Silberne Äpfel finden mit TOTM

Nachdenken auf die frickelige Art: Das können sie, die vier Jungs von TOTM: Abtauchen in postrockige Gefühlswelten aber auch. Und dabei sehr emotional werden. Zur großen Geste ausholen. Puuuh, das Quartett aus Brüssel traut sich etwas, wenn es sich in erhabene Gegenwelten aufmacht und dort nach den silbernen Äpfeln sucht. Zu biographischen Angaben schweigen sich die Vier aus. Man definiert den eigenen musikalischen Stil als „Einladung zum Vergessen und zum Verlassen, in der Nähe einer sich ständig verändernden Quelle“.  Sehr poetisch gesagt, liebe TOTMs, ihr Helden des komplizierten Bandsnamens. Im vergangenen Jahr schaffte man es bis ins Finale des renommierten wallonischen Nachwuchswettbewerbs Concours Circuit, ging mit einem improvisierten Video fast im Wald verloren, zeigte deutliche Zusammenhänge zwischen Dark Folk und experimentellem Pop. Und machte zwischen den Zeilen unmissverständlich klar, dass man Fan der kanadischen Postrock-Heroen Goodspeed You! Black Emporer ist.

Ganz klar, dass diese Geschichten im blauen Zwielicht spielen und die Herren TOTM blass und überwiegend bärtig sind. Aber irgendwie schielen sie mit postromantischen Songs wie „Silver Apples“auch gen hehre Gefühlswelten, die uns sanft himmelwärts tragen. Die Tage werden kürzer, der Nebel pirscht sich heran. Da brauchen wir hochwertigen, schwelgerischen Seelentrost, den TOTM mit inniger Düsternis zelebrieren. Eine selbst betitelte EP ist erschienen, die bestens zur Zeit um Halloween passt, wenn die Tore zwischen dier diesseitigen und der jenseitigen Welt einen Spalt offen stehen. Via Soundcoud kann man in das noch schmale Werk von TOTM hereinhören uns sich sanft in leichte beunruhigende Gegenwelten entführen lassen.

Die Welt steht still mit Jan Swerts

Den besten Start ins neue Jahr bietet im neuen Jahr stets das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen in der zweiten Januarwoch. Natürlich fahre ich hin, ich rieche schon die Waffeln und den Fisch auf dem Marktplatz! Jede Menge europäische Newcomer und natürlich auch viel versprechende Newcomer aus dem Nachbarland Belgien sind vertreten, die sich in Groningen unter der Flagge Belgium Booms At Eurosonic versammeln. Ganz besonders freue ich mich auf Warhaus und auf Tsar B. Und auf Jan Swerts!

Denn jaaanJan Swerts, der Minimalistik-Popster aus dem Örtchen Sint-Truiden, versteht es auf wunderbare Weise, die laute Welt zum Stillstand zu bringen. Swerts ist der Mann, der Trost in der Melancholie findet. Der Musiker bewegt sich zwischen Neoklassik, reduzierter Filmmusik und erhabenem Postrock. Dass Herr Swerts stimmlich nicht wenig an Sigur-Rós-Sänger Jónsi erinnert, das lässt die isländischen Assoziationen fliegen! Der Mann am Piano hat kürzlich sein drittes Album „Schaduwland“ (Shadowland) vorgelegt, das er als „den verzweifelten Soundtrack einer zombiefizierten Existenz“ bezeichnet, nachdem ihm das Schicksal im Jahr 2014 mehrere üble Tiefschläge verpasste. Krankheit, Tod der Mutter,Einsamkeit. Aber keine Angst: Das ist sind wahrlich keine Depri-Sounds, die Swerts hier vorlegt, sondern feinfühlige Miniaturen, die den Schmerz auf zärtliche Weise sublimieren. Zu diesen dunkelblauen Tönen mag man traumverloren die Augen schließen! Und es passt natürlich bestens, dass der Musiker sein Album in Groningen in der wunderbaren Kathedrale vorstellt, der AA Kerk. Wo immer die andächtigste Atmosphäre auf dem Festival herrscht, aber die geschäftstüchtigen Holländer gerne ein Glas Wein verkaufen, an dem man sich zu feierlichen Tönen festhalten kann. Das stimmungsvolle Live-Video von Sverts im legendären Club Ancienne Belgique in Brüssel steigert die Vorfreude! Zu den schönsten Tracks gehört das streicherumschmeichelte „Kijk, Jessica, kijk naar al die lege wegen“.

 

 

Im Kämmerlein, im Wald: He Died While Hunting

Darauf muss man erstmal kommen: He Died While Hunting ist ein ziemlich cooler Bandname. Was assozieren wir damit? Dann mal wild darauf los: Na klar, Wald und Dickicht, unwegsames Gelände, unerwartete Abgünde, kalte klare Luft sowie die Farben dunkelgrün, abendhimmelblau und karmesinrot. Damit liege ich nicht völlig daneben, denn als Definition des eigenen Schaffens findet sich auf der Homepage der schöne Lindwurm-Satz “minimalist indiepop electronica post-everything and post-nothing”. Schön gesagt! Der tote Jäger geistert bereits seit dem Jahr 2009 durch den Brüsseler Untergrund und ist im Kern das Solo-Projekt Cedric van Mol. Als Gastmusiker sind seine Freunde zu hören, die Gitarre, Druns, Cello, Vibraphon, Trompete und Posaune beitragen. Passt doch bestens in den Wald, das! Das sind eigensinnige Töne von spröder Schönheit, die im stillen Kämmerlein des Herrn van Mol entstehen. Zu denen man jenseits aller Süßlichkeit die Gedanken frei schweifen lassen und sich mitunter subtil aufschrecken lassen kann. Die neue EP “With Reckless Abandon” ist mit Soundsample-Spielereien vielleicht einen Tick experimenteller ausgefallen als die Vorgänger. Eine subtile Beunruhigung flirrt durch diese Töne. Sie sind zurückgenommen und vieldeutig. Können durchaus ins dichte Dickicht führen. Sind aber unbedingt reinen Herzens und offenen Auges. Das sind Sounds, die dunkel und licht zugleich sind. Sehr gut gefällt der bereits etwas ältere Instrumental-Track “Makeshift (In This Room)”.