Belgien boomt beim Reeperbahn Festival!

Das ist ein Novum: Erstmals gab es zwei Gewinner beim Anchor Award auf dem Reeperbahn Festival 2018.  Mit dem Preis werden seit einigen Jahren die besten Newcomer ausgezeichnet. Zwei Gewinner, aber die stammen aus einem Land, nämlich Belgien: Die Entscheidung zwischen Tamino (Foto: Ramy Moharam Fouad)und Faces On TV wäre auch wirklich schwergefallen! Keine Frage: Belgien boomt! Und trotz hochkarätiger Konkurrenz hatten die beiden Herren am Ende die Nase vorn bei einer internationalen Jury vorne, die von Linda Perry angeführt wurde. Beide Musiker sind auf Plan My Escape bereits lobend erwähnt worden (ich müsste ja an meinem guten Geschmack zweifeln, wenn ich diese beiden großen Talente in der Vergangenheit ignoriert hätte!) Unvergessen etwa das Tamino-Konzert vor knapp einem Jahr auf dem Explore The North-Festival im niederländischen Leeuwarden, wo der junge Mann das Publikum zu stehenden Ovationen hinriss! Oder das ebenso intime wie intensive Konzert von Faces On TV in einem eleganten Brüsseler Abrisshaus vor knapp drei Jahren! Keine Frage, beide Musiker haben in der Zwischenzeit an Bühnenerfahrung mächig dazugewonnen. Beim Konzert am Samstag zu sehr später Stunde in der Sankt Pauli Kirche schien Tamino immer noch überwältigt und kämpfte gegen einem leichten Reizhusten, aber auf seinen Gesang wirken sich diese Probleme nicht aus. Irgendwo in seiner ganz eigenen Nische zwischen Jacques Brel, Tom Waits, Leonard Cohen, Nick Cave und orientalischen Klängen bewegte sich die Nachwuchskraft hier. Das Debütalbum „Amir“ kommt in knapp einem Monat heraus. Das reduzierte, samtige „Persophone“ ist die perfekte Einstimmung:

Leidenschaftlich und souverän dagegen Jasper Maekelberg (Foto: Alexander Popelier), der Kopf von Faces On TV. Der Mann mag smarten, schwülen und urbanen Pop, der mit dem Attribut „psychedelisch“ nur sehr ungenau beschrieben ist. Dasss er ein Freund der eleganten Düsternis und dem gehobenen Müßiggang keineswegs abgeneigt ist, zeigt schon der Titel seines Debütalbums „Night Funeral“. Tanzbare Töne kann der Mann, aber nachdenkliche natürlich auch. Dass er auch bei Warhaus, dem Projekt seines Freundes Maarten Devoldere von Balthazar mitmischt, überrascht nicht wirklich. Belgien ist ein kleines Land, die Musiker kennen sich natürlich alle untereinander. Faces On TV braucht übrigens keine Referenzen, Herr Maekelberg schafft das auch selbstbewusst alleine! Auf die Reeperbahn hatte er eine bestens aufgelegte Begleitband mitgebracht, die das Publikum im Nochtspeicher ziemlich ins Schwitzen brachte. Merke: Auch Männer können lasziv! Sexy sowieso! Und angenehm dekadent geht sowieso immer!

 

A star is born? Tamino

Wenn ein absoluter Newcomer wie Tamino das Publikum außerhalb seines Heimatlandes in einem vollbesetzten Konzertsaaal zu Standing Ovations hinreißt, dann ist das etwas Besonderes. Aber genau so ist es geschehen, am Samstag in der Lutherse Kerk in Leeuwarden beim wunderbaren Explore The North Festival in der friesischen Provinz. „Melancholische Lieder vom belgischen Supertalent“ heißt es in der Konzertankündigung. Vom Singer-Songwriter aus Antwerpen ist dort auch die Rede, aber mit harmlosen Klampfenjünglingen hat der 20jährige mit dem dunklen Lockenkopf nichts gemein. Sehr erwachsen, sehr tiefgründig und bewusst zurückgenommen klingen Taminos Songs an diesem kalten, verregneten Abend. Mit lauten und marktschreierischen Tönen hat der schlacksige Jüngling mit belgisch-ägyptischen Wurzeln nichts zu tun. Eher mit der fatalistisch-zärtlichen Flachen-Flanderland-Ästhetik seines berühmten Landsmannes Jacques Brel. Oder der dunklen Poesie eines Leonard Cohen. Die große Geste eines Jeff Buckley ist ihm nicht fremd. Alles ehrfurchgebietene Namen, aber an diesem Abend ist es spürbar: Dieser junge Grenzgänger zwischen Chanson, orientalischen Sounds und anspruchsvollem Melodram verfügt über eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz und ein sehr feines Händchen für Zwischentöne. Und einen beachtlichen Stimmunfang.  Und ganz gegen die Tradition bei Festivals fordert das Publikum in der Lutherkirche so energisch und einmütig eine Zugabe, dass diese auch gewährt wird. Beim ach so intim startenden „Habibi“ hält der gesamte Saal den Atem an.

In Belgien sind Taminis Konzerte ausverkauft

Die Mama hat Tamino Moharam Fouad in weiser Voraussicht nach dem Helden aus Mozarts „Zauberflöte“ benannt und im in frühester Jugend die Platten von Serge Gainsbourgh,  Tom Waits, des malischen Sängers Oumou Sangaré und natürlich der ägyptischen Diva Umm Kulthum vorgespielt. Sehr gut gemacht, Mama! Tamino hat bislang eine EP vorgelegt. Der dunkelblau schwebende Song „Cigar“ kündet ebenfalls von hoher Empfindsamkeit! In Belgien hat die Nachwuckskraft bei Nachwuchswettbewerben vorne mitgemischt und ziemlichen Eindruck hinterlassen. Bei den holländischen Nachbarn an diesem magischen Abend aber auch!

(Foto: Ramy Moharam Fouad)