Knäckebrot mit Kräuterquark essen. Und wenn man genauer hinhört, dann ist diese überkandidelt Chanteuse eine große Freundin von Vaudeville und Schauerballade. Wohlig erschauern, grenzwertkitschig auftrumpfen – das ist  unbedingt eine Kunst! Die Frau in Weiß spielt wie einstens der Victorianer Wilkie Collins mit Geheimnis und Übernatürlichem. Kann man durchaus mal goutieren, das! Über die Ästhetik des Videoas lässt sich streiten, aber das reißen Synthies und Streicherglam wieder raus!

 

Stillvergnügt mit den Dada Waves

dada

Die Dada Waves auf der Suche nach Monsieur Magritte.

Einen Song über eine weise alte Eule schreiben? Dada Waves schaffen das, und zwar peinlichkeitsfrei! Die Band um Singer-Songwriter Jasper Stockmans lässt den sanften Psychedelik-Pop hochleben und hat dabei ein ironisches Glitzern im Auge. Hier kullern die Murmeln fröhlich durchs Kinderzimmer! Ganz unschuldig schleichen sich feine Elektronik-Sounds in dieses Universum scheinbar naiver Unschuld ein. Als prägenden Einfluss nennen diese Neo-Blumenkinder aus dem Örtchen Hoegaarden in Flämisch-Brabant übrigens die Überflüssigkeit der  Menschheit. Das ist gelebte Schrulligkeit! Die Fünf geben sich auf ihrem federleichten, selbst betitelten Debüt-Album wunderbar entspannt und stillvergnügt. Dass Stockmans seine musikalischen Anfänge in einer Punkband hatte, mag man kaum glauben. Der Track über die weise alte Eule war als erster da. Danach hat der Meister fünf Jahre lang im stillen Kämmerlein gewerkelt und bei seinem gelegentlichen Ausflügen in die Welt musikalische Mitstreiter wie Beatrijs De Klerck an Violine und Backing Vocals und Tom Poppe am Flügelhorn gefunden. Jawohl, das Flügelhorn, ein in der Popmusik zutiefst unterschätztes Instrument! Sehr fein ist übrigens auch die kleine Vocoder-Hymne „Dans Votre Absurdité“, die den guten alten Francopop und die 8oer Drumbeats hochleben lässt. Melancholische Euphorie ist es was diese eigenwilligen Fünf betreiben. Davon brauchen wir unbedingt mehr in der Welt!

(Foto: Koen Bouters)

Wie das schimmert! Rive beleben den Frankopop

Wie schade, dass das Französische als Sprache der in der Popmusik so sehr aus der Mode gekommen ist! Denn in diesem eleganten Idiom lassen sich doch wunderbar federleichte Geschichten erzählen! Aus Brüssel machen sich gerade Rive auf den Weg, um das Genre mit sanft melodramatischen Tönen neu zu beleben! Zu biographischen Angaben (und sogar den eigenen Namen!) hält sich das Duo bedeckt, verrät aber mit dem Titel der im Frühjahr erscheinenden ersten EP rive„Vermillon“ sehr viel über sich selbst: Mit Sicherheit dürfte den beiden bekannt sein, dass der Ausdruck „Vermillion“ das Lieblingswort von Oscar Wilde war. Übersetzt heißt das übrigens „Zinnoberrot“. Diese satte und samtige Farbe gab es doch früher im großen Wasserfarbenkasten im Malunterricht, oder? Die Franzosen haben im Gegensatz zu den Engländern bei „vermillion“ ein „i“ eingespart, elegant und dandyhaft klingt das Wörtchen trotzdem! Der einzig bislang veröffentlichte Track „Vogue“ ist jedenfalls ein edles, elegantes und raffiniertes Stückchen Elektropop im France-Gall-Modus. Das erst richtig abzuheben beginnnt, wenn zum Ende hin die satten Synthies einsetzen. Da kriegt man ja sehnsüchtiges Herzklopfen, so schön schimmert das!

Mais si au point du jour
notre amour
paraît sombre et bleu
alors il vaut mieux
se dire adieu!

Dalton Télégramme: Westernromantik im Chanson-Style!

Der Wilde Westen muss gleich hinter Liège liegen. Auf diese Idee könnte man glatt kommen, wenn man die vier kauzigen Kerle von Dalton Télégramme sieht, wie sie ihn ihren Trapperkappen vor einer Holzwand posieren, die prall mit Jagdtrophäen bestückt ist. dtAber bloß keine vorschnellen Schlüsse aus dieser Inszensierung ziehen: Denn das Quartett ist durchaus feinsinnig, sehr ironisch und vor allem: Experimentiert gekonnt mit einem ungewöhnlichen Stilmix! Als “Western Folk Chanson Française” charakterisiert man die eigene musikalische Orientierung und bringt die Dinge damit sehr gut auf den Punkt. Das sich Western-Banjo und Montmarte-Gassenhauer bestens vertragen war mir bislang unbekannt! Zwei EPs haben die Vier bislang vorgelegt. Via Soundcloud kann man an verhangenen Oktobertagen bestens in “La Planque” hereinhören und sich an einem feinen Mix aus Melancholie und Lebenslust erfreuen.

