Die Welt steht still mit Jan Swerts

Den besten Start ins neue Jahr bietet im neuen Jahr stets das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen in der zweiten Januarwoch. Natürlich fahre ich hin, ich rieche schon die Waffeln und den Fisch auf dem Marktplatz! Jede Menge europäische Newcomer und natürlich auch viel versprechende Newcomer aus dem Nachbarland Belgien sind vertreten, die sich in Groningen unter der Flagge Belgium Booms At Eurosonic versammeln. Ganz besonders freue ich mich auf Warhaus und auf Tsar B. Und auf Jan Swerts!

Denn jaaanJan Swerts, der Minimalistik-Popster aus dem Örtchen Sint-Truiden, versteht es auf wunderbare Weise, die laute Welt zum Stillstand zu bringen. Swerts ist der Mann, der Trost in der Melancholie findet. Der Musiker bewegt sich zwischen Neoklassik, reduzierter Filmmusik und erhabenem Postrock. Dass Herr Swerts stimmlich nicht wenig an Sigur-Rós-Sänger Jónsi erinnert, das lässt die isländischen Assoziationen fliegen! Der Mann am Piano hat kürzlich sein drittes Album „Schaduwland“ (Shadowland) vorgelegt, das er als „den verzweifelten Soundtrack einer zombiefizierten Existenz“ bezeichnet, nachdem ihm das Schicksal im Jahr 2014 mehrere üble Tiefschläge verpasste. Krankheit, Tod der Mutter,Einsamkeit. Aber keine Angst: Das ist sind wahrlich keine Depri-Sounds, die Swerts hier vorlegt, sondern feinfühlige Miniaturen, die den Schmerz auf zärtliche Weise sublimieren. Zu diesen dunkelblauen Tönen mag man traumverloren die Augen schließen! Und es passt natürlich bestens, dass der Musiker sein Album in Groningen in der wunderbaren Kathedrale vorstellt, der AA Kerk. Wo immer die andächtigste Atmosphäre auf dem Festival herrscht, aber die geschäftstüchtigen Holländer gerne ein Glas Wein verkaufen, an dem man sich zu feierlichen Tönen festhalten kann. Das stimmungsvolle Live-Video von Sverts im legendären Club Ancienne Belgique in Brüssel steigert die Vorfreude! Zu den schönsten Tracks gehört das streicherumschmeichelte „Kijk, Jessica, kijk naar al die lege wegen“.

 

 

Löwen meets Reykjavík: Illuminine

Es hat ziemlich lange gedauert, bis sich Kevin Imbrechts getraut hat, eine Mail an Birgir Jón Birgisson zu schreiben. Birgisson ist nämlich der Toningenieur der isländischen Postrocker Sigur Rós und somit für den jungen Stubenhocker aus der Universitätsstadt Löwen ein absolutes Idol. Kevin Imbrechts, der unter dem Künstlernamen Illuminine antritt und sich in den lichten Weiten zwischen Post-Klassik, Ambient, Instrumentalmusik und Movie-Soundtrack bewegt, hätte sich viel schon viel eher einen Ruck geben sollen: Denn binnen Stundenfrist antwortete der Birgisson und wollte gerne mit dem völlig unbekannten Musiker aus dem fernen Belgien zusammenarbeiten! Der junge Mann reiste also für zwei Wochen nach Reykjavík, wo Birgisson den Songs des Illuminine-Debütalbums „#1“ im legendären Sundlaugin-Studio von Sigur Rós den letzten Schliff verlieh. So kann es gehen, wenn man sich endlich ein Herz fasst!

Dass Imbrechts alias Illuminine (benannt übrigens nach einem Thurston-Moore-Song!) ein nachtaktiver Künstler ist, mag man nach ausführlichem Hören dieser warmen, schwebenden und ätherischen Songs gerne glauben. Solche ruhigen, entrückten Töne zwischen Gitarre, Piano und sanften Electronica ersinnt man nicht inmitten des lärmigen Alltags! Die Tracks des Debütalbums überzeugen durch Verträumtheit, Präzision und meditative Romantik. 14 minimalistische Songs. Alles kleine Preziosen, die durch komplexe Stimmungswelten flanieren. Dabei auf jeden überflüssigen Ton verzichten und trotz der Jugend des Komponisten (Imbrechts ist Mitte 20) eine große Gelassenheit ausstrahlen. In Belgien spielt Illuminine aktuell als Support von Amatorski. Passt!

Der Song „Dualisms“ ist angenehm vertrackt und dennoch federleicht!

Spröde Schönheit mit Benoît Lizen

Eine Sache haben der junge wallonische Singer-Songwriter Benoît Lizen und die isländischen Postrocker Sigur Rós gemeinsam: Beide singen in einer Phantasiesprache. Während die ungleich bekannteren Isländer ihr Idiom „Hopelandish“ nennen (und böse Zungen behaupten, es handele es sich bloß um eine leicht verfremdete Form ihrer Muttersprache, die sowieso nur knapp 300.000 Menschen weltweit geläufig ist!), hat der belgische Musiker keinen intellektuellen Überbau errichtet. Seine Phantasiesprache ist einfach nur da. Punkt.

Glaubt man den spärlichen Informationen, die im Internet über den blassen Jungmann bekannt sind, dann ist er Autodiktat und Eigenbrötler. Der seinen Stil irgendwo zwischen Folk und Blues ansiedeln will. Wir merken schon: Es geht hier um Reduziertheit aufs Wesentliche. Und um eine bewusste Zartheit und um den behutsamen Umgang mit Dingen. Im einzig vorhandenen Video des bislang sehr schmalen Lizen-Oeuvres bewegt sich der nachdenkliche Musiker durch winterliche Ardennen-Landschaften. Einen kargen Landstrich mitten in Europa, der von spröder Schönheit ist. Nur auf den oberflächlichen Blick hin sind die Ardennen friedliches Territorium. Über diese bewaldeten Hügel sind zwei Weltkriege hinweggezogen. Unvermittelt stehen hier Panzer auf Dorfplätzen, als Dank der Einwohner an die Befreiung durch die US-Armee im Winter 44/45. Eine Landschaft also, die ihre Geschichten und Geheimnisse hütet. Ähnlich mag es sich bei Herrn Lizen verhalten. Laute Töne mag er nicht anschlagen. Lieber mit leiser Falsettstimme über Dinge nachsinnen, die wir nur in Ansatzen verstehen. Es ist aber gerade diese bewusste Kargheit, die hier überwältigt. Wer nun neugierig geworden ist: Via Bandcamp hat der Barde im Frühjahr eine vier-Song-EP mir dem simplen Namen „Démos“ herausgebracht. Und beim Lauschen dieser reduzierten Töne entsteht eine kleine, aber sehr tröstliche Wärme.