Nachtblaue Töne mit Mannequins On 7th Street

Um die Mitternachtsstunde kommen die bittersüßen Gedanken. Das kleine Lächeln über all die wunderbaren Dinge, die mit uns passiert sind. Die Sehnsucht nach dem unwiederbringlich Vergangenen. Die leise Trauer über die entscheidenden Sätze, die wir nicht gesagt haben. Von dieser Stimmung ist der feine Track „Midnight“ geprägt, den die Brüsseler Elektropopsters Mannequins On 7th Street neu veröffentlicht haben. Tim de Fontaine und Alexandre Lambrecht kommen ursprünglich aus Brüssel und sind jetzt, so weit ich das überblicke,nach London umgezogen. Monsieur Lambrecht ist unter dem Namen Halehan zudem solo als Singer-Songwriter unterwegs und klingt dabei wie der junge Teitur, was nicht die schlechteste Empfehlung ist. Der neue Track „Thunder Baby“ ist ein schönes Stück Befindlichkeits-Liedgut. Aber ich schweife ab! Denn alles fing damit an, dass Alexandre mir eine sehr nette, höfliche Mail schrieb und  mich auf Mannequins on 7th Street aufmerksam machte. Ohne marktschreierisches Promo-Gedöns. Das war schon mal ein guter Anfang! Aber auch die Musik des Duos überzeugt: Fein zurückgenommener, angenehm sehnsüchtiger und wunderbar grenzwertmelancholischer Elektropop. Ein Hauch The XX schwebt über diesen elegant nachtblauen Tönen. Wer nach Mitternacht noch Lust auf mehr hat, kann in die vor rund einem Jahr veröffentlichte EP „Superblue“ hereinhören und sich ganz dem sanften Seelenschmerz hingeben.

Die Welt vergessen mit Hydrogen Sea

Die schnöde Welt mit ihren Zwängen außen vor lassen und lieber an eisigen Winternächten in den kalt glitzernden Sternenhimmel schauen. Oder an warmen Sommerabend gen flirrende Milchstraße blicken. So könnte der kreative Schaffensprozess von Hydrogen Sea aus Brüssel beginnen. Die Stimme von Sängerin Birsen Uçar schwebt wie ein blasser, abnehmender Mond über feinen elektronischen Soundlandsschaften, die der Multiinstrumentalist PJ Seaux entwirft. Weniger ist hier unbedingt mehr. Hydrogen Sea lieben die Welt der Zwischentöne und der feinen Andeutungen. Bewegen sich irgendwo zwischen Dreampop, sensiblen Electronica und Flüsterpop. Als Brüder und Schwestern im Geiste lächeln The XX, Beach House oder Massive Attack über diesen zerbrechlichen, nächtlich verlangsamten Tönen. Und das man jüngst den Song „Wandering Star“ von Portishead coverte, passt genau ins Bild. Man könnte das belgische Duo mit seinem Faible für leicht verschwurbelte Elfentöne übrigens auch im nebelverhangenen Island verorten, denn Sóley oder Emiliana Torrini würden als gute Feen an der Wiege dieser jungen Band ein stimmiges Bild abgeben.

Die krausen Gedanken schweifen lassen kann so sinnlich und geheimnisvoll klingen! In der Großstadt Brüssel fühlen sich Hydrogen Sea am rechten Ort – da keiner diese quirlige, widersprüchliche und trotzdem offene Stadt richtig versteht (sie selbst eingeschlossen), entsteht eine besondere Atmopshäre eigentümlicher Schönheit, welche die eigene Kreativität befeuert. Flüchtig bleiben wie das Wasser – für Hydrogen Sea ein anstrebenswerter Zustand. Das Duo hat bislang die sehr feine EP “Court the Dark” vorgelegt und werkelt eifrig an neuem Material. Ich poste hier ausnahmsweise gleich zwei Songs, da sie gleichermaßen gut gefallen: Das scheinbar naive, märchenhafte, mädchenhafte „Leave A Mark“ mit seinen dunklen Untertönen und das melancholisch-weltvergessene und sehr winterliche „End Up“.