Schottische Düsternis in Liège: Theo Clark

Wir müssen über die Schottland-Liège-Connection reden! Denn der rothaarige schottische Singer-Songwriter Theo Clark treibt sich seit geraumer Zeit in der belgischen Musikszene herum und hat in der wallonischen Ex-Industriemetropole Liège sein permanentes Domizil bezogen. Der junge Düster-Troubadour hat in Boris Gronemberger (Drummer von Girls in Hawaii) einen wohlwollenden Mentor gefunden, der in diesem Jahr die Debüt-EP „Blood“ produziert hat. Theo Clark ist der Barde der lakonischen Tristesse, der latenten Verzweiflung und der potenziell ausweglosen Situationen. Hoffnung ist hier kaum zu finden, Trotz aber reichlich! Tod und Teufel sind in der Welt des Schotten vertraute Gestalten! Aber hinter all der Straßenköter-Attitüde verbirgt sich ein heiß schlagendes, schwarzromantisches Herz!

Trotziger Rotschopf: Theo Clark

Trotziger Rotschopf: Theo Clark

Der Rotschopf bewegt sich in der klassischen Verlierer-Tradition der wütenden jungen Männer, die mit Verve und verstecktem Zartgefühl gegen zementierte Zustände ansingen. Als Band tritt man zu fünft an: Theo Clark hat zur Verstärkung unter anderem seinen Bruder Gabriel mit und den erfahrenen Bassisten Nicolas Berwart aus Liège mit an Bord geholt. Im Moment werkelt man gerade am Debütalbum, das Angang des kommenden Jahres beim eigensinnigen belgischen Label Freaksville Records (stöbern im Katalog lohnt sich übrigens!) herauskommen wird. Und wo bleibt denn hier Schottland, mag man sich ragen? Vielleicht steckt ein Stückchen windzerzauster Norden in der leidenschaftlichen, reduzierten Ballade „Priest“, dem heimlichen Höhepunkt der EP. Hier spricht die Nachwuchskraft poetische Todeswünsche gegen Unbekannt aus und bestellt Luzifer als Empfangskomitee im Jenseits bestellt. Welche tiefen persönlichen Animositäten sich hinter diesem Song verbergen, das können wir nur mutmaßen. Theo Clark gelingt es hier, eine perfekte Balance zwischen Verletzlichkeit, Wut und Aufbegehren zu finden und die Düsternis glutrot glühen zu lassen! Und  man mag mich jetzt für leicht überkandidelt halten, aber irgendwie steckt ein ganz kleines Stückchen Jacques Brel´scher Intensität in dieser Ballade! Vielleicht, weil der belgische Chansonnier genauso über Liebe und vom Tod erzählt!

Marta Rosa schläft bis zum Frühling

marta-rosa

Von Abbiategrasso nach Gent mit Marta Rosa

Marta Rosa will so lange schlafen, bis die Blütenblätter wieder sanft auf ihre Haut regnen: Kann man angesichts des trüben Novemberwetters sehr gut verstehen, diesen Wunsch! Vielleicht sehnt sie sich im nebeligen Gent bisweilen auch nach ihrem italienischen Heimatstädtchen Abbiategrasso in der Nähe von Mailand, wer weiß? Dabei hat die junge Italienerin, die seit 2012 am Königlichen Konservatorium in Gent ihren Master im Fach Jazz Vocals macht, sehr viel Anlass, sich in der superlebendige Musikszene der flämischen Metropole wohlzufühlen: Denn hat sie viele unterschiedliche Musiker kennengelernt, darunter auch den Bassisten Nils Vermeulen, den Gitarristen Artan Buleshkaj and den Drummer Simon Raman. Gemeinsam bilden sie die Band Marta Rosa, die im Frühjahr ihr feines Debütalbum „Invertebrates“ vorgelegt haben. Die vier erkunden mit leichter Hand und sanfter Bittersüße die ewig aktuelle Frage, was die äußere Welt und die innere Welt verbindet. Wer nun klassischen Jazz erwartet, wird sich enttäuscht sehen: Marta Rosa zelebrieren feinen Nachdenklichkeitspop und streifen empfindsame Singer-Songwriter-Sounds. Liebäugeln mit dem Chanson, brechen überraschend in rockige Intermezzi aus und sind gerne auch mal übermütig und großäugig- naiv wie im kleinen Albumhöhepunkt „Shoes, Rocks And Boxes“. Wo sie sich einen Spaß daraus machen ihre Schuhe auf dem Kinderkarussel stehenzulassen, damit sich diese lustig weiterdrehen können. Marta Rosa liebt die präzise Improvisation und pflegt dabei eine zärtliche Lebensfreude. Das klingt mitunter wie klassische Joni-Mitchell-Schule, aber eben nur für Momente! Die junge Musikerin hat mit ihren drei Mitstreitern in Belgien in diesem Jahr erfolgreich an verschiedenen Nachwuchswettbewerben teilgenommen und ist unermüdlich in der Welt herumgstromert. Hat in Kathmandu Jazzvocals unterrichtet, in China zeitgenössischen Jazz studiert und in Brooklynn mit dem ekuadorianischen Gitarristen Luis Castro gearbeitet. Aber während all dieser Reisen ist sie die neugierige junge Frau geblieben, die sich mit weit offenen Augen durch die Welt bewegt und in Gent ihr künstlerisches Zuhause gefunden hat. Wer ausführlicher in ihre intelligenten und stillvergnügten Songs hineinhören will, kann dies bestens über die sehr empfehlenswerte flämische Site vi.be tun. Und den grauen November draußen vergessen!

