Schlaflos mit Ansatz Der Maschine

Dass das Deutsche im Ausland als coole Sprache gilt – man staunt noch immer. Ansatz Der Maschine hat sich bereits vor über zehn Jahren für den deutschen Bandnamen entschieden, als noch nicht alle Welt unbedingt im Prenzlauer Berg leben musste, um als cool zu gelten. Das Projekt um den Bratschisten und Komponisten Mathijs Bertel aus Kortrijk pflegt einen sehr sinnlichen, organischen Ansatz im Elektronikop. Fast schon meditativ! Live steht man mit bis zu acht Ensemblemitgliedern auf der Bühne, darunter Klavier, Geige, Cello, Saxophon, Flügelhorn und Tuba. Sehr kammermusikalische also! AnsatzNach längerer Auszeit melden sich Ansatz der Maschine jetzt mit dem neuen Longplayer „Tattooed Body Blues“ zurück, einem angenehm zurückgenommnen, gelassenen Album. Das in warme Töne getaucht ist. Bertel konnte hochkarätige Sängerinnen und Sänger zu Gastauftritten überzeugen, darunter Inne Eyersermans von Amatorski und Nathalie Delcroix von Eriksson Delcroix. Wie schön, dass Belgien so klein ist und die Wege so kurz sind! Das Herz im Sturm erobert der Gastsänger Arne Leurentop auf dem federleichten „Insomnia“, einem zärtlichen und sanft melancholischen Track, der sich keineswegs hinter dem Schaffen von The Notwist verstecken muss. Wunderbares Stückchen Indiertronica! Leurentop, ansonsten mit seinem Soloprojekt And They Spoke in Anthems unterwegs, verleiht dieser kleinen Hymne an die Schlaflosigkeit eine bittersüße Tiefe. „Insomnia“ läuft bei mir schon den ganzen Tag auf Wiederholung!

Löwen meets Reykjavík: Illuminine

Es hat ziemlich lange gedauert, bis sich Kevin Imbrechts getraut hat, eine Mail an Birgir Jón Birgisson zu schreiben. Birgisson ist nämlich der Toningenieur der isländischen Postrocker Sigur Rós und somit für den jungen Stubenhocker aus der Universitätsstadt Löwen ein absolutes Idol. Kevin Imbrechts, der unter dem Künstlernamen Illuminine antritt und sich in den lichten Weiten zwischen Post-Klassik, Ambient, Instrumentalmusik und Movie-Soundtrack bewegt, hätte sich viel schon viel eher einen Ruck geben sollen: Denn binnen Stundenfrist antwortete der Birgisson und wollte gerne mit dem völlig unbekannten Musiker aus dem fernen Belgien zusammenarbeiten! Der junge Mann reiste also für zwei Wochen nach Reykjavík, wo Birgisson den Songs des Illuminine-Debütalbums „#1“ im legendären Sundlaugin-Studio von Sigur Rós den letzten Schliff verlieh. So kann es gehen, wenn man sich endlich ein Herz fasst!

Dass Imbrechts alias Illuminine (benannt übrigens nach einem Thurston-Moore-Song!) ein nachtaktiver Künstler ist, mag man nach ausführlichem Hören dieser warmen, schwebenden und ätherischen Songs gerne glauben. Solche ruhigen, entrückten Töne zwischen Gitarre, Piano und sanften Electronica ersinnt man nicht inmitten des lärmigen Alltags! Die Tracks des Debütalbums überzeugen durch Verträumtheit, Präzision und meditative Romantik. 14 minimalistische Songs. Alles kleine Preziosen, die durch komplexe Stimmungswelten flanieren. Dabei auf jeden überflüssigen Ton verzichten und trotz der Jugend des Komponisten (Imbrechts ist Mitte 20) eine große Gelassenheit ausstrahlen. In Belgien spielt Illuminine aktuell als Support von Amatorski. Passt!

Der Song „Dualisms“ ist angenehm vertrackt und dennoch federleicht!

I Will, I Swear: Schlafen tun wir heute nicht

Diese schwebende Traumverlorenheit, diese taubengraue Zärtlichkeit scheint inzwischen fast zum Markenzeichen belgischer Popbands aus der Industriemetropole und Studentenhochburg Gent zu sein. Neben den wundervollen Amatorski gibt es auch das Duo I Will I Swear zu entdecken, die den Flüsterpop auf hohem Niveau pflegen. Im Mittelpunkt steht die zarte, ausdrucksstarke Stimme von Sängerin Fien Deman, wunderbar einfühlsam unterstützt von Jonathan Van Landeghem. Es sind nachtblaue Töne, die sich um zerbrochene Dinge schmiegen und sie allein mit Wärme und Emotionalität heilen wollen. Wobei gebrochene Herzen ausdrücklich zu den beschädigten Dingen gehören. Es sind minimale, verlangsamte Tracks, welche die Nachdenklichkeit zur Kunstform erheben. man erlaubt es sich im wunderbaren Track „Sleep“ kurzzeitig sogar, in heftige Emotionen auszubrechen. Was dann ungeheuer ans Herz geht. Das Duo selbst bezeichnet den eigenen Musikstil als „delicate tunes drenched in gloom with vocals that will leave anyone silent“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die erste EP von I Will I Swear soll noch in diesem Jahr herauskommen.

