Ivy Falls: Fien Deman springt ins Unbekannte

Die Stimme von Fien Deman ist unverwechselbar. Wer sie als Sängerin der Genter Dreampopster I Will, I Swear erlebt hat, wird sie so schnell nicht vergessen. In Erinnerung geblieben ist der erste Deutschland-Auftritt des schüchternen Quartetts beim Golden Leaves Festival in Darmstadt, als mit der zarten Traumverlorenheit dieser Songs mitten am Nachmittag bereits eine zartblaue Dämmerung hereinbrach. Von I Will, I Swear hat man seit geraumer Zeit keine neuen Töne mehr gehört. Vielleicht das auch ein Grund, warum die Sängerin jetzt in neue Gefilde aufbricht?

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Strebt mit Ivy Falls auf den mitternächtlichen Dancefloor: Fien Deman.

Fien Deman will über den gehobenen Flüsterpop hinausgehen und hat ihr Soloprojekt gegründet, bei dem es mehr in Richtung reduzierten Elektronikpop geht, zu dem man verlangsamt tanzen kann. Ivy Falls heißt diese musikalische Neuorientierung. Es ist sind verschattete Pastellsounds, die Fien Deman hier pflegt. Sehr elegante, zart angejazzte, leicht chansoneske Töne, denen man in den Stunden zwischen Tag und Traum bestens lauschen kann. Geheimnisvoll und erwachsen kommt die Stimme der Sängerin heute daher. Nur noch ein Hauch Schüchternheit ist geblieben. Fien Deman strebt dazu eher auf den mitternächtlichen Dancefloor als ins stille Kämmerlein für Solo-Träumer. Eine Konstante gibt es aber: Die zarte, schwebende Melancholie ist geblieben, wie auf dem einzig bislang vorliegenden Track „Silver“ deutlich zu hören ist. Musikalische Unterstützung hat sich die Chanteuse bei Mitgliedern von  Sleepers´Reign und Tsar B geholt. Die Debüt-EP von Ivy Falls soll in naher Zukunft herauskommen und den schönen Titel „Mean Girls“ tragen. Klingt so gar nicht mädchenhaft!

(Foto: ©Alexander Popelier)

Die Welt steht still mit Jan Swerts

Den besten Start ins neue Jahr bietet im neuen Jahr stets das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen in der zweiten Januarwoch. Natürlich fahre ich hin, ich rieche schon die Waffeln und den Fisch auf dem Marktplatz! Jede Menge europäische Newcomer und natürlich auch viel versprechende Newcomer aus dem Nachbarland Belgien sind vertreten, die sich in Groningen unter der Flagge Belgium Booms At Eurosonic versammeln. Ganz besonders freue ich mich auf Warhaus und auf Tsar B. Und auf Jan Swerts!

Denn jaaanJan Swerts, der Minimalistik-Popster aus dem Örtchen Sint-Truiden, versteht es auf wunderbare Weise, die laute Welt zum Stillstand zu bringen. Swerts ist der Mann, der Trost in der Melancholie findet. Der Musiker bewegt sich zwischen Neoklassik, reduzierter Filmmusik und erhabenem Postrock. Dass Herr Swerts stimmlich nicht wenig an Sigur-Rós-Sänger Jónsi erinnert, das lässt die isländischen Assoziationen fliegen! Der Mann am Piano hat kürzlich sein drittes Album „Schaduwland“ (Shadowland) vorgelegt, das er als „den verzweifelten Soundtrack einer zombiefizierten Existenz“ bezeichnet, nachdem ihm das Schicksal im Jahr 2014 mehrere üble Tiefschläge verpasste. Krankheit, Tod der Mutter,Einsamkeit. Aber keine Angst: Das ist sind wahrlich keine Depri-Sounds, die Swerts hier vorlegt, sondern feinfühlige Miniaturen, die den Schmerz auf zärtliche Weise sublimieren. Zu diesen dunkelblauen Tönen mag man traumverloren die Augen schließen! Und es passt natürlich bestens, dass der Musiker sein Album in Groningen in der wunderbaren Kathedrale vorstellt, der AA Kerk. Wo immer die andächtigste Atmosphäre auf dem Festival herrscht, aber die geschäftstüchtigen Holländer gerne ein Glas Wein verkaufen, an dem man sich zu feierlichen Tönen festhalten kann. Das stimmungsvolle Live-Video von Sverts im legendären Club Ancienne Belgique in Brüssel steigert die Vorfreude! Zu den schönsten Tracks gehört das streicherumschmeichelte „Kijk, Jessica, kijk naar al die lege wegen“.

 

 

Die neue Scheherazade: Tsar B

Es wird Zeit, über Tsar B zu sprechen. In der belgischen Dance- und Indie-Szene hat die Musikerin in diesem Jahr bereits reichlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Nicht zuletzt durch ihr Duett mit Über-Durchstarter  Max Colombie alias Oscar And The Wolf. Die beiden covern überzeugend den Amy-Winehouse-Klassiker „Back In Black“, der im Soundtrack für den preisgekrönten Streifen „Black“ der belgischen Filmemacher Adil El Arbi und Bilall Fallah eine wichtige Rolle spielt. Der britische Guardian hat unlängst Lobeshymnen über den Film verfasst, der den beiden jungen Regisseuren den Weg in die US-Filmbranche geebnet hat. Von Molenbeek nach Hollywood sozusagen! Das laszive Film-Noir-Duett könnte sich seinerseits als Türöffner für Tsar B erweisen. Und Amy Winehouse hätte sicherlich nichts gegen diese Interpretation einzuwenden!

Tsar B ist der Bühnenname von Justine Bourgeus, die bislang vor allem als Violinistin und Synthiezauberin der belgischen Barackpopsters School Is Cool auf sich aufmerksam gemacht hat. Bei Tsar B gibt es vor allem die warme, verführerische Stimme von Mademoiselle Bourgeus zu entdecken! Und die Inspiration, die von Aladdins Wunderlampe ausgeht! Tsar BDenn Tsar B nennt als einen ihrer wichtigsten Einflüsse das Musical „Aladdin“, das bei ihr in jungen Jahren bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Also nimmt uns die Nachwuchskraft mit auf dem fliegenden Teppich und verbindet orientalische Rhythmen gekonnt mit sinnlichen R´n´B-Elementen. Garniert sie mit donnernden Beats, treibenden Bässen und atmosphärischen Synthies. Und irgendwie wabert die gute alte westliche Orient-Sehnsucht durch diese Tracks! Tsar B sieht diese durchaus magischen Töne unbedingt in der Farbe Dunkelblau. Und natürlich spielt sie mitunter auch noch die Geige dazu! Bei ihren Bühnenshows blendet diese junge Frau gerne Hintergrundbilder mit Werken von Marc Chagall ein, die sich bestens in das geheimnisvolle Ambiente einfügen. Ende des Monats kommt ihr selbst betitelte Debüt-EP heraus, auf der sich sicherlich der feine Track „Myth“ finden wird.

Foto Alexander Popelier