Silberne Äpfel finden mit TOTM

Nachdenken auf die frickelige Art: Das können sie, die vier Jungs von TOTM: Abtauchen in postrockige Gefühlswelten aber auch. Und dabei sehr emotional werden. Zur großen Geste ausholen. Puuuh, das Quartett aus Brüssel traut sich etwas, wenn es sich in erhabene Gegenwelten aufmacht und dort nach den silbernen Äpfeln sucht. Zu biographischen Angaben schweigen sich die Vier aus. Man definiert den eigenen musikalischen Stil als „Einladung zum Vergessen und zum Verlassen, in der Nähe einer sich ständig verändernden Quelle“.  Sehr poetisch gesagt, liebe TOTMs, ihr Helden des komplizierten Bandsnamens. Im vergangenen Jahr schaffte man es bis ins Finale des renommierten wallonischen Nachwuchswettbewerbs Concours Circuit, ging mit einem improvisierten Video fast im Wald verloren, zeigte deutliche Zusammenhänge zwischen Dark Folk und experimentellem Pop. Und machte zwischen den Zeilen unmissverständlich klar, dass man Fan der kanadischen Postrock-Heroen Goodspeed You! Black Emporer ist.

Ganz klar, dass diese Geschichten im blauen Zwielicht spielen und die Herren TOTM blass und überwiegend bärtig sind. Aber irgendwie schielen sie mit postromantischen Songs wie „Silver Apples“auch gen hehre Gefühlswelten, die uns sanft himmelwärts tragen. Die Tage werden kürzer, der Nebel pirscht sich heran. Da brauchen wir hochwertigen, schwelgerischen Seelentrost, den TOTM mit inniger Düsternis zelebrieren. Eine selbst betitelte EP ist erschienen, die bestens zur Zeit um Halloween passt, wenn die Tore zwischen dier diesseitigen und der jenseitigen Welt einen Spalt offen stehen. Via Soundcoud kann man in das noch schmale Werk von TOTM hereinhören uns sich sanft in leichte beunruhigende Gegenwelten entführen lassen.

Bathernay: Der Winter kommt zurück

Die Band nach dem verträumten Dörfchen benennen, in dem man als junger Mensch am Rande der Pubertät wie aus der Zeit gefallene Urlaube erlebte: Auf diese Idee muss man auch erst mal kommen! Bathernay heißt der verschlafene Ort im Südwesten Frankreichs, wo Nicolas, der musikalische Kopf der belgischen Band, schwerelose Sommer verbrachte. Bathernay, also die Band, gibt es seit dem Jahr 2012. MoldyDas Quartett schwelgt auf seinem jüngsten, im Herbst 2015 erschienen Album „Moldy“ in elegischen, ausufernden Tönen. Die sich mit hoher emotionaler Wucht und großer Sanftheit irgendwo in den Weiten zwischen Postrock, Dreampop und Shoegaze bewegen. Der erwachsene Schwärmer träumt nun in Schwarz-Weiß und hat die schöne Melancholie zur Kunstform erhoben. Die emotionale Landschaft ist nicht mehr grün und gleißend, sondern karg und verschneit. Aber das ist nur der Hintergrund, vor dem große Gefühlsgemälde gemalt werden, auch wenn sie winterlich ausfallen! Mit Songs wie dem monumentalen Zehnminüter „Love“ muss man sich Zeit lassen, bis sich die Vier, versteckt hinter Gitarrenwällen, endlich den ultimativen Gefühlsausbruch gestatten. Uff! Natürlich ist es hier Winter, aber trotzdem zünden Batherney  ein warm flackerndes Feuer an. An dem wir lange sitzen und unseren Gedanken nachhängen können. Wie damals im Sommer, als wir noch 14 waren. Über Bandcamp kann man „Moldy“ zur Gänze lauschen. Und zu „Winter Will Be Back“ gibt es ein sehr stimmiges Video!

Hymnische Töne mit den Kings Of Edelgran

Einfach mal so in Richtung lichtblaue Himmel abheben! Mit den Kings Of Edelgran ist es ganz leicht, die Flügel weit auszubreiten! Jérome Caudron und Josias Delcourt sind zwei Schwärmer aus dem Örtchen Tubize in Wallonisch-Brabant in der westlichsten Landesecke Belgiens. Die ihre ganz eigene Nische zwischen Folk-, Elfen- und Indierock besetzen. Und es dabei fertigbringen, auf federleicht hymnisch zu klingen. edelBeeinflussen lässt man sich von nordischer Natur (diese Jungs müssen einfach schon auf Island gewesen sein!) und von offenen, wilden Landschaften. Klingt romantisch? Ist romantisch, auf eine herbe Art. Ach ja, und “Edelgran” heißt Tanne auf Norwegisch. Nichts da Edelweiß!

