Go March, ins Land der elektronischen Merkwürdigkeiten

Wenn eine Band sich von Film-Altmeister David Lynch beeinflussen lässt, dann ist man diesen Musikern zumindest schon mal wohlwollend gegenüber eingestellt. Bei dem eigenwilligen Blick, den Lynch auf die Welt hat, da ist doch Überraschendes zu erwarten! Das Gefühl trügt tatsächlich nicht: Go March aus Antwerpen geben sich gehoben geheimnisvoll. Auf den wenigen Promo-Fotos, go marchdie von den Dreien existieren, tragen sie weiße Plastik-Schutzkleidung und weiße Kugelköpfe und posieren vor dräuend dunkler Waldkulisse. Fans von übernatürlichen Phänomenen sind Go March unbedingt, wenn man ihrer Debütsingle “Rise” lauscht: Das Instrumentalstück ufert gekonnt aus und bewegt sich elegant in den Graulanden zwischen Filmmusik, Kraut- und Postrock. Mogwai meets Kraftwerk, wie die Band selbst schreibt? Ja, irgendwie schon. Aber auch eine gute Prise Konsolenmusik mit bliependen Beats, die sich über diese vergrübelten deutschen Gitarrenklänge legen! Zu sehr später Stunde könnte man zu diesen süchtig machenden Computer-Grooves auch tanzen und dezent das Haupthaar schütteln. Go March schreiben den Soundtrack für ein Roadmovie, das sachte gen Düsternis taumelt. Ein sanfter Horror lauert an den Rändern. Sehr stylish, sehr elaboriert!

Digitale Tropen mit Mutiny On The Bounty

Als dieses Blog über belgische (Pop)Musik vor rund einem Dreivierteljahr startete, wurde ein Blick über die Landesgrenzen ins Nachbarländchen Luxemburg versprochen. Da trifft es sich doch bestens, dass ich ein gewisses Faible für ausufernden instrumentalen Postrock habe und überdies intelligentem Frickel-Mathrock wohlwollend lausche. Gepflegte Theatralik weiß ich ebenfalls zu schätzen! Und so passt es, dass Mutiny On The Bounty aus dem Großherzogtum im Mai ihr drittes Album „Digital Tropics“ vorlegen. Allein der Albumtitel gefällt, darauf muss man erst mal kommen! Nach einigen Experimenten mit Screamo-Gesang auf dem Vorgänger „Trials“ sind die Vier nun zu rein instrumentalen Tönen zurückgekehrt, was wohl eine weise Entscheidung war. Mutiny On The Bounty sind experimentierfreudig, hüllen das Album in blumige Pastellfarben und entdecken ihre Lust an den 7oer-Jahren. Und deren Funkyness! Zur Singke „Mkl Jcksn“ gibt es ein sehr abgedrehtes Retro-Video, in dem sie der kultigen US-Musiksendung „Soul Train“ Tribut zollen und stilecht die Atmosphäre der Anfangssiebziger nachstellen. Zu diesem Zweck muss so mancher Altkleidersack geplündert oder die Klamottenkammer der Heilsarmee ausgeräumt worden sein. Synthies schwelgen, es wird ausgiebig gezappelt, und überhaupt: Jawohl, das ist schlauer, tüfteliger Mathrock – aber schau einer an, das ist überaus tanzbar und gut gelaunt dazu! Und ein ironisches Glitzern haben die Vier dabei unbedingt in den Augen! Und wer nun neugierig darauf geworden ist, was die Luxemburger in ihrer bereits zehnjährigen Bandgeschichte alles schon ausprobiert haben, dem sei der leidenschaftlich ausufernde Track „Mapping The Universe“ ans Herz gelegt. Auch deshalb sind Mutiny On The Bounty vor drei Jahren als einzige Luxemburger Band aufs Roskilde-Festival eingeladen worden!

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Stummfilmmusik mit We Stood Like Kings

Stummfilmmusik muss expressiv sein. Emotionen tiefenscharf widerspiegeln. Und trotzdem eine gewisse Leichtigkeit und Luftigkeit vermitteln, die dem visuellen Medium des Films eigen ist. Und was könnte sich für Stummfilmmusik besser eignen als der instrumentale Postrock? Der war leider im Jahre 1927 noch nicht erfunden, als Walter Ruttman den experimentellen Dokumentarfilm „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ drehte. Der in scheinbar flüchtigen Assoziationen den Tagesrhytmus der Metropole in bewegten Bildern widerspiegelte. Fast 75 Jahre später machen sich die belgischen Instrumentalrocker We Stood Like Kings daran, diesen Stummfilmklassiker mit ihren leidenschaftlichen, zarten und elegischen Tönen zu unterlegen. Das Quartett kommt aus allen Landesteilen Belgiens und ist in Brüssel basiert. Und tritt einmal mehr den Beweis an, dass die zu fein ausufernden Tracks neigenden Postrocker die letzten Romantiker auf Erden sind. Die mit zarter und heftiger Hingabe die großen Spannungsbögen aufbauen. Im Zentrum steht das Piano von Judith Hoorens, das sich hier auf eine empfindsame Bildungsreise in die 20er Jahre begibt. Im idealisten Falle goutiert man diese Töne live im Kino, parallel zur Aufführung des Filmes. Und dieser Post wird unter anderem auch deshalb verfasst, weil das deutsche Publikum Anfang Januar 2015 in Oldenburg, Marburg und München eben in diesen Genuss kommt. Genauere Angaben hier.

Den Belgiern gelingt es auf „Berlin 1927“ übrigens mit erstaunlicher Mühelosigkeit, zwischen den Stimmungen zu wechseln: verträumt, episch, nachdenklich, heftig, strahlend. Und tragen erfreulicherweise an keiner Stelle zu dick auf, sondern lassen die Dinge lieber in der Schwebe. Gut so! Via Bandcamp lässt sich ein wunderbarer erster Eindruck in das musikalische Universum von We Stood Like Kings gewinnen. Die sich übrigens auch bei ihrem nächsten Projekt der neuen Vertonung klassischer Stummfilme gewidmet haben. Dieses Mal geht es um den russischen Klassiker „A Sixth Part Of The World“ von Dziga Vertov aus dem Jahr 1926. Album erscheint im kommenden Jahr!

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