Im Schatten der Sterne: Hydrogen Sea. Belgium Booms At Eurosonic!

Wie bringt man laut schwatzendes Kaffeehaus-Publikum dazu, still zu sein und aufmerksam zu lauschen? Und kaum zu wagen, den Teelöffel in der Tasse umzudrehen, um den Zucker einzurühren? Ganz einfach: Durch anmutige, fast schon schüchterne weibliche Vocals. Von einer Sängerin, deren Gesicht nur aus großen braunen Augen zu bestehen scheint. Birsen Uçar, die Stimme von Hydrogen Sea aus Brüssel, braucht an diesem Nachmittag in der Coffee Company in der Groninger Innenstadt nicht viel, um in den Bann zu ziehen: Sie erzählt kleine Geschichten, die so sanft schweben wie Herbstlaub, das dekorativ zu Boden sinkt. Beim Eurosonic Festival in der nordniederländischen Metropole Groningen finden erfreulicherweise kleine Nachmittagskonzerte im Plattenladen und eben im Kaffeehaus statt, wo man in improvisiertem Rahmen lauschen kann, dicht an dicht gedrängt. Birsen Uçar gibt an diesem hellen Wintertag die fast noch adolszente Chansonnière, die sich auf Reisen ins elektronische Wunderland macht. Für die Dynamik bei diesem Duo ist das Synthie-Zauberer PJ Seaux zuständig, der als sympathisch-manisches Rumpelstilzchen den elektronischen Gerätschaften aktiv ist, aber auch an der Gitarre eine gute Figur abgibt. Von diesem Mann geht eine Energie aus, die fast schon greifbar pulsiert! So entsteht ein charmanter Gegensatz zwischen Hyperaktivität und Verlangsamung. Und wunderbarerweise funktioniert diese Mischung live hervorragend! Hydrogen Sea müssen mit ihrem traumverlorenen, geheimnisvollen und eleganten Elektropop nicht markig auftrumpen, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Und sind im Übrigen eine dieser belgischen Bands, die über eine unbestreitbare Seelenverwandtschaft mit verscheurbeltem isländischem Elfenpop verfügen! Beim Track “Voyager” jedenfalls dürfte das ganze Café andachtsvoll die Luft angehalten haben!

Die Welt vergessen mit Hydrogen Sea

Die schnöde Welt mit ihren Zwängen außen vor lassen und lieber an eisigen Winternächten in den kalt glitzernden Sternenhimmel schauen. Oder an warmen Sommerabend gen flirrende Milchstraße blicken. So könnte der kreative Schaffensprozess von Hydrogen Sea aus Brüssel beginnen. Die Stimme von Sängerin Birsen Uçar schwebt wie ein blasser, abnehmender Mond über feinen elektronischen Soundlandsschaften, die der Multiinstrumentalist PJ Seaux entwirft. Weniger ist hier unbedingt mehr. Hydrogen Sea lieben die Welt der Zwischentöne und der feinen Andeutungen. Bewegen sich irgendwo zwischen Dreampop, sensiblen Electronica und Flüsterpop. Als Brüder und Schwestern im Geiste lächeln The XX, Beach House oder Massive Attack über diesen zerbrechlichen, nächtlich verlangsamten Tönen. Und das man jüngst den Song „Wandering Star“ von Portishead coverte, passt genau ins Bild. Man könnte das belgische Duo mit seinem Faible für leicht verschwurbelte Elfentöne übrigens auch im nebelverhangenen Island verorten, denn Sóley oder Emiliana Torrini würden als gute Feen an der Wiege dieser jungen Band ein stimmiges Bild abgeben.

Die krausen Gedanken schweifen lassen kann so sinnlich und geheimnisvoll klingen! In der Großstadt Brüssel fühlen sich Hydrogen Sea am rechten Ort – da keiner diese quirlige, widersprüchliche und trotzdem offene Stadt richtig versteht (sie selbst eingeschlossen), entsteht eine besondere Atmopshäre eigentümlicher Schönheit, welche die eigene Kreativität befeuert. Flüchtig bleiben wie das Wasser – für Hydrogen Sea ein anstrebenswerter Zustand. Das Duo hat bislang die sehr feine EP “Court the Dark” vorgelegt und werkelt eifrig an neuem Material. Ich poste hier ausnahmsweise gleich zwei Songs, da sie gleichermaßen gut gefallen: Das scheinbar naive, märchenhafte, mädchenhafte „Leave A Mark“ mit seinen dunklen Untertönen und das melancholisch-weltvergessene und sehr winterliche „End Up“.