Dass sie ihre musikalischen Wurzeln im Chanson bestens kennen, beweisen Dalton Télégramme jetzt mit einem wunderbaren Cover des Francopop-Klassikers “Manureva”, zu dem kein Geringerer als Altmeister Serge Gainsbourg den Text beisteuerte.  Die Musik stammt von Alain Chamfort. Der Track um die Tragik eines in der Südsee verschollenen Bötchens war im Jahr 1979 ein Hit in Frankreich, der es leider nicht ostwärts über den Rhein geschafft zu uns geschafft hat. Schade, denn filigrane Sehnsucht und verhaltene Traurigkeit halten sich hier wunderbar die Waage. Auch als Filmmusik würde sich der Song bestens eignen. Für das Cover haben sich Dalton Télégramme die Sängerin Mary Pack von Mary & The Poppins eingeladen und ein sehr eigenwilliges Video dazu gedreht. Allein das Arrangement von Percussion via Pappbecher lohnt das Anschauen! An dieser gelungenen Inszensierung mit geringsten Mitteln müssen die Vier lange geübt haben! Westernromantik und Amélie-Welt halten hier überraschenderweise Händchen. Zaubern ein Lächeln ins Gesicht. Und machen ein ganz klein wenig traurig. Und dazu diese sentimentale Trompete! Das Debütalbum von Dalton Télégramme soll Anfang 2016 erscheinen. Sehr schön!

(Foto: Martin Mailleux).

Die sommersprossige Drama-Queen: Isolde Et Les Bens

Oh lala, Mademoiselle! 60ies-affiner Francopop, aber auf englisch! Isolde Lasoen, die treibende Kraft hinter Isolde Et Les Bens, ist sowieso eine junge Dame, die mit einigen Überraschungen aufwartetet. Denn eigentlich ist sie bisher vor allem als Schlagzeugerin beim flämischen Sänger Daan aufgefallen. Aber singen kann sie auch! Bei Isolde Et Les Bens geht es intelligent nostalgisch und unterkühlt melodramatisch zu. isoldeUnd irgendwo aus der Ferne winkt France Gall mit dem Chiffon-Schal! Der Track “Wishful Thinking” mit seinen üppigen Streicher-Arrangements und dem hyperemotionalen Piano ist großes Kino. Und das dazugehörige Video enthüllt neben den Abgründen hinter den bürgerlichen Fassaden auch noch die Tatsache, dass Drama-Queen Isolde sehr aparte Sommersprossen und Katzenaugen hat. Bislang hat die Chanteuse aus Gent nur die EP “L’Inconnu” vorgelegt. Auf der sich übrigens ihre ganz eigene Interpretation des Titeltracks aus dem 7oer-Erotikklassiker “Emmanuelle” befindet.Allein dieses Faktum macht bereits neugierig! Zu den Bewunderern Serge Gainsbourgs zählt Isolde natürlich auch – vor allem wegen der verstecketen Bedeutungen, die sich hinter seinen Chansons verbergen! Und brasilianische Musik: Weil diese ebenso sinnlich wie melancholisch ist! Dem ist nur zuzustimmen!

Grenzwerttrauriger Charme mit Alice On The Roof

Man hört drei Takte dieser leicht heiseren und dennoch anmutigen Stimne mit dem leichten französischen Akzent und feinen Härchen im Nacken verspüren einen leichten Luftzug. Die angenehm zurückgenommene und dennoch einprägsame Stimme ist die von Alice Dutoit aus der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Mons, die unter dem künstlerischen Alter Ego Alice On The Roof antritt. Die knapp 20jährige Chanteuse (ja, hier passt diese Vokabel bestens) hat eben ihre erste EP „Easy Come Easy Go“ vorgelegt: Eine fein schwebende Mischung aus Franko- und Elektropop für traumverlorene blaue Stunden auf dem Bar-Dancefloor. Dass die Stimmung hier grenzwerttraurig ist, wirkt überaus seelestreichelnd. Für eine knapp dem Teenager-Alter entwachsene Sängerin und Pianistin hat Alice schon eine recht bewegte Vergangenheit aufzuweisen: Die junge Frau versucht sich zunächst bei „The Voice Of Belgium“, wo sie es immerhin bis ins Halbfinale schafft. Aber ganz wohl scheint sie sich bei dem Spektakel nicht gefühlt zu haben und konzentriert sich lieber aufs eigene Songschreiben. Und versteckt sich nicht, sondern wagt etwas: Sendet ihr Demotape an den renommierten Londoner Produzenten Tim Bran, der mit Szenegrößen wie London Grammar, La Roux und KT Tunstall zusammengearbeitet hat. Und siehe da, dem Mann stellten sich tatsächlich die Ohren hoch. Im Herbst 2015 wird er jedenfalls das Debütalbum der völlig unbekannten Newcomerin aus dem wallonischen Hinterland herausbringen. Im sehr feinen Titelsong der bereits vorliegenden EP singt Alice fast schon mantrisch die Zeilen „I am sinking like a stone“.  Nein, nein, Mademoiselle: Das könnte durchaus etwas werden mit der Künstlerinnenkarriere. Der EP kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen. Sehr fein ist aber auch die sehr stimmige und intime Live-Session von „Easy Come Easy Go“. Piano und Stimme. Mehr braucht es hier nicht für eine leichte Gänsehaut.