Ivy Falls: Fien Deman springt ins Unbekannte

Die Stimme von Fien Deman ist unverwechselbar. Wer sie als Sängerin der Genter Dreampopster I Will, I Swear erlebt hat, wird sie so schnell nicht vergessen. In Erinnerung geblieben ist der erste Deutschland-Auftritt des schüchternen Quartetts beim Golden Leaves Festival in Darmstadt, als mit der zarten Traumverlorenheit dieser Songs mitten am Nachmittag bereits eine zartblaue Dämmerung hereinbrach. Von I Will, I Swear hat man seit geraumer Zeit keine neuen Töne mehr gehört. Vielleicht das auch ein Grund, warum die Sängerin jetzt in neue Gefilde aufbricht?

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Fien Deman will über den gehobenen Flüsterpop hinausgehen und hat ihr Soloprojekt gegründet, bei dem es mehr in Richtung reduzierten Elektronikpop geht, zu dem man verlangsamt tanzen kann. Ivy Falls heißt diese musikalische Neuorientierung. Es ist sind verschattete Pastellsounds, die Fien Deman hier pflegt. Sehr elegante, zart angejazzte, leicht chansoneske Töne, denen man in den Stunden zwischen Tag und Traum bestens lauschen kann. Geheimnisvoll und erwachsen kommt die Stimme der Sängerin heute daher. Nur noch ein Hauch Schüchternheit ist geblieben. Fien Deman strebt dazu eher auf den mitternächtlichen Dancefloor als ins stille Kämmerlein für Solo-Träumer. Eine Konstante gibt es aber: Die zarte, schwebende Melancholie ist geblieben, wie auf dem einzig bislang vorliegenden Track „Silver“ deutlich zu hören ist. Musikalische Unterstützung hat sich die Chanteuse bei Mitgliedern von  Sleepers´Reign und Tsar B geholt. Die Debüt-EP von Ivy Falls soll in naher Zukunft herauskommen und den schönen Titel „Mean Girls“ tragen. Klingt so gar nicht mädchenhaft!

(Foto: ©Alexander Popelier)

Aus einer grauen Stadt: Sperwer

Kortrijk ist eine hässliche Stadt. Denkt man, wenn man mit dem Zug in die nordflandrische Großgemeinde hereinfährt. Es ist nicht weit nach Ypern, wo eines der schlimmsten Gemetzel des ersten Weltkrieges stattfand. Wer zufällig in Ypern  vorbeikommen sollte, dem sei die sehr feine Dauer-Ausstellung In Flanders Fields empfohlen, die sich erfreulicherweise um eine ausgewogene Darstellung des grauenhaften Geschehens bemüht. Kortrijk selbsz hat 1917, 1940 und 1944 sehr gelitten. Zu dumm, dass Belgien strategisch ungünstig in Europas Mitte liegt und alle Nachbarn immerfort durchmarschieren müssen! Natürlich ist Kortrijk gar nicht so unansehnlich. Aber dass schwerelose Schwärmer wie SperwerSperwer aus dieser auf den ersten Blick sehr grauen Stadt kommen können, erstaunt dann doch etwas. Egal, die Smiths stammen ja auch aus Manchester! Beide Städte waren übrigens zu Zeiten der Industrialisierung große Textilmetropolen! Und auch stimmlich erinnert der Sperwer-Sänger Olivier Dumont an den ganz jungen Morrissey. Und seinen Hang zum gepflegten Leiden. Das Trio empfiehlt sich auch dadurch, dass es aus dem Umfeld der von mir sehr geschätzten Dreampopsters I Will I Swear kommt. Viel vorzuweisen haben die drei Youngsters noch nicht, aber die vier Tracks unfassende erste EP ist angenehm  traumverloren ausgefallen und überzeugt mit einer filigranen Mischung aus Shoegaze, Indie- und Depri-Pop und angenehm hallenden Gitarren. Besonders gefallen tut das melancholische, sehnsüchtige „Hier“, das trotz aller Gedankenschwere sehr leicht daherkommt. Aber auch das poppigere „Regen“ mit der stimmigen Percussion überzeugt und hat vielleicht die stärksten Smiths-Anklänge hier.Wer mag, kann dazu nachdenklich über die trügerisch grünen flandrischen Felder schauen, unter denen Hunderttausende liegen, die wegen ein paar Metern „Frontverschiebung“ gestorben sind.

Foto: Clara Hassens

I Will, I Swear: Schlafen tun wir heute nicht

Diese schwebende Traumverlorenheit, diese taubengraue Zärtlichkeit scheint inzwischen fast zum Markenzeichen belgischer Popbands aus der Industriemetropole und Studentenhochburg Gent zu sein. Neben den wundervollen Amatorski gibt es auch das Duo I Will I Swear zu entdecken, die den Flüsterpop auf hohem Niveau pflegen. Im Mittelpunkt steht die zarte, ausdrucksstarke Stimme von Sängerin Fien Deman, wunderbar einfühlsam unterstützt von Jonathan Van Landeghem. Es sind nachtblaue Töne, die sich um zerbrochene Dinge schmiegen und sie allein mit Wärme und Emotionalität heilen wollen. Wobei gebrochene Herzen ausdrücklich zu den beschädigten Dingen gehören. Es sind minimale, verlangsamte Tracks, welche die Nachdenklichkeit zur Kunstform erheben. man erlaubt es sich im wunderbaren Track „Sleep“ kurzzeitig sogar, in heftige Emotionen auszubrechen. Was dann ungeheuer ans Herz geht. Das Duo selbst bezeichnet den eigenen Musikstil als „delicate tunes drenched in gloom with vocals that will leave anyone silent“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die erste EP von I Will I Swear soll noch in diesem Jahr herauskommen.