Symphonisch. Sakral. Kammerpoppig. Balladig. Auf epische Weise nachdenklich. Mit kleinen Gefühlen halten sich die Kings Of Edelgran erst gar nicht auf. Bei himmlischen Harmoniegesängen sind sie so recht in ihrem Element. Doch um das Erschaffen von esoterisch angehauchten Heilewelt-Szenarien geht es dem Duo sicherlich nicht. Vielmehr sind die beiden Bartträger offenkundig auf der Suche nach der blauen Blume, dem unerreichbaren Ziel ihres Sehnens. Da wird einem mitunter wund ums Herz! Die Kings Of Edelgran haben kürzlich ihre EP “Volcano” vorgelegt, die bei aller Schwärmerei auch einen feinen Ernst pflegt. Besonders das ausufernde Titelstück gefällt ausnehmend gut! Damit lässt es sich doch bestens in den belgischen Nationalfeiertag morgen hineinträumen!

 

Digitale Tropen mit Mutiny On The Bounty

Als dieses Blog über belgische (Pop)Musik vor rund einem Dreivierteljahr startete, wurde ein Blick über die Landesgrenzen ins Nachbarländchen Luxemburg versprochen. Da trifft es sich doch bestens, dass ich ein gewisses Faible für ausufernden instrumentalen Postrock habe und überdies intelligentem Frickel-Mathrock wohlwollend lausche. Gepflegte Theatralik weiß ich ebenfalls zu schätzen! Und so passt es, dass Mutiny On The Bounty aus dem Großherzogtum im Mai ihr drittes Album „Digital Tropics“ vorlegen. Allein der Albumtitel gefällt, darauf muss man erst mal kommen! Nach einigen Experimenten mit Screamo-Gesang auf dem Vorgänger „Trials“ sind die Vier nun zu rein instrumentalen Tönen zurückgekehrt, was wohl eine weise Entscheidung war. Mutiny On The Bounty sind experimentierfreudig, hüllen das Album in blumige Pastellfarben und entdecken ihre Lust an den 7oer-Jahren. Und deren Funkyness! Zur Singke „Mkl Jcksn“ gibt es ein sehr abgedrehtes Retro-Video, in dem sie der kultigen US-Musiksendung „Soul Train“ Tribut zollen und stilecht die Atmosphäre der Anfangssiebziger nachstellen. Zu diesem Zweck muss so mancher Altkleidersack geplündert oder die Klamottenkammer der Heilsarmee ausgeräumt worden sein. Synthies schwelgen, es wird ausgiebig gezappelt, und überhaupt: Jawohl, das ist schlauer, tüfteliger Mathrock – aber schau einer an, das ist überaus tanzbar und gut gelaunt dazu! Und ein ironisches Glitzern haben die Vier dabei unbedingt in den Augen! Und wer nun neugierig darauf geworden ist, was die Luxemburger in ihrer bereits zehnjährigen Bandgeschichte alles schon ausprobiert haben, dem sei der leidenschaftlich ausufernde Track „Mapping The Universe“ ans Herz gelegt. Auch deshalb sind Mutiny On The Bounty vor drei Jahren als einzige Luxemburger Band aufs Roskilde-Festival eingeladen worden!

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Stummfilmmusik mit We Stood Like Kings

Stummfilmmusik muss expressiv sein. Emotionen tiefenscharf widerspiegeln. Und trotzdem eine gewisse Leichtigkeit und Luftigkeit vermitteln, die dem visuellen Medium des Films eigen ist. Und was könnte sich für Stummfilmmusik besser eignen als der instrumentale Postrock? Der war leider im Jahre 1927 noch nicht erfunden, als Walter Ruttman den experimentellen Dokumentarfilm „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ drehte. Der in scheinbar flüchtigen Assoziationen den Tagesrhytmus der Metropole in bewegten Bildern widerspiegelte. Fast 75 Jahre später machen sich die belgischen Instrumentalrocker We Stood Like Kings daran, diesen Stummfilmklassiker mit ihren leidenschaftlichen, zarten und elegischen Tönen zu unterlegen. Das Quartett kommt aus allen Landesteilen Belgiens und ist in Brüssel basiert. Und tritt einmal mehr den Beweis an, dass die zu fein ausufernden Tracks neigenden Postrocker die letzten Romantiker auf Erden sind. Die mit zarter und heftiger Hingabe die großen Spannungsbögen aufbauen. Im Zentrum steht das Piano von Judith Hoorens, das sich hier auf eine empfindsame Bildungsreise in die 20er Jahre begibt. Im idealisten Falle goutiert man diese Töne live im Kino, parallel zur Aufführung des Filmes. Und dieser Post wird unter anderem auch deshalb verfasst, weil das deutsche Publikum Anfang Januar 2015 in Oldenburg, Marburg und München eben in diesen Genuss kommt. Genauere Angaben hier.

Den Belgiern gelingt es auf „Berlin 1927“ übrigens mit erstaunlicher Mühelosigkeit, zwischen den Stimmungen zu wechseln: verträumt, episch, nachdenklich, heftig, strahlend. Und tragen erfreulicherweise an keiner Stelle zu dick auf, sondern lassen die Dinge lieber in der Schwebe. Gut so! Via Bandcamp lässt sich ein wunderbarer erster Eindruck in das musikalische Universum von We Stood Like Kings gewinnen. Die sich übrigens auch bei ihrem nächsten Projekt der neuen Vertonung klassischer Stummfilme gewidmet haben. Dieses Mal geht es um den russischen Klassiker „A Sixth Part Of The World“ von Dziga Vertov aus dem Jahr 1926. Album erscheint im kommenden Jahr!

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