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Aus der Gnade fallen mit Ozark Henry

Was hat die Schlacht an der Yser mit belgischer Popmusik zu tun? Eine ganze Menge! Denn in diesem Oktober jährt sich zum hundertsten Mal der Tag, an dem die belgischen Verteidiger die Seeschleusen von Nieuwpoort öffneten, den umkämpften Landstrich damit unter Wasser setzten und somit den Vormarsch der deutschen Truppen zur Kanalküste in Westflandern erfolgreich stoppten. Besonders stark unter den Kämpfen litt eben das Städtchen Nieuwpoort. Und damit endet der Ausflug in die Militärgeschichte schon fast. Morgen findet in Nieuwpoort ein ganz besonderes Konzert zur Erinnerung an diese Ereignisse statt, wo unter anderem die wundervoll schüchternen Amatorski aus Gent spielen, die eigens zu diesem Anlass einen neuen Track komponierten und zur Inspiration das Flanders Fields Museum besuchten.

Aber außer Amatorski treten an diesem Abend eben noch andere Musiker in Nieuwpoort auf. Und beim Hereinhören bin ich bei Ozark Henry hängengeblieben, länger sogar. Denn bei Ozark Henry handelt es sich nicht, wie es der Name vermuten lassen würde, um einen waldschratigen Hillbilly mit Klampfe. Ozark Henry ist der Künstlername des Musikers Piet Goddaer, der sich in den Gefilden des elaborierten, schwärmerischen Pop tummelt und in Belgien ein etablierter Künstler ist. Sein Markenzeichen ist die fast schon eigentümlich zu nennende, mitunter leicht windschiefe Stimme. Ozark Henry singt über unheilbare Romantiker mit ebenso großer Überzeugung wie über den Zustand des Aus-der-Gnade-Fallens. Und kommt im Soundgarden-Cover „Black Hole Sun“ auf die unerwartete Idee, diesen Grunge-Klassiker als klassisches Crooner-Material umzudeuten. Rocken kann der Querkopf mit dem sympathisch unordentlichen Schopf übrigens auch! Am meisten gefallen aber tut beim ausgedehnten Besuch auf der Soundcloud-Seite des Meisters das zurückgenommene Pianostück „Grace“. Durchaus denkbar, das er dieses morgen auf der Bühne in Nieuwpoort spielt!

 

Float Fall: Irgendwann wirst du wieder lächeln

Es wird zwar eine Weile dauern, aber irgendwann wirst du auch wieder lächeln. Wenn du dich endich emotional davon erholt hast, dass wir uns getrennt haben. Eigentlich geht es im Song „Someday“ um schmerzhafte Gefühle. Aber weil Float Fall aus Leuven diese Erfahrungen auf solch bittersüße Weise beschreiben, entsteht dadurch doch eine kleine Liebesgeschichte in Moll. Rozanne Descheemaeker und Ruben Lefever bescheren der Melancholie hier eine sanfte Luftigkeit, so dass erdenschwere Depressionen erst gar nicht aufkommen wollen. Dem Duo aus der flandrischen Universitätsstadt sind alle hektischen Töne fremd, ähnlich übrigens wie ihren wunderbaren Landsleuten Amatorski. Die Entdeckung der kunstvollen Verlangsamung: Hier wird sie zelebriert, unter tätiger Mithilfe sparsam eingesetzter Electronics und gefühlvoller Synthies. Die Hauptrolle spielen die beiden Stimmen, die sich samtpfötig umgarnen wie verliebtes Katzenvolk.

Auch mit der Veröffentlichung eines Albums lassen sich die Belgier Zeit, denn außer „Someday“ liegt noch kein weiterer Track vor. Dafür hat man aber im Frühjahr bereits beim SXSW in Austin gespielt. Und, Trommelwirbel, morgen auch beim Reeperbahn Festival in Hamburg. Unglücklicherweise ausgerechnet fast zeitgleich mit den famosen Landsleuten Douglas Firs! Da fällt die Entscheidung schwer, wo ich hingehen soll…