 

(Foto Rachel Gruijters)

Vorübergehend farbenblind: Eyemèr

Wenn Sarah Devreese alias Eyemèr davon singt, dass sie den Glauben verliert und sich missverstanden fühlt, dann klingt das keineswegs larmoyant, sondern fragil und poetisch. Von Selbstmitleid keine Spur! Man spürt sofort: Die a0375622955_16junge Frau aus Gent ist auf der Suche nach den Zwischentönen. Die Dinge verlangsamen sich in diesen kleinen Songs im Lo-Fi-Modus. Durch diese scheinbar sanften Sounds wallen Nebel und wabern ferne Nachtmahre. Subtil beunruhigende Songs wie“Butterfly“ blicken vorsichtig Richtung Schauerballade. Unbedingt ist hier eine Prise Weird Pop involviert. Denn eine harmlose Klampferin ist Eyemèr mt Sicherheit nicht. Ein Strange Girl schon eher! Dem Debütalbum „Temporarily Colourblind“, das Mitte März beim Label Zeal Records März erschienen ist, kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen und sich dabei in zarte, graue Gegenwelten entführen lassen. Zur Veröffentlichung hat Eyemèr, die auf dem Erstling mit ungewöhnlichen Arrangements überrascht, ein Video zum Track „Promise“ vorgelegt, das auf eigenwillige Art verschwurbelt daherkommt. Die Dinge verschwimmen hier jedenfalls fast unmerklich. Den Reim auf die Dinge muss man sich hier schon selbst machen. Denn dieses Kunstmärchen ist jedenfalls nicht auf den ersten Blick zugänglich! Die Dinge in der Schwebe halten, das ist eine Kunst. Eyemèr beherrscht sie.

 

Jetzt sind wir mal ganz still, bitte: Astronaute

Jetzt, wo der Winter mit Macht zurückgekehrt ist, können wir doch nochmal innehalten und ganz still werden. Mit Astronaute etwa, den Singer-Songwritern aus Hasselt. Die Vier um Sängerin Myrthe Luyten legen in diesen Tagen ihr zweites Album „Petrichor“ vor. astronauteDas bezeichnet übrigens den Geruch von Regen, de auf trockene Erde fällt! Luyten, die auch bei den Limburger Americana-Spezialisten Mad About Mountains aktiv ist,  verfügt über ein unbestreitbares Alleinstellungsmerkmal: Ihre sehr tiefe, warme Stimme. Geschlechtergrenzen verschimmen hier, was angesichts Unaufgeregtheit dieser sanften Klänge subtil aufregend wirkt. Gitarre und Stimme stehen bei diesen sanft melancholischen, prärienahen Songs zwar im Mittelpunkt, aber Astronaute sind nicht nur die simplen Klampfer, sondern spannen etwa im Titelstück sanfte Electronic für ihre Zwecke ein. Neun Songs. Neun Momentaufnahmen, neun kleine, alltagsphilosophische Geschichte, im Lo-Fi-Modus. erzählt. Die Soundlandschaften mögen zwar karg sein, aber im Hintergrund flackert  ein warmes Feuerchen. Bei aller Introvertiertheit erlaubt sich die Chanteuse doch auch Momente des Glücks. „I feel fine“, heißt es im Titelstück. Dem Album kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen. Den eigenen Lieblingssong selbst aussuchen! Zum Track „Hours“ gibt ein stimmiges Video. Leider nur auf Youtube & der obgligarischen Ländersperre. Wie die zu umgehen ist, haben wir doch inzwischen alle gelent!

 

Mitternachtsschwimmen mit St. Grandson

Klassisches Songwritertum , das keinen Kniefall vor aktuellen Moden machen muss. Sich auf fast schon altmodische Tugenden besinnen: Kleine, klare Geschichten erzählen. Nicht zu dick auftragen. Wissen, dass weniger mehr ist. Und dann anfangen zu träumen, aber wie! Genau das tut St. Grandson! Hinter dem Projekt steckt der junge Musiker Benjamin Decloedt aus Gent. Der vorrangig mit Gitarre und Stimme auf den Fußspuren von Szenegrößen wie Bon Iver oder auch Simon & Garfunkel wandelt, aber in seine ruhigen Tracks eine gute Prise Pop-Sensibilität unterjubelt. Und der in seiner ersten Single „Midnight Swim“ feine Spannungsbögen aufbaut, die sich erst beim dritten Hören als komplexe Gebilde erweisen. Mitunter fühlt man sich hier auch an den färingischen Sänger Teitur und dessen lebhafte Ernsthaftigkeit erinnert. St. Grandson arbeitet, so weit ich das überblicke, derzeit an seinem Debütalbum. In seiner Heimat ist der Musiker zuletzt dadurch aufgefallen, dass er es unter die Finalisten des renommierten Nachwuchswettbewerbs De Nieuwe Lichting geschafft hat. Von diesem blassen Jungspund dürfte man noch hören!

Die vielleicht intensivste Einführung in das noch schmale Werk von St. Grandson bietet eine wunderbar atmosphärisch Live-Aufnahme des Tracks „I Swear, I Want“ in der lichten St. Jakobs-Kirche in Gent. Schön!