Aus einer grauen Stadt: Sperwer

Kortrijk ist eine hässliche Stadt. Denkt man, wenn man mit dem Zug in die nordflandrische Großgemeinde hereinfährt. Es ist nicht weit nach Ypern, wo eines der schlimmsten Gemetzel des ersten Weltkrieges stattfand. Wer zufällig in Ypern  vorbeikommen sollte, dem sei die sehr feine Dauer-Ausstellung In Flanders Fields empfohlen, die sich erfreulicherweise um eine ausgewogene Darstellung des grauenhaften Geschehens bemüht. Kortrijk selbsz hat 1917, 1940 und 1944 sehr gelitten. Zu dumm, dass Belgien strategisch ungünstig in Europas Mitte liegt und alle Nachbarn immerfort durchmarschieren müssen! Natürlich ist Kortrijk gar nicht so unansehnlich. Aber dass schwerelose Schwärmer wie SperwerSperwer aus dieser auf den ersten Blick sehr grauen Stadt kommen können, erstaunt dann doch etwas. Egal, die Smiths stammen ja auch aus Manchester! Beide Städte waren übrigens zu Zeiten der Industrialisierung große Textilmetropolen! Und auch stimmlich erinnert der Sperwer-Sänger Olivier Dumont an den ganz jungen Morrissey. Und seinen Hang zum gepflegten Leiden. Das Trio empfiehlt sich auch dadurch, dass es aus dem Umfeld der von mir sehr geschätzten Dreampopsters I Will I Swear kommt. Viel vorzuweisen haben die drei Youngsters noch nicht, aber die vier Tracks unfassende erste EP ist angenehm  traumverloren ausgefallen und überzeugt mit einer filigranen Mischung aus Shoegaze, Indie- und Depri-Pop und angenehm hallenden Gitarren. Besonders gefallen tut das melancholische, sehnsüchtige „Hier“, das trotz aller Gedankenschwere sehr leicht daherkommt. Aber auch das poppigere „Regen“ mit der stimmigen Percussion überzeugt und hat vielleicht die stärksten Smiths-Anklänge hier.Wer mag, kann dazu nachdenklich über die trügerisch grünen flandrischen Felder schauen, unter denen Hunderttausende liegen, die wegen ein paar Metern „Frontverschiebung“ gestorben sind.

Foto: Clara Hassens

Bathernay: Der Winter kommt zurück

Die Band nach dem verträumten Dörfchen benennen, in dem man als junger Mensch am Rande der Pubertät wie aus der Zeit gefallene Urlaube erlebte: Auf diese Idee muss man auch erst mal kommen! Bathernay heißt der verschlafene Ort im Südwesten Frankreichs, wo Nicolas, der musikalische Kopf der belgischen Band, schwerelose Sommer verbrachte. Bathernay, also die Band, gibt es seit dem Jahr 2012. MoldyDas Quartett schwelgt auf seinem jüngsten, im Herbst 2015 erschienen Album „Moldy“ in elegischen, ausufernden Tönen. Die sich mit hoher emotionaler Wucht und großer Sanftheit irgendwo in den Weiten zwischen Postrock, Dreampop und Shoegaze bewegen. Der erwachsene Schwärmer träumt nun in Schwarz-Weiß und hat die schöne Melancholie zur Kunstform erhoben. Die emotionale Landschaft ist nicht mehr grün und gleißend, sondern karg und verschneit. Aber das ist nur der Hintergrund, vor dem große Gefühlsgemälde gemalt werden, auch wenn sie winterlich ausfallen! Mit Songs wie dem monumentalen Zehnminüter „Love“ muss man sich Zeit lassen, bis sich die Vier, versteckt hinter Gitarrenwällen, endlich den ultimativen Gefühlsausbruch gestatten. Uff! Natürlich ist es hier Winter, aber trotzdem zünden Batherney  ein warm flackerndes Feuer an. An dem wir lange sitzen und unseren Gedanken nachhängen können. Wie damals im Sommer, als wir noch 14 waren. Über Bandcamp kann man „Moldy“ zur Gänze lauschen. Und zu „Winter Will Be Back“ gibt es ein sehr stimmiges Video!