Die Farbe von Schnee: Pieter Vermeyen

Im regnerischen Flandern mit seinen grauen Himmeln, denen Jacques Brel mit seinem Klassiker „Le Plat Pays“ ein Denkmal gesetzt hat, über den Schnee nachdenken. Genauer gesagt: Über die verschiedenen Formen und Farben von Schnee. Das tut der junge Antwerpener Sound-Tüftler Pieter Vermeyen auf seiner EP „Inuit“. Die Inuit, also die Bewohner von Grönland, besitzen mehr als 20 verschiedene Ausdrücke für Schnee. inuitVermeyen hat sich vier davon ausgesucht. Bewegt sich mit diesen ausufernden, fein nachdenklichen Tracks zwischen Neo-Klassik, Filmmusik, Ambient und Postrock. Um nur einige Einflüsse zu nennen. Es knuspert und knispelt hier, und ein romantisches Piano wagt mit vielen elektronischen Helferlein den Sprung ins 21. Jahrhundert. Klar, dass Vorbilder wie Ólafur Arnalds, Nils Frahm und Ludovico Einaudi hier nicht fern sind. Die Dinge entschleunigen sich in diesen vier verträumten, meist instrumental eingespielten Tracks auf wunderbar entspannte Weise. Diese sorgsam dahingetupften Töne sind traumtänzerisch und meditativ zugleich. Bringen Ruhe in eine hochnervöse Welt. Im Interview mit Middle Tennessee Music gibt der junge Musiker ausführlich Auskunft über den Entstehungsprozess des Albums. „The genre of Inuit  is like my biography: a summary of all my past and current musical fascinations“, sagt Pieter Vermeyen darin. Schön! Ich schreibe übrigens auch deshalb über Vermeyen,  weil er mich so höflich, freundlich und bescheiden kontaktierte. Jawohl, Bescheidenheit, eine heutzutage fast vergessene Tugend. In einer angeberischen, marktschreierischen, grellbunten Welt ist sie eine kleine Kostbarkeit. Besonders gefallen tut auf „Inuit“ übrigens der Track „Skriniya“: Das ist übrigens der Schnee, der den Boden niemals erreicht.

Isländischer gehts nimmer, Oaktree! Belgium Booms At Eurosonic

Wie schön, sich überraschen zu lassen! Wenn ich mir vor dem Oaktree-Gig auf dem Eurosonic Festival 2016 im niederländischen Groningen etwas vorgestellt hatte, dann einen blassen Nerd hinter hoch aufgetürmten elektronischen Gerätschaften. Nur um im abgelegensten Veranstaltungsort von allen, dem Het Palais, weit vom Stadtzentrum entfernt, fast offenen Mundes zu gaffen: Da steht ja eine riesige Harfe auf der Bühne! Da liegt eine Violine! Und dort eine Oboe! Und ist das nicht ein E-Piano? Live lässt sich Adriaan de Roover alias Oaktree aus Antwerpen von vier Mitmusikern unterstützen, die offenkundig alle klassisch ausgebildet sind, aber ein Hang zum elektronischen Experimentieren haben. Die Oboistin singt zwischendurch himmlisch verhuschte Vocals. Und die Harfe, die Harfe: Warum spielt die auf den weiten musikalischen Weiden zwischen Neo-Klassik, Minimal Beats, gefühligen Techno-Einflüssen und sphärischer Filmmusik keine größere Rolle?, fragt man sich staunend. Man schaut sich in dem nüchternen Veranstaltungsraum um und meint fast, dass es einem unversehens nach Island verschlagen hat: Denn in einen gemeinsamen Konzertabend mit Sóley, Ólafur Arnalds und Samaris würde Oaktree bestens hereinpassen! Adrian de Roover, der mit seinen wallenden dunklen Locken so aussieht wie ein junger präraffaelitischer Ritter, entwirft an diesem Abend eine in warmen Tönen funkelnde, postromantische Welt fern allen Kitsches. Leise beunruhigende elektronische Zwischentöne irrlichtern durch diese schlaue, märchenhafte Welt. Oaktree legt in Bälde seine zweite EP vor. Der feine Track “Encounter” ist ein Vorbote und weckt mit ihren Piano- und Violinentönen Erinnerungen an einen magisch verträumten Abend in Groningen! Belgium booms at Eurosonic, das war wundervoll!