Isländischer gehts nimmer, Oaktree! Belgium Booms At Eurosonic

Wie schön, sich überraschen zu lassen! Wenn ich mir vor dem Oaktree-Gig auf dem Eurosonic Festival 2016 im niederländischen Groningen etwas vorgestellt hatte, dann einen blassen Nerd hinter hoch aufgetürmten elektronischen Gerätschaften. Nur um im abgelegensten Veranstaltungsort von allen, dem Het Palais, weit vom Stadtzentrum entfernt, fast offenen Mundes zu gaffen: Da steht ja eine riesige Harfe auf der Bühne! Da liegt eine Violine! Und dort eine Oboe! Und ist das nicht ein E-Piano? Live lässt sich Adriaan de Roover alias Oaktree aus Antwerpen von vier Mitmusikern unterstützen, die offenkundig alle klassisch ausgebildet sind, aber ein Hang zum elektronischen Experimentieren haben. Die Oboistin singt zwischendurch himmlisch verhuschte Vocals. Und die Harfe, die Harfe: Warum spielt die auf den weiten musikalischen Weiden zwischen Neo-Klassik, Minimal Beats, gefühligen Techno-Einflüssen und sphärischer Filmmusik keine größere Rolle?, fragt man sich staunend. Man schaut sich in dem nüchternen Veranstaltungsraum um und meint fast, dass es einem unversehens nach Island verschlagen hat: Denn in einen gemeinsamen Konzertabend mit Sóley, Ólafur Arnalds und Samaris würde Oaktree bestens hereinpassen! Adrian de Roover, der mit seinen wallenden dunklen Locken so aussieht wie ein junger präraffaelitischer Ritter, entwirft an diesem Abend eine in warmen Tönen funkelnde, postromantische Welt fern allen Kitsches. Leise beunruhigende elektronische Zwischentöne irrlichtern durch diese schlaue, märchenhafte Welt. Oaktree legt in Bälde seine zweite EP vor. Der feine Track “Encounter” ist ein Vorbote und weckt mit ihren Piano- und Violinentönen Erinnerungen an einen magisch verträumten Abend in Groningen! Belgium booms at Eurosonic, das war wundervoll!

Melancholischer Müßiggang mit Avondlicht

Ein kleiner Geheimniskrämer ist er schon, der Herr Avondlicht aus Antwerpen. Genauere Infos zu Name und Vita muss man in mühseliger Kleinarbeit aus den Tiefen des Netzes herausfischen. Also! Mastermind hinter dem One-Man-Electronica-Projekt ist Matthias Dziwak aus der Hafenstadt, in der man so schön Schiffe gucken kann und überdies noch versteht, dass sich die Globalisierung zu nicht geringen Teilen über Containerschiffe vollzieht. Matthias Dziwak hat in der Vergangenheit bislang als musikalischer Duo-Partner von Oaktree auf sich aufmerksam gemacht, einem ebenfalls in Antwerpen beheimateten Elektronikfrickler. Während Oaktree sich eher an den experimentellen Seitenrändern des Genres bewegt, steht Avondlicht in der postromantischen Tradition und pflegt die Kunst des melancholischen Müßiggangs. Hier schwärmen die Streicher so beseelt, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Avondlicht hat seine Kapuze tief über den Kopf gezogen und schaut nach unten. Innerlichkeit in ihrer modernen Form also! Die Debütsingle “Embrace” ist ein kleines instrumentales Glanzstückchen, das die Tugenden des eleganten Müßiggangs hochhält. Dazu lässt sich bestens nachdenklich im sanften Abendlicht schlendern. Und die Seele schmerzt  höchst angenehm. “Embrace” ist der erste Vorbote der EP “Blossom”, die demnächst erscheinen soll. Und vielleicht sollte die britische Elektronica-Szene um Mount Kimbie ernsthaft zur Kenntnis nehmen, dass sich die Antwerpener Szene mit ihren atmosphärischen Beats so langsam zur ernsthaften Konkurrenz mausert!

Elegante Frickeleien sind das, Herr Oaktree!

Schlaumeier sind nicht zwingend schlampige, ungelenke Nerds. Nein, nichts da, es gibt durchaus elegante Zeitgenossen unter den Grüblern und Tüftlern. Zu diesen gehört unbedingt Adriaan de Roover alias Oaktree aus Antwerpern, der kürzlich seine EP „Chapters“ vorgelegt hat und sich dort an den experimentellen Seitenrändern der elektronischen Musik auslebt. Dort also, wo die Dinge leicht unheimlich werden und sich schwarz-weiße Gewissheiten in viele Grautöne auflösen. Stimmungen kann man auch ohne den Einsatz von Sprache erzeugen – ein Faktum, das allzu leicht in Vergessenheit gerät. Drum-Loops halten mit verschwörerischen Synthies Händchen, ferne Kunstfeen säuseln – aber von heiler Welt ist hier nichts zu spüren. Eher dominiert in Tracks wie im feinen „La Fin“ eine müßigggehende Nachdenklichkeit, die zwischendurch kleine Euphorien auslöst. Mittels verfremdeter Harfe und verirrtem Piano schielt der junge Herr merklich zurück Richtung Romantik, in der die Suche nach nicht zu benennenden Dingen die Kraft war, welche diese Seelenschwärmer antrieb. Und wie es sein soll, lauert eine leise Bedrohung hinter all diesen künstlichen Sphärenklängen.