Belgium Booms at Eurosonic!

Mit Festivals ist das immer so eine Sache: Man kommt zurück und schnappt erstmal nach Luft. Kopf und Ohren sind gehörig durchgewirbelt! Das Eurosonic Festival in niederländischen Groningen ist Anfang des Jahres immer die Veranstaltung, auf der man sich einen guten Überblick über die Newcomer verschaffen kann. Und sich mit denen freuen kann, die im vergangenen Jahr den Durchbruch geschafft haben! Unter den diesjährigen Gewinnern des European Border Breaker Awards ist 2015 auch eine belgische Musikerin: Die wunderbare Mélanie de Biasio, die es bei ihrem Konzert fertigbringt, das notorisch feierfreudige Publikum in Groningen in aufmerksam lauschende Zuhörer zu verwandeln. Die Sängerin und Flötistin zelebiert mit ihrer ebenso minimalistischen wie intensiven Mélange aus Jazz, Soul und Blues die Entdeckung der eleganten Verlangsamung. Hier sitzt jeder Ton! Und was für eine Freude es ist, die bestens aufgelegte Band beim Improvisieren zu beobachten!

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Gar nicht so weit entfernt bewegen sich Little Dots aus Gent, die einen reduzierten Akustik-Pop an der grünen Grenze zum klassischen Chanson pflegen. Kammerpop trifft es nicht, was das Trio um Sängerin Sophia Ammann hier darbietet – es ist eher Lounge-Pop mit entschieden bescheidener Note. Man erzählt kleine blaue Geschichten voller sanfter Nachdenklichkeit. Bloß nicht zu dick auftragen! Beim improvisierten Gig in einem Café in der Groninger Innenstadt zeigen sich Little Dots angenehm schüchtern und bringen es dennoch fertig, dass keiner zu laut in seinem Capuccino rührt. Die Band selbst nennt Feist, die Beatles und Portishead als maßgebliche Einflüsse – aber fügt eine sehr heimelige, verspielte Atmosphäre hinzu. Das sind animierte Töne für Dämmerstunden, wenn die Augen langsam müde werden!

Manchmal mag man Bands, auch wenn man sie noch nie live gesehen hat. Aber dann stehen sie auf der Bühne und überwältigen einem mit leidenschaftlicher Merkwürdigkeit. Robbing Millions sind eine dieser Bands, bei denen man erst mal nach Vokabeln suchen muss, um diese eigentümlichen Töne zu beschreiben: Psychedelisch, weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt,  unberechenbar! Auf der Bühne jedenfalls bersten diese Brüsseler Jungspunde mit den grauseligsten Frisuren des Abends jedenfalls vor Energie und geben die Rumpelstilzchen, die jede gesittete Party mit rotzfrecher Spielfreude aufmischen. Die Band um Sänger Lucien Fraipont strahlt dabei eine ungeheuere Lebensfreude aus, die einem sehr zu Kopfe steigen kann. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern? Völlig falsche Pädagogik! Man würde sich gleichermaßen wundern wie freuen, wenn diese anarchischen, superlebendigen Newcomer im kommenden Jahr unter den prämierten „interessantesten europäischen Bands“ wären!

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Von angemehmer Selbstironie sind übrigens auch die Kumpels von Mountain Bike. Denn sich in Unterhosen, knallbunten Baseball-Hemden und der aparten Kombination Tennissocken und Turnschuhen auf die Bühne zu stellen, das zeugt doch von einem eigentümlichen Humorverständnis. Die Vier aus Brüssel spielen einen schlunzigen, respektlosen Garagenrock, der noch an die Mär glaubt, dass man mit Esso einen Tiger im Tank hat. Und kombinieren diese Slacker-Attitüde mit wunderbar poppigen Harmoniegesängen, die so süß daherkommen können wie Marzipan auf der Hochzeitstorte. Der Sänger mit dem schönen Namen Kinkle sieht aus wie der belgische Enkel von Gordon Gano und hat ein Dauergrinsen auf dem Gesicht, das so echt ist, dass man einfach mitlächeln muss. Die Grenzen des guten Geschmacks sind diesen Vieren reichlich egal. Beschreiben sie den eigenen Stil doch als „dreckigen Pop für psychotische Kinder“. Das  Paradies ist für diese vier Szene-Veteranen jedenfalls ein höchst grauseliger Platz, an dem man die letzten Illusionen verliert. Lieber schön im Hier und Jetzt den Langweilern den Stinkefinger zeigen! Den größeren Spaß hat man ohnehin! Der Saal in Groningen jedenfalls tanzt begeistert mit!

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Robbing Millions: Hier zieht ein Sturm auf

Dass sie ihre Instrumente virtuos beherrschen, wollen Robbing Millions lieber nicht zu sehr an die große Glocke hängen. Stattdessen demonstrieren sie vordergründig eine straßenköterstruppige Indierock-Attitüde, nuscheln ins Mikrophon und tun alles dafür, damit sie im Gesamtbild so verwaschen aussehen wie Curt Cobains legendärer rot-schwarz-gestreifter Ringelpulli. Die Fünf aus Brüssel um den Gitarristen Lucien Fraipont veröffentlichen dieser Tage ihre erste EP „Ages And Sun“ und entern die Szene als eigenwillige Grenzgänger zwischen Rock, Pop und uuups: Psychedelik! Angejazztem! Dahingefolktem! Lassen die Klampfen lärmen, aber entwerfen dabei vielschichtige Sounds, die erfreulicherweise nirgendwo richtig heimisch werden wollen. Irgendwie wird man hier das Gefühl nicht los, dass diese Jungspunde am liebsten Anfang der 70er in irgendwelchen Kneipenhinterzimmern den lieben langen Tag nur mit befreundeten Musikern gejammt hätten. Und den Absinth dabei nur so weit als Stimulanz verwendet hätten, wie dieser der Steigerung der Kreativität zuträglich wäre.

Die Lust am Improvisieren ist diesen Nachwuchskräften anzuhören. Lebendigsein heißt für diese Jungs, dass Präzision und Schlunzigkeit sich keinesfalls als Feinde gegenüberstehen, sondern sich im idealen Fall wunderbar ergänzen. Robbing Millions lassen in entspannt verschachtelten Tracks wie „Ritualistic“ einen Sturm aufziehen, der uns die Ohren durchpustet. Sind souverän entspannt dabei, ohne an Spannung zu verlieren. Hier muss man intensiv zuhören, um alle Zwischentöne mitzubekommen. Robbing Millions denken laut nach. Und machen aus ihren vertrackten Gedankenflügen schlaue Songs, die Haken schlagen wie die Feldhasen. Klar, man schaut in erzcoolen Tracks wie „Kitchen Girls“ in Zeiten zurück, als das rhytmische Schwingenlassen langer Haare noch als Zeichen der Revolte galt. Aber man fügt die Kunst der präzisen Träumerei hinzu. Hohe Disziplin mit entspannter Verspieltheit verbinden, das soll gehen? Aber ja doch!

Der EP „Ages And Sun“ kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen. Was unbedingt zu empfehlen ist! Vor meinen Fenstern ist der Nebel gerade so dick, dass man ihn mit Kuchengabeln schneiden könnte. Es ist November. Vielleicht die beste Zeit, um Robbing Millions zu lauschen und in diesen Tracks immer wieder neue Facetten zu entdecken!

 

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