Glass Museum schreiben den Soundtrack für sturmzerzauste Himmel

Elegante Grenzgänger: Glass Museum

Starten wir doch mit chilligem, angejazzten Elektronikpop ins neue Jahr und lauschen dem feinen Piano-Track „Opening“ von Glass Museum! Dazu kann man die Gedanken zum sturmzerzausten Himmel doch bestens schweifen lassen! Hinter Glass Museum verbergen sich die beiden berufsneugierigen Youngster Antoine Flipo und Martin Grégoire aus dem schönen westbelgischen Tournai, hart an der Grenze zu Frankreich und den Schti´s. Die Debüt-EP „Deux“ kommt im Mai  heraus und erfreut mit der feinnervigen Experimentierfreude der beiden Nachwuchskräfte, die hier den filmmusikaffinen Klaviersoundtracks fröhnen und es sehr gut verstehen, smoothe Electronika in klassische Klavierromantik einfließen zu lassen und elegante Spannungsbögen aufzubauen. Anklänge an Ambient-Sounds sind ebenso zu finden wie filigrane Techno-Anspielungen. Und dennoch ist es ein Track, der bei aller aufflackernden Nervosität eine große Ruhe ausstrahlt. Kann sein, dass GoGo Penguin hier nicht weit sind! Dass Glass Museum auch anders können und das Spiel mit den Rythmen bestens beherrschen, kann man bei diesem Live-Video bestens verfolgen, in dem die Jazz-Affinität des Duos noch besser zum Ausdruck kommt. Ganz schön vertrackt, aber elegant und leichtfüßig klingt das! Wird auch Zeit, dass die neueste Neo-Jazz-Renaissance kommt!

Foto: Gilles Dewalque

Marta Rosa schläft bis zum Frühling

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Von Abbiategrasso nach Gent mit Marta Rosa

Marta Rosa will so lange schlafen, bis die Blütenblätter wieder sanft auf ihre Haut regnen: Kann man angesichts des trüben Novemberwetters sehr gut verstehen, diesen Wunsch! Vielleicht sehnt sie sich im nebeligen Gent bisweilen auch nach ihrem italienischen Heimatstädtchen Abbiategrasso in der Nähe von Mailand, wer weiß? Dabei hat die junge Italienerin, die seit 2012 am Königlichen Konservatorium in Gent ihren Master im Fach Jazz Vocals macht, sehr viel Anlass, sich in der superlebendige Musikszene der flämischen Metropole wohlzufühlen: Denn hat sie viele unterschiedliche Musiker kennengelernt, darunter auch den Bassisten Nils Vermeulen, den Gitarristen Artan Buleshkaj and den Drummer Simon Raman. Gemeinsam bilden sie die Band Marta Rosa, die im Frühjahr ihr feines Debütalbum „Invertebrates“ vorgelegt haben. Die vier erkunden mit leichter Hand und sanfter Bittersüße die ewig aktuelle Frage, was die äußere Welt und die innere Welt verbindet. Wer nun klassischen Jazz erwartet, wird sich enttäuscht sehen: Marta Rosa zelebrieren feinen Nachdenklichkeitspop und streifen empfindsame Singer-Songwriter-Sounds. Liebäugeln mit dem Chanson, brechen überraschend in rockige Intermezzi aus und sind gerne auch mal übermütig und großäugig- naiv wie im kleinen Albumhöhepunkt „Shoes, Rocks And Boxes“. Wo sie sich einen Spaß daraus machen ihre Schuhe auf dem Kinderkarussel stehenzulassen, damit sich diese lustig weiterdrehen können. Marta Rosa liebt die präzise Improvisation und pflegt dabei eine zärtliche Lebensfreude. Das klingt mitunter wie klassische Joni-Mitchell-Schule, aber eben nur für Momente! Die junge Musikerin hat mit ihren drei Mitstreitern in Belgien in diesem Jahr erfolgreich an verschiedenen Nachwuchswettbewerben teilgenommen und ist unermüdlich in der Welt herumgstromert. Hat in Kathmandu Jazzvocals unterrichtet, in China zeitgenössischen Jazz studiert und in Brooklynn mit dem ekuadorianischen Gitarristen Luis Castro gearbeitet. Aber während all dieser Reisen ist sie die neugierige junge Frau geblieben, die sich mit weit offenen Augen durch die Welt bewegt und in Gent ihr künstlerisches Zuhause gefunden hat. Wer ausführlicher in ihre intelligenten und stillvergnügten Songs hineinhören will, kann dies bestens über die sehr empfehlenswerte flämische Site vi.be tun. Und den grauen November draußen vergessen!

