Ivy Falls: Fien Deman springt ins Unbekannte

Die Stimme von Fien Deman ist unverwechselbar. Wer sie als Sängerin der Genter Dreampopster I Will, I Swear erlebt hat, wird sie so schnell nicht vergessen. In Erinnerung geblieben ist der erste Deutschland-Auftritt des schüchternen Quartetts beim Golden Leaves Festival in Darmstadt, als mit der zarten Traumverlorenheit dieser Songs mitten am Nachmittag bereits eine zartblaue Dämmerung hereinbrach. Von I Will, I Swear hat man seit geraumer Zeit keine neuen Töne mehr gehört. Vielleicht das auch ein Grund, warum die Sängerin jetzt in neue Gefilde aufbricht?

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Fien Deman will über den gehobenen Flüsterpop hinausgehen und hat ihr Soloprojekt gegründet, bei dem es mehr in Richtung reduzierten Elektronikpop geht, zu dem man verlangsamt tanzen kann. Ivy Falls heißt diese musikalische Neuorientierung. Es ist sind verschattete Pastellsounds, die Fien Deman hier pflegt. Sehr elegante, zart angejazzte, leicht chansoneske Töne, denen man in den Stunden zwischen Tag und Traum bestens lauschen kann. Geheimnisvoll und erwachsen kommt die Stimme der Sängerin heute daher. Nur noch ein Hauch Schüchternheit ist geblieben. Fien Deman strebt dazu eher auf den mitternächtlichen Dancefloor als ins stille Kämmerlein für Solo-Träumer. Eine Konstante gibt es aber: Die zarte, schwebende Melancholie ist geblieben, wie auf dem einzig bislang vorliegenden Track „Silver“ deutlich zu hören ist. Musikalische Unterstützung hat sich die Chanteuse bei Mitgliedern von  Sleepers´Reign und Tsar B geholt. Die Debüt-EP von Ivy Falls soll in naher Zukunft herauskommen und den schönen Titel „Mean Girls“ tragen. Klingt so gar nicht mädchenhaft!

(Foto: ©Alexander Popelier)

Ob Du wohl dasselbe fühlst? Sleepers´ Reign

Herzen himmelhoch schlagen lassen. Bewusst die großen Gefühle zelebrieren. Endlose Sehnsüchte wecken. Das muss man sich erst mal trauen! Und wenn man dabei keineswegs pathetisch oder peinlich klingt, sondern trotz der Annäherung an the big music auch noch leicht und elegant, dann lässt das doch aufhorchen. Sleepers´ Reign aus der flandrischen Kleinstadt Herentals (ich muss sofort an Harrenhal & Arya Stark denken). sleepers reignDie vier Jugendfreude aus der Provinz wollen sich mit ihrem emotional aufwühlenden Elektronikpop erst gar nicht mit Klein-Klein begnügen, sondern schreiben majestätisch ausufernde Soundtracks für Menschen mit angeknacksten Herzen, die dringend des Trostes in Form musikalischer Schönheit bedürfen. Das könnte fast schon in Richtung Synthie-Stadionpop gehen, wenn diese Töne nicht so zart gesponnen wären. Und weil das Piano keineswegs sentimental, sondern superempfindsam klingt! Dazu diese Falsettstimme und die hingebungsvollen Harmoniegesänge! Und ganz gegen Ende des sehr feinen Track “Four Dots” wagen es die Vier, kurzzeitig in euphorische Gefühle auszubrechen. Hach! Das ist Melancholie in Cinemascope! Und wenn es jetzt einer wagt, leise “Coldplay” zu sagen, dann wird der oder die von mir gehauen. Weil diese Töne viel zu fein für effekthascherisches, falschgefühliges Coldplay-Gesäusel sind!

Warum haben wir von Sleepers´ Reign bislang noch nichts gehört? Weil die Band bisher nur eine EP mit zwei Tracks herausgebracht hat. Außer “Four Dots” übrigens noch ein elektropoppiges Cover von Bob Dylans Klassiker “Like A Rolling Stone”. Ausgerechnet! Wie bereits gesagt: Diese Jungs trauen sich was! Und stehen kurz vor Veröffentlichung ihres ersten Longplayers, so weit ich das übersehe. Dass aus Herentals fast schon postrockig ausufernde Synthie-Balladen kommen, hat sich inzwischen bis ins ferne Texas herumgesprochen: Sleepers´ Reign gehören zu den handverlesenen Musikern, die im kommenden Jahr beim SXSW-Festival im texanischen Austin spielen.