 

(Foto Rachel Gruijters)

Mélanie De Biasio: Kein Requiem für Charleroi

Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar agiert in seiner Öffentlichkeitsarbeit genauso wie die Bagger, die er produziert: Grobschlächtig, aber effektiv. So haben sich die Manager des Unternehmens vor drei Tagen genau die Woche der Festlichkeiten zur 350-Jahrfeier von Charleroi ausgesucht, um schlechte Nachrichten zu verkünden: Das Caterpillar-Werk in der Stadt wird geschlossen. Über 2.000 Arbeitsplätze sind direkt betroffen. Mit Zulieferern sind es in der gesamten Region über 6.000. Anderswo wird billiger produziert, so die simple Begründung. blackenedNun ist Charleroi durch den Niedergang der traditionsreichen Stahl- und Kohleindustrie  wirtschaftlich stark gebeutelt. Der Schock bei den Menschen sitzt tief. Gefeiert haben sie an diesem Wochenende  trotzdem.

Ich war bislang ein Mal in Charleroi, an einem grauen, verregneten Sonntag. Die Stadt schien leer und verwundet. Klaffende Baulücken, Reste früherer Pracht. Latent aufsässig an den Ecken herumlungernde Menschen. Im Vergleich mit Charleroi scheint selbst das Rhein-Main-Schmuddelkind Offenbach wie ein florierende Frohnatur. Nun ist es so mit scheinbar hoffnungslosen Fällen, dass wir sie um so mehr ins Herz schließen. Ich zumindest. Denn was wollen wir mit der einfachen, saturierten Schönheit?

Charleroi ist die Heimat von Mélanie De Biasio. Die Sängerin und Flötistin scheint ihre Stadt in leidenschaftlichem Trotz verbunden. Vor kurzem hat sie „Blackened Cities“ veröffentlicht. Eine 25-minütige Improvisation über Heimat und Vergänglichkeit.

Mélanie De Biasio

Mélanie De Biasio

Wer Mélanie De Biasio kurzerhand in die reine Jazz-Ecke stecken will, liegt ziemlich falsch. Es ist minimalistischer Pop, den sie hier mit wunderbarer Zurückhaltung präsentiert. Es ist aufs Äußerste reduzierter, ausufernder psychedelischer Pop.  Ein Soundtrack für eine Roadmovie ohne Worte, in der die Kamera durch verlassene Industrielandschaften vagabundiert. Natürlich auch Kammerjazz, aber ohne jeglichen Schnickschnack. Es ist aber auch eine kluge Meditatiom über Vergänglichkeit. Kann schon sein, dass Billie Holiday von ihrer grauen Wolke zustimmende gen Charleroi nickt. Und noch etwas: Man braucht Geduld. Mélanie De Biasio und ihre wunderbare Band lassen sich Zeit, um sich ihrem Thema anzunähern. Das sind dunkelblaue, aber keineswegs resignative Töne. „Blackened cities are humble . Strangers stroll and lovers stumble“, singt Mademoiselle. Via Bandcamp kann man ausführlich in „Blackened Cities“ hereinhören.

 

Die traurigen Tropen mit Dijf Sanders

Die Sehnsucht nach den Tropen. Kann man auch im viktorianischen Gewächshaus im Botanischen Garten pflegen! Wie eine Kurzrecherche ergibt, hat auch die flämische Metropole Gent eine wunderbaren Botanischen Garten an der Universität, gleich am Zitadellen-Park. Durchaus möglich, dass sich Dijf Sanders bei seinen Besuchen dort für sein neues Album „Moonlit Planetarium“ inspirieren ließ. Der eigenwillige Elektronik-Tüftler begibt sich hier auf den Pfad der bewussten Entschleunigung. Pflegt schrullige Sound-Ideen, die zwischen Exotica, Jazz, experimentellem Pop, Electronica und Filmmusik changieren. deifÜberraschungen lauern in diesem Gewächshaus hinter jeder grünen Ecke! Es blubbert, es knarzt und es zirbt. Da sind Tiere im Dschungel unterwegs! Das klingt geheimnisvoll, ist mitunter leicht mystisch angehaucht und bricht an den unerwarteten Stellen in eine stille Euphorie aus. Man lausche nur dem Titelstück! Zugegeben: Das klingt mitunter sperrig, aber zieht dann doch unerwartet in den Bann, wenn die Schlangenbeschwörer-Flöte auf Posaune und knorzigen Sprechgesang trifft. Und damit der erstaunlichen Entdeckungen noch nicht genug: Im tiefenentspannten, erzcoolen „Wakeboard“ wandelt Sanders plötzlich auf den Spuren der unvergessenen australischen Eurodisco-Weirdos Flash And The Pan. Nur um im geheimnisvollen „Donderdag“ seinen finnischen Brüdern im Geiste, den waldschratigen Paavoharju, die Hand zu reichen. „Moonlit Planetarium“, dem man zur Gänze auf Bandcamp lauschen kann, das ist ein Album so recht für einen verregneten, kalten Junisonntag wie diesen, an dem man die Gedanken beim Blick auf Wolkenungetüme vor dem Fenster wunderbar schweifen lassen kann.

Die Mundharmonikahelden: The Rhythm Junks

Mundarmonika, Bass, Schlagzeug und Gesang. Das soll cool klingen? Mal im Ernst: Das klingt knochentrocken cool, was das Trio The Rhytm Junks aus Gent hier mit simplen Mitteln produziert. Die Herren Steven de Bruyn, Jasper Hautekiet und Tony Gynselinck sind bereits seit zehn Jahren im Geschäft und haben sich als souveräne Grenzgänger zwischen den Genres etabliert. Blues, Jazz, Rock oder verschwurbelter Folk – sie wirbeln wir alles präzise durcheinander und machen etwas ganz Eigenes daraus! Die Rhythm Junks bezeichnen sich selbst gerne als Pickles, also diese komischen Gemüsespieße, die nur aufgrund ihrer Zusammenstellung so interessant schmecken. Die Kombination macht´s!

Mit “It Takes A While” legen die Drei bereits ihr viertes Album vor und grooven mit überschäumender Spielfreude zwischen Radaudisco und cooler Lounge. Dass De Bruyn englisch mit einem dicken flämischen Akzent singt, wollen wir ihm gerne gerne verzeihen! In Songs wie dem famosen “Why Would I Worry” wird die Mundharmonika plötzlich zur Leadgitarre: Gleichzeitig machen sich die Drei hier über eitle Rocker lustig. The Rhythm Junks führen zudem den Jugendkult in der Populärmusik ad absurdum: Denn trotz der beträchtlichen Altersunterschiede in der Band klingen die Musiker frischer und lebendiger als so manche Teenie-Kapelle! Die Belgier sind tiefenentspannt. Souverän. Und dazu noch erstaunlich tanzbar! Denn wer die Mundharmonika nur als Requisit einzelgängerischer Westernhelden abgespeichert hat, weiß spätestens nach dem feinen “Headphone City”, dass das Instrument durchaus clubtauglich ist!

Gelassene Träumer: YellowStraps

Sehr gelassen, fast schon abgeklärt klingen YellowStraps auf ihrer Debüt-EP „Whirlwind Romance“. Sie  zelebrieren elegant verlangsamte, geradezu klassische Electronica mit Ambient-Touch für die Stunden nach Mitternacht. Dazu der smarte, erwachsene Schmelz in der Stimme des Sängers: Das müssen coole, lebensweise Enddreißiger sein, die schon einige emotionale Tiefschläge verkraften mussten. Sicherlich sind das erfahrene Clubgänger, die sich an den lauten Tönen nicht mehr abarbeiten müssen. Ganz falsch gedacht! YellowStraps, das Ensemble aus den Brüdern Yvan und Alban Murenzi und ihrem Freund Ludovic Petermann sind minderjähig aussehende Nachwuchskräfte aus der Kleinstadt Braine L`Alleud vor den Toren Brüssels. Das Trio kennt sich schon seit Jungpfadfinder-Tagen. Die fünf Tracks des Erstlings sind mitnichten in clubnahen Studios entstanden, sondern größtenteils im Schlafzimmer des Elternhauses. Die Drei, die sich live mit einem Schlagzeuger verstärken, werkelten bereits als Fünfzehnjährige an ihren Songs. In Belgien haben diese völlig unbeschriebenen Blätter im vergangenen Jahr überraschend bei den Red Bull Elektropedia Awards in der Kategorie „Most Promising Artist“ gewonnnen. Holla!

Ihre Musik beschreiben YellowStraps als Mischung aus Hip Hop, elekronischer Musik und Jazz. Fügen wir ruhig noch eine Prise Weltschmerz-Pop hinzu, und vielleicht auch noch ein Gran chansoneskes Geschichtenerzählen. Geben diese jungen Träumer doch selbstbewusst zu, dass sie bevorzugt Songs über die Liebe schreiben. Sie tun das erfreulich pathosfrei, unsentimental, klug und klaräugig. Nurt selten holen sie wie im wundervoll schwelgerischen Track „Leap Of Faith“ zur großen Geste aus. Aber dann gehen sie mitten ins Herz. Wo sie sich in fünf Jahren sehen? Lieber nicht darüber nachdenken, das ist ja furchteinflößend! Sagen sie. Könnte aber auch sein, dass man auch außerhalb der Landesgrenzen von YellowStraps hört. „Whirlwind Romance“